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Cloches: Gut behütet ist halb geerntet

10.02.2012 | 18:38 |  von Ute Woltron (Die Presse)

Wir alle sind eigentlich königliche Küchengärtner, weil wir uns, oft ohne es zu wissen, vom Obst- und Gemüsegärtner des Sonnenkönigs anregen lassen.

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Als Ludwig XIV. in den 1660er-Jahren beschloss, seines Vaters Jagdschlösschen in Versailles zu jener Residenz auszubauen, die als die unbescheidenste in die Geschichte aller Residenzen eingehen sollte, beauftragte er die besten Kräfte der Grande Nation: Den Architekten Lois Le Vau, den Maler Charles Le Brun, den Gartenarchitekten Andre Le Notre. Doch dann war da noch der Job des Küchengärtners zu besetzen, und der war in einer Zeit vor transkontinentalen Nahrungstransporten nicht unwesentlich.

Diesem Nutzgarten, Potager genannt – „der Garten, in dem die Zutaten für die Suppe wachsen“ –, kam besondere Bedeutung zu, weil er den unbescheidenen Hofstaat von Versailles zu einem Gutteil mit Obst und Gemüse zu ernähren hatte, der immerhin an die dreitausend Menschen zählte.

Zeitensprung ins Jetzt: Stellt heute jemand, was oft passiert, die Frage, ob man sich denn aus seinem Küchengarten tatsächlich selbst versorgen könne, so lautet die Antwort: ja klar! Vorausgesetzt, man hat genug Platz sowie den auch durch widrige Witterungen, verfressenes Getier, Pflanzenseuchen und andere Petitessen nicht zu brechenden Willen, ausgesprochen viel Zeit und Arbeitskraft zu investieren, dann kann man locker von so einem Garten gemüse- und obsttechnisch leben. Worüber man allerdings in gleichem Maß verfügen muss, ist das nötige Wissen – und das wurde zu einem guten Teil in eben jenem Potager zu Versailles perfektioniert.

Deshalb zurück in den Jahrhunderten: Für die Bestellung des Prachtküchengartens holte der Sonnenkönig einen gewissen Jean-Baptiste de la Quintinye, was sich als ausgesprochener Glücksgriff erwies. Denn zum einen legte der zuerst durch allerlei ingenieurtechnische Tricks einen, wie er schrieb, „mit stinkenden Tümpeln“ verseuchten, neun Hektar großen Sumpf trocken, um Platz für die Anlage zu haben.

 

Anspruchsvolle Architektur

Zum anderen verbündete er sich mit Lois Le Vaus Nachfolger als Architekt: Jules Hardouin Mansart, nach dem bis heute die abgeknickten Mansarddächer benannt sind. Sie entwarfen eine architektonisch anspruchsvolle, in Terrassen gegliederte Gemüsegartenanlage. Darin perfektionierte Quintinye, von der Gefräßigkeit und der Neigung seines Herren zum Exquisiten angetrieben, Gartentechniken, die wir heute noch nutzen.

Ein paar Beispiele: Der gezielte Einsatz von fein gemischten Komposten geht ebenso auf den königlichen Küchengärtner zurück wie der Trick, mit Pferdedung zu heizen. Der verrottende Mist wärmte nicht nur die Wurzeln überwinternder Orangenbäume, sondern, klug unter Humusschichten eingebracht, ganze Beete. Die waren in reizenden Geometrien angelegt, mit Buchs eingefasst, mit Mauern befriedet. Denn an Mauern und deren wärmende Talente und als Windschutz glaube Quintinye insbesondere. Außerdem war es ihm ein Anliegen, durch die Eleganz der Rabatte den König auch in diesen Bereich des Parks zu locken, was ihm gelang.

Ludwig XIV. pflegte seine Gäste gern durch seinen imperialen Küchengarten zu führen, wo er sie darin bestärkte, selbst zu ernten und beispielsweise die eine oder andere Erdbeere oder seine Lieblingsbirnen zu verkosten. Der Erfolg gab Quintinye in allem recht: Der Garten, der weitestgehend unverändert erhalten geblieben ist, wirft bis heute rund 80 Tonnen Obst und Gemüse pro Saison ab.

Eine Erfindung des königlichen Gärtners nennt man Cloche. Das ist ein hoher Glassturz, der zum Schutz gegen kalte Nächte und kühle Tage über Pflanzen gestülpt wird. Diese Cloches sind im Frühling in Frankreich und in England in jedem Gemüsegarten anzutreffen.

 

Gurkengläser tun es auch

Hierzulande sollten sie sich auch irgendwann durchsetzen. Man kann sie um sündige Summen kaufen, es ist aber nicht nötig, wenn man über kunststoffene, abgeschnittene Wasserflaschen oder größere Marmelade- und – ideal! – Gurkengläser verfügt. Wer also kein Glashaus besitzt, kann seine frühen Salat-, Gurken- und Kohlrabipflänzchen mit selbst gemachten Cloches ausgezeichnet schützen. Das schaut nicht ganz so gediegen aus wie in des Sonnenkönigs Gemüsereich, doch erfüllt es den Zweck. Die Saison wird deutlich verlängert, das Ziel, aus dem eigenen Garten zu leben, rückt näher. Sammeln Sie jetzt schon, der Frühling ist nah.

Gartentipps

Bauanleitung: Kunststoffflaschen werden so abgeschnitten, dass ein Miniaturglashaus entsteht. Man kann beide Seiten verwenden. Ist es noch kalt, empfiehlt sich die geschlossene Seite, später kann man zu der mit der Öffnung übergehen. Das hilft auch gegen Überhitzung. Verwenden Sie die Konstruktionen auch für Stecklinge, sie wachsen viel besser an. In windigen Gegenden müssen Sie sie ein wenig eingraben oder zum Gurkenglas übergehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2012)

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