Die echte Huckleberry lebt

20.08.2010 | 18:26 |  von Ute Woltron (Die Presse)

Mark Twain ist zwar seit bereits 100 Jahren tot, doch endlich hat die namensgebende Frucht seines wichtigsten Romanhelden auch die hiesigen Gefilde erreicht.

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Es kann auch im Spätsommer nicht genug darauf hingewiesen werden, dass das Jahr als Mark-Twain-Jahr begangen wird. Dem Autor dürfte derlei Huldigung einerlei sein, denn er segnete vor 100 Jahren das Zeitliche. Doch diejenigen, die sein erdig-brachiales und von Silberfäden feinsten Humors durchzogenes literarisches Werk schätzen, können die anderen, die Nicht-Twainianer, endlich termingerecht darauf hinweisen, was ihnen entgeht, wenn sie Romane wie „Tom Sawyer“ oder „Huckleberry Finn“ als Kinderliteratur abtun und somit auch dem Rest Twain'schen Schaffens ignorant gegenüberstehen – diese armen Wanderer im Dunkeln. Aber egal, ob Sie das leuchtende Universum Mark Twains bereits betreten haben oder nicht – wir dürfen Ihnen, zumindest was den Namen des Huck-Finn anlangt, ein wenig auf die Sprünge helfen. Denn woher, das fragten sich nun schon mehrere Generationen abenteuervertiefter Leserinnen und Leser diesseits des Atlantiks, kommt dieser absurd anmutende, jedoch so lustig erst durch die Kehle und sodann über die Zunge hüpfende Name Huckleberry?

Für die endemisch-amerikanischen Leser war er schlüssig: Im 19. Jahrhundert wurde der Begriff Huckleberry als Synonym für Minderwertiges und Schäbiges verwendet. Huckleberry Finn war ein Outcast wie die Huckleberry selbst, und die wächst wild sowohl an den Gestaden des Mississippi als auch in weiten Teilen der USA. Und, seit dieser Saison, unter anderem auch in meinem Garten.

Ich huldige Mark Twain mit dieser Huckleberry, und das verdanke ich den genialen Samensammlerinnen und Sammlern der Arche Noah und der Reinsaat. Da diese beiden segensreichen, der Erhaltung und Verbreitung seltener und interessanter Öbster und Gemüser verpflichteten Institutionen mittlerweile hochprofessionell organisiert sind, konnte ich vergangenen Winter die Huckleberrysamen nebst zumindest vier Dutzend anderen verheißungsvollen Varietäten diverser Pflanzen via Internet erwerben (siehe www.reinsaat.at). Dort heißt die wissenschaftlich korrekt Solanum scabrum genannte, einjährige und gut über einen Meter hoch wachsende Pflanze mit den kirschgroßen Beeren zwar Schwarzbeere, doch handelt es sich dabei exakt um die Huckleberry.

 

Mit Heidelbeeren nichts zu tun

Sie können davon ausgehen, dass ich das ausnehmend sorgfältig recherchiert habe, denn ich bin mit Twain einer Meinung: „Bildung ist etwas, was man ganz ohne Beeinträchtigung durch den Schulunterricht erwerben muss.“

Diese Schwarzbeeren haben mit Heidelbeeren gar nichts zu tun. Doch selbst in den USA wird die Huckleberry/Blackberry dauernd mit den Blueberries/Heidelbeeren verwechselt. Wie sie überhaupt dorthin gekommen ist, konnte ich bedauerlicherweise bis dato nicht herausfinden, denn ursprünglich stammt sie aus Westafrika. Gegebenenfalls kam sie mit den Vorfahren von Huckleberrys Weggefährten, dem entlaufenen Sklaven Jim, ins Land, doch das ist Spekulation.

Fest steht, dass meine Huckleberry-Ernte demnächst beginnt. Aus den im April mit aufgeregter Vorfreude versenkten Samen wuchsen kräftige Pflanzen, die ab Ende Mai in Töpfen und ausgepflanzt unter freien Himmel kamen. Beides erwies sich als probat. Die Pflanze braucht volle Sonne, gut Dünger und viel Wasser. Ende Juni begann sie zu blühen, die rasch auftauchenden Beeren verharrten lange in Grün, begannen eine Verwandlung über Dunkellila zu Blauschwarz und schauen nun gefährlich giftig wie Tollkirschen aus. Sobald sie vollreif sind und abzufallen beginnen, wird eingekocht und experimentiert. Wie sie schmecken werden, weiß ich also nicht. Egal: „Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt.“

Die Huckleberry schaut auf den ersten Blick tatsächlich wie eine besonders reich tragende Tollkirsche aus. Wahrscheinlich wird sie aus diesem Grund gelegentlich für giftig gehalten – und so weit hergeholt ist dieser Verdacht nicht. Als Nachtschattengewächs sollte die Schwarzbeere nur im reifen Zustand genossen werden, unreif enthält sie, wie andere Nachtschattengewächse das Gift Solanin.

Mit dem bei uns beheimateten Nachtschatten Solanum Nigrum ist sie zwar eng verwandt, Verwechslungen sind jedoch aufgrund der Größe von Pflanzen und Beeren ausgeschlossen.

Marmelade & Co: Gute Anregungen für Rezepte gibt es im Internet: Aber lassen Sie sich nicht in die Irre führen, selbst in den USA wird diese große Beere mit den kleinen Heidelbeeren/Blueberries verwechselt.

Afrikanischer Ursprung: Am weitaus interessantesten wären natürlich die ursprünglichen afrikanischen Rezepte aus der Heimat dieser eigenartigen Frucht. Wie stets befinde ich mich in der Hoffnung auf Anregung Ihrerseits unter ute.woltron@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2010)

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