Ramblerrosen sind die schnellsten

17.02.2012 | 16:54 |  von Ute Woltron (Die Presse)

Das Schneiden der Rosen. Noch ist es viel zu früh, der Frost lauert noch in allen Ritzen. Bei manchen Ramblerrosen sollte man sich überhaupt noch viel länger Zeit lassen.

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Folgenden Traum hegte ich vor einigen Jahren: Die kleine Gartenhütte möge von einer prächtigen Rose überwuchert inmitten des Gemüsegartens stehen. Unter tausend Blüten sollten Sense, Heundel und Krampen lagern. Bienen sollten mich umsummen, während ich auf dem Vorplatz sitzend mit gemessener Seelenruhe die Sichel wetzte. Das Idyll, das mir vorschwebte, hatte etwas von britischen Rosenzüchtermagazinen, in denen solche „Sheds“ gern abgebildet sind. Sie stehen alle an unberührten Orten, wo die Welt noch heil ist, in Gärten, an denen, abgesehen vom jahreszeitlichen Wechsel, die Zeiten irgendwo in der Ferne vorbeihasten. Genau das wollte ich. Idyll. Ewigkeit. Ruhe.

Die Hütte selbst war ebenfalls zeitlos, ein Relikt aus einem anderen Garten, wo sie nicht mehr geduldet worden war. Zapzarap – und schon ward sie mein. Neu aufgebaut und von eigener Hand cremeweiß gestrichen stand sie da, ein wenig nackt und unbewachsen noch, doch in solchen Fällen weiß man sich zu helfen. Dann greift man gern auf kletternde Rosen zurück. Ja, die Kletterrose! Eine wunderbare Erfindung der Rosenzucht. Ganze Bibliotheken füllt sie mit ihrer charaktervollen Geschichte.

Zumindest einen Teil dieser Bibliotheken hätte ich studieren sollen. Denn Kletterrose ist nicht Kletterrose, doch das wusste ich damals noch nicht. Die Rose der Wahl hieß „Bobby James“. Sie war auf einer dieser Kunststoffplaketten, die man dank ewig verwickelter Gummischnüre nur mühsam von gekauften Rosen zu nesteln pflegt, als „Kletterrose“ und „weiß blühend“ sowie „duftend“ angegeben. Dass daneben noch das Prädikat „wüchsig“ stand, steigerte meine Zuneigung, denn der Zustand der Zeitlosigkeit sollte natürlich möglichst rasch herbeigeführt werden. Je schneller man den Zeitläuften entflieht, desto besser.

Alles, was da über Bobby James geschrieben stand, stimmte. Binnen zweier Jahre war die gesamte Gartenhütte völlig überwuchert. Im Juni, zur Zeit der Blüte, saß ich bienenumsummt unter tausenden kleinen Dufteröschen in Weiß und wetzte glücklich die Sichel. Doch wohin wächst die Rose, wenn schließlich alles überwachsen ist?

Rosenranken vor der Tür!

Sie erobert erst den Luftraum. Dann das Fenster. Zuletzt den Eingang. Als schließlich der Moment erreicht war, da Bobby James durch das Dach eindrang und ich die Türe vor lauter Rosenranken nicht mehr öffnen konnte, begann ich, einen Rückschnitt zu erwägen.

Das ist im Falle der Rosen keine geringe Herausforderung, denn je nach Art sind sie höchst unterschiedlich zu behandeln. Wenigstens so viel war mir in dieser Rosenanfängerzeit bekannt. Ich studierte den Schnitt der Kletterrose, und das war natürlich ganz und gar falsch, denn Bobby James ist unter den Kletterrosen ein Rambler und gesondert zu behandeln. Vorab für alle, die es nicht wissen: Rambler nennt man die allerwüchsigsten Rosenvagabunden, die man sich vorstellen kann. Rambler wachsen mit erstaunlicher Geschwindigkeit, werden riesengroß, erobern beispielsweise bis zu zehn Meter hohe Bäume binnen weniger Jahre, treiben Ranken, die viele Meter lang werden und überall hinauf- und hineinkriechen, wo sich ihnen Gelegenheit bietet.

Rambler sind, um es kurz zu machen, ein kaum zu bändigender Rosenwahnsinn, und im Falle von Bobby James unter anderem für die größten, kräftigsten und spitzesten Dornen der Rosenwelt berühmt. Selbstverständlich zeugt es von charakterlicher Schwäche, wenn sich jemand, der eine Rose schneidet, von aufkeimenden Hassgefühlen auf ebendieses Gewächs leiten lässt. Hingegen möchte ich den kennenlernen, der, begnadet der Stoa verpflichtet, den widerspenstigen, peitschenden Ranken gewachsen ist, in denen man sich schließlich verwickelt wiederfindet.

Der erste Rückschnitt im Frühling fiel also etwas kräftiger aus als eigentlich geplant. Die Rechnung präsentierte Bobby gleich darauf im Juni: viel neues Geranke, jedoch kaum Blüten. Also noch einmal in die Rosenbibliothek, und da steht im Kleingedruckten, dass Bobby James zu jenen Ramblerrosen gehört, die an den zweijährigen Ranken blühen. Der ist noch wehrhafter als gedacht. Wie man ihn bändigt, weiß ich aber mittlerweile: Man schneidet ihn gleich nach der Blüte. Und diese ist, seit ich seinen Charakter respektiere, wieder so, wie man sich das für einen Ort der Zeitlosigkeit vorstellt: ein weißer, summender, duftender Traum.

Gartentipps
Die berühmteste Ramblerrose ist die sehr alte Sorte Paul's Himalayan Musk. Sie blüht zartrosa. American Pillar ist ebenso wüchsig und blüht prachtvoll karminrosa-weiß. Kiftsgate ist die violette Rambler-Variante. Wer den besten Duft bevorzugt, holt sich New Dawn in Rambler-Ausführung in den Garten. Diese legendäre Rose hat porzellanfeine zartrosa Blüten und riecht wunderbar, wie gute Seife in den zeitlosen Wäscheschränken der Omama.

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