Als mir vor Zeiten jemand eine bestimmte Grünfärbung mit dem Begriff „rosenkäferflügeldeckelfarben“ näherbrachte, war ich sofort für diese anmutige Art, eine Farbe zu erklären, eingenommen. Das schillernde Rosenkäfergrün ist tatsächlich einzigartig. Es ist ein ganz anderes Grün als beispielsweise das satte Grün des Fußballrasens, auf dem das spanische Tiqui-taca-Spiel derzeit so elegant zur Geltung kommt. Und wenn wir schon beim Kicken sind: Auch das irische Grün wäre gut für eine Definition, denn es steht ebenso charakteristisch für sich allein.
Doch zurück zum Rosenkäfer, diesem behäbigen Insektengigant vorsommerlicher Lüfte. Ja, sagte ich damals, man darf jedoch in Definitionssachen ruhig noch präziser sein. Denn es gibt gelegentlich auch Rosenkäfer, die schillern vom Grünlichen ins Kupfrig-Rosige, und die, so will mir scheinen, waren früher öfter zu sehen als heute. Rosenkäfermäßig bin ich frühkindlich geprägt. Vor allem auf den Fliederblüten konnte ich sie in Massen beobachten. Es waren neben den grünen gelegentlich auch rosa-schillernde dabei, das waren die besonderen, die man suchte, und über die man sich freute.
Das wollte man mir nicht glauben. Ich konnte auch keinen Beweis für die tatsächliche Existenz der rosa Rosenkäfer antreten, denn in der Folge sah ich jahrelang nur solche mit Flügeldeckeln in Grün. In diesen Fällen beginnt man an der eigenen Erinnerung zu zweifeln. Vielleicht sieht man als Kind manches anders, denkt man dann, vielleicht malen sich Kinder die Welt bunter, und Grün kann mehr, als Grün zu sein? Doch als sich vergangene Woche eine gewaltige Rosenkäferinvasion nach trägem Anflug auf meinen Rosen niederließ, um stundenlang Nektar und Pollen zu jausnen, was sie übrigens dürfen, denn der Schaden ist gering, da war nach Jahren wieder einer der „Besonderen“ dabei. Je nach Lichteinfallswinkel grünlich-kupfrig oder rosa schimmernd.
Nie lernt der Mensch aus: Ein Studium der Käferschriften ergab, dass es neben dem grünen Gemeinen Rosenkäfer weitere Arten gibt. Zum Beispiel diesen Kupfer-Rosenkäfer. Alle gehören sie zu den Blatthornkäfern. Das ist das eine. Das andere ist: Ich muss einsehen, dass ich Dutzende von ihnen im heurigen Frühling im Stadium des Engerlings ermordete, indem ich sie an die Hühner verfütterte. Hatte ich doch fälschlich angenommen, dass es sich bei den aus der frisch durchgeworfenen Komposterde geklaubten Larven um Maikäferengerlinge handelte. Die fressen die Wurzeln und bringen, zumindest in Massen, alles um, was wächst.
Die Rosenkäferengerlinge hingegen fressen Vermoderndes und gelten bei denen, die sich im Gegensatz zu mir auskennen, als Kompostnützlinge. Sie sind den Maikäferengerlingen sehr ähnlich. Bis zu drei Jahre verbringen Rosenkäfer im Larvenstadium im Boden. Sie fressen Pflanzenreste und vermehren den Humus. In Deutschland sind sie offenbar so selten geworden, dass sie unter Naturschutz stehen. Neuerlich aufgefundene Larven wanderten demzufolge sofort in den Komposthaufen zurück, wo sie sich nun vollfressen und verpuppen dürfen.
Graziöse Ringelnatter
Das Nichtwissen ist eines der großen Übel der Menschheit. In allen Belangen. Ich habe Rosenkäfer ums Eck gebracht und als die Maurer hier einst Grundfesten hochzogen, erschlugen sie eine junge Ringelnatter, und sie waren stolz darauf. Ich hingegen war sehr traurig, denn Ringelnattern gehören zum Graziösesten. Sie beobachten und im Garten beheimaten zu dürfen, ist ein Geschenk. Doch die Männer sahen nur die Schlange und die Gefahr und erschlugen das schöne Tier.
Hätten sie gelernt, dass sie niemals jemandem etwas zuleide tut, wärs nicht passiert. Doch wie gesagt, nie lernt man aus. Als letztens die Iren gegen die Eleganz der Spanier auf dem grünen Rasen der Fußballeuropameisterschaft kein Leiberl hatten und grandios 0 : 4 verloren, hätten sie Gift und Galle spucken können. Das taten sie aber nicht. Die zollten der Schönheit des Tiqui-taca Respekt und begannen zu singen. Wunderbar sangen die, das gesamte irisch-grüne Stadion sang, und dass man trotz Niederlage froh war, stand in den Gesichtern zu lesen. So verkehrten die bezwungenen Iren ein großartiges Spiel zum Sieg für alle. An diesem Abend waren sie eine Art rosa Rosenkäfer, eine fantastische Rarität, an die man unbedingt glauben sollte. Sláinte!
Wenn Sie nächstens Engerlinge im Kompost finden, schauen Sie sich deren Köpfe an. Die Maikäferlarven haben einen bräunlichen, etwas abgesetzten Kopf und deutlich stärker ausgebildete Beinchen. Die Rosenkäferlarven sind fetter und heller. Schlagen Sie sicherheitshalber im Internet nach. Sie finden dort vergleichende Fotos und werden den Unterschied nie mehr vergessen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)
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