Faulheit kann ein Segen sein

08.06.2012 | 21:27 |  Ute Woltron (Die Presse)

Storchschnäbel. Wer Beete einfassen, Flächen überwuchern lassen und mit manchen Gartenzonen gar keine Arbeit haben will, findet Verbündete in den Storchschnabelgewächsen.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Ich weiß, dass ich nicht (sic!) weiß“, sagt Sokrates, und wenn ich selbst überhaupt irgendetwas weiß, dann, dass er damit recht hat. Der Garten erbringt alljährlich den Beweis. Nie kann man vorhersagen, wie alles ausgehen, wie sich alles entwickeln wird. Unerklärliche Rückschläge müssen genau so hingenommen werden wie unerwartete Rekordernten. Nur auf weniges ist dauerhaft Verlass, und immer wieder muss man erkennen, dass man nie alles wissen, nie seinen Garten völlig im Griff haben kann. Doch manche Pflanzen sind unverwüstlich und bilden ein Rückgrat der Verlässlichkeit. Eine dieser erfreulichen botanischen Erscheinungen, die immer und überall gedeihen, wird heute hier gepriesen: der Storchschnabel. In großer Dankbarkeit bekommt der jetzt eine kleine Ode, denn er erleichtert das Gartenleben sehr.

Vorab eine Anekdote über seine Qualitäten: In einer zugegebenermaßen weniger beachteten und nicht so intensiv beschnipselten Ecke dieses Gartens befindet sich neuerdings ein mehrere Quadratmeter großes Storchschnabelfeld, das ab sofort bis in den Hochsommer hinein in rosa Blüte steht. Ein netter Anblick, für den man genau nichts tun musste. Noch vor einem Jahr wuchs dort nur vermoostes Gras – ein abschüssiger, lästig zu mähender Hang neben einer Gruppe ebenfalls unverwüstlicher Rosensträucher.

Die Grenze zu diesem, mehr Arbeit als Vergnügen bereitenden Grasfleck bildete seit jeher ein von Unkräutern so gut wie nicht zu durchdringender Bannkreis aus Storchschnäbeln. Diese Pflanze hat die ausgezeichnete Eigenschaft, äußerst wüchsig zu sein, was allerdings im Wurzelbereich der Rosen im Beet selbst unerwünscht ist. Denn die Rosen brauchen dringend Freiheit und Mulch da unten, die Wurzeln anderer Gewächse stören sie empfindlich. Also wurde der Storchschnabel-Bannkreis an einem heißen Tag des vergangenen Sommers in die Pflicht genommen und ausgedünnt. Alles, was in die Rosenzone gewuchert war, wurde ausgerupft und aus Gründen der Bequemlichkeit nachlässig über die Schulter auf den Hang geworfen.

 

Nur kein Säuberlichkeitswahn!

Da blieb es liegen, denn die Faulheit ist ein Hund und flüsterte mir zu: Ist doch egal, das kann alles auch später weggeräumt werden. Der gärtnerische Säuberlichkeitswahn ist sowieso ein Zeichen schwachen, von Konventionen gegängelten Charakters. Lass uns lieber epikureischen Grundsätzen folgen, an den Rosen schnüffeln, ein paar Kirschen ernten und interessante Wolkenformationen aus der Rückenlage betrachten. Tagelang obsiegte der innere Schweinehund, jedenfalls so lang, bis der Storchschnabelhaufen durchzutreiben und den Grashang flächendeckend zu überwachsen begann.

Eine ausgezeichnete Idee, der ich nichts entgegenhielt. Ein Storchschnabelfeld ist mir viel lieber als eine zu mähende Grasfläche, also werde ich auch noch die restlichen Brachländer dieser Zone überwachsen lassen, indem ich ausgerupfte Storchschnäbel in gezielten Würfen dorthin befördere. Denn bis dato bin ich keinem besseren Bodendecker begegnet.

Doch Storchschnabel ist nicht Storchschnabel. Es gibt an die 400 Sorten der Gattung Geranium in der Familie der Storchschnabelgewächse. Manche sind zierlich und erreichen nur wenige Zentimeter Höhe, andere, wie das hier beschriebene Geranium macrorhizum, auch Balkan-Storchschnabel oder Felsen-Storchschnabel genannt, sind eher raumgreifend und werden bis zu einem halben Meter hoch. Außerdem breiten sich die einen aus, die anderen wiederum bilden prächtige Solitärpflanzen.

Der hier gepriesene Felsen-Storchschnabel zählt logischerweise zu den wüchsigsten Vertretern, und wie bereits erwähnt, eignet er sich wie kaum eine andere Pflanze für die Einfassung von Beeten.

Wer also nicht dauernd Rasenkantenstechen und Unkrautzupfen will, braucht einen Storchschnabel wie diesen. Er gedeiht auch in ganz trockenen Zonen. In der Sonne. Im Schatten. Unter Sträuchern. Überall. Pflanzen Sie ihn in 25-Zentimeter-Abständen, und binnen eines Monats wird er die Lücken geschlossen haben. Apropos Pflanzen: Es reicht, ihn nachlässig ein wenig einzubuddeln, auch Angießen schadet nie. Beginnt er, sich Richtung Beet auszubreiten, können überflüssige Pflanzensprösslinge mit zwei Fingern ausgezupft werden, da er sich über Rhizome ausbreitet und nicht tief wurzelt. Sie können ihn also selbst in Windeseile vermehren. Die Schnecken mögen ihn nicht, wohl aber die Bienen. Er ist einer der Besten, das zumindest weiß ich sicher.

Rat aus der Gartenlaube

Die Storchschnabelblüte wurde noch nicht ausreichend gewürdigt: weiß, rosa, blau, lila – wie es euch gefällt. Die Geranien (nicht zu verwechseln mit den oft fälschlich ebenso genannten Pelargonien) sind dankbare Dauerblüher. Eine der schönsten Sorten ist die nicht wuchernde, fast meterhohe „Rozanne“. Sie blüht violett-blau von Juni bis in den Frost und eignet sich, wie viele andere Geranien, im großen Topf auch gut für Balkone.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Die Autorin

AnmeldenAnmelden