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Kreuzschmerz mit Tanzen und Fisch vorbeugen

Bild: (c) Arkana 

Der Orthopäde, Wirbelsäulen- und Schmerzexperte Martin Marianowicz hat wieder ein Buch geschrieben. Es geht um Selbsthilfe bei und Prävention von Rückenschmerzen. "Die Presse" sprach mit ihm.

 (Die Presse)

Die Presse: Was ist die wichtigste Botschaft Ihres neuen Buches „Die Marianowicz-Methode. Mein Programm für einen schmerzfreien Rücken“?

Martin Marianowicz: Das Buch soll für Betroffene eine Hilfe zur Selbsthilfe sein. Ich schreibe da nicht nur über das Wunder Wirbelsäule und die wichtigsten Erkrankungen, über Rückenschmerzen und Behandlungsmöglichkeiten, sondern gebe auch viele Tipps, wie man Rückenproblemen vorbeugen oder was man selbst bei bestimmten Krankheiten machen kann. Schmerzen lassen sich beispielsweise in vielen Fällen rasch mit Selbstakupressur lindern.

Kann man Kreuzweh vorbeugen?

Ja, Prävention beruht auf drei Säulen: Entspannung, Ernährung, Bewegung. Nach Bewegung lechzt unser Rücken geradezu. Noch Ende des 18.Jahrhunderts hat sich der Mensch 13 Kilometer pro Tag zu Fuß bewegt, heute sind es durchschnittlich 500 Meter! Sitzorgien also von früh bis spät. Bewegungsmangel aber schadet der Wirbelsäule sehr, vor allem für die Bandscheiben gibt es nichts Schlimmeres als langes Sitzen.

 

Welche Art von Bewegung ist günstig?

Lange Spaziergänge und Nordic Walking sind besser als Jogging. Wunderbar sind auch Tanzen und Aerobic. Im Prinzip aber ist jede Bewegung gut, Treppe statt Lift, während des Telefonierens herumlaufen, einige Übungen im Büro. Anleitungen dazu gibt es im Buch in Wort und Bild. Das Buch hat überhaupt einen sehr großen Übungsteil mit Tipps, was ich zu Hause machen kann, was im Schwimmbad, was im Fitnessstudio und mit welchen Übungen man Rücken- und Bauchmuskulatur stärken kann. 80Prozent aller chronischen Rückenschmerzen sind nämlich auch auf eine schwache Muskulatur zurückzuführen.

Auch Trinken soll gut fürs Kreuz sein.

Ja, der Rücken braucht Flüssigkeit, zwei bis drei Liter pro Tag, Wasser, Tee, verdünnte Fruchtsäfte sind am besten, Coca-Cola und süße Limonaden sind Kalziumräuber. Die richtige Flüssigkeit hält die Bandscheiben schön prall und elastisch und ist die Grundlage dafür, dass die Zellen der gesamten Wirbelsäule ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden. So bleibt sie besser vor Belastungen geschützt.

Schweinefleisch soll fürs Kreuz ja auch nicht das Beste sein.

Nein, jedes fette Fleisch von Landtieren stört die Aufnahme von Kalzium. Empfehlenswert sind hingegen fette Seefische wie Thunfisch, Lachs, Makrele oder Sardinen. Sie liefern wertvolle Omega-3-Fettsäuren, die Entzündungsbotenstoffe in Schach halten können. Vitamin E wiederum, enthalten unter anderem in Oliven- und Leinöl, in Avocados, Heidelbeeren und Schwarzwurzeln, zerstört schädliche körpereigene Enzyme, die den Abbau von Knochengewebe fördern.

 

Sie empfehlen unter vielem anderem auch Teufelskralle.

Eine Studie der Universitätsklinik Frankfurt zeigte, dass Rückenschmerzen mit Teufelskrallen-Präparaten teilweise effektiver behandelt werden konnten als mit herkömmlichen Rheumamitteln. Und das bei deutlich weniger Nebenwirkungen. Man braucht allerdings etwas Geduld, bis Teufelskralle wirkt. Entscheidend ist der in den Wurzeln enthaltene Wirkstoff Harpagosid. Der ist in der Lage, die Produktion von schmerz- und entzündungsfördernden Botenstoffen zu blockieren.

Welche Rolle spielt die Psyche bei Kreuzschmerzen?

Eine sehr große, jeder Arzt sollte verpflichtet sein, auf die psychische Situation des Patienten einzugehen, zu berücksichtigen, ob er viel Stress, berufliche oder private Probleme hat. Denn wenn man den Rücken erfolgreich behandeln will, darf man auf Psychosomatik auf keinen Fall verzichten. Die psychosoziale Situation eines Menschen hat in den meisten Fällen einen größeren Einfluss auf eine Chronifizierung des Schmerzes als die organische Grundlage des Schmerzes selbst.

Sie als Wirbelsäulenchirurg operieren nicht mehr, warum?

Weil ich gesehen habe, was wir Chirurgen anrichten. Die meisten Rückenoperationen sind sinnlos, sie schaden mehr als sie nützen. Es gibt keine einzige Studie, die nachweist, dass eine operative Therapie bessere Ergebnisse hat als konventionelle Behandlung, eine Operation aber ist immer mit wesentlich größeren Risken behaftet. Deutschland gehört bezüglich Operationen am Rücken zu den führenden Ländern, hier wird fünfmal so häufig operiert wie etwa in England. Österreich liegt zwar 30Prozent unter den Deutschen, aber die Zahl der Rückenoperationen ist noch immer etwa doppelt so hoch wie in Frankreich.

Wie kann ich als Laie eine Operation verhindern?

Man muss den richtigen Arzt finden. Im Buch gibt es ein paar Tipps und eine Checkliste dazu. Man sollte jedenfalls immer misstrauisch werden, wenn ein Arzt gleich zu einer großen Operation rät. Und die Qualität eines Arztes, der nur auf Grund von Röntgen- oder CT-Bildern behandelt, ist auch ernsthaft zu hinterfragen. Für eine fundierte Diagnose eines Wirbelsäulenleidens ist das ärztliche Gespräch mindestens so wichtig wie ein Bild.

Hilft Akupunktur auch bei Wirbelsäulenproblemen?

Ja, ganz sicher. Ich empfinde es als Arroganz von westlichen Ärzten, die meinen, diese jahrtausendealte Therapiemethode müsste erst von uns überprüft werden. Die westliche Schulmedizin hat schließlich bei 90Prozent aller chronischen Krankheiten keine Antwort, sie hat nur Antwort auf Symptome.

Zur Person

Martin Marianowicz, Orthopäde, Schmerz- und Chirotherapeut in München, ist ein renommierter Wirbelsäulen-Experte. Zu seinen Schwerpunkten gehört die ambulante und stationäre orthopädische Schmerztherapie.

Der 57-jährige Mediziner ist ärztlicher Direktor der Rückenklinik Jägerwinkel in Bad Wiessee und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Wirbelsäulen-Endoskopie und interventionelle Schmerztherapie. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. [Marianowicz]

TIPP

Martin Marianowicz
Die Marianowicz-Methode
Mein Programm für einen schmerzfreien Rücken
Arkana Verlag,
240 Seiten, 18,50 €

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2012)

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2 Kommentare
Gast: geh
05.09.2012 17:28
1 0

..."Die meisten Rückenoperationen sind sinnlos, sie schaden mehr als sie nützen. Es gibt keine einzige Studie, die nachweist, dass eine operative Therapie bessere Ergebnisse hat als konventionelle Behandlung

Diese Aussage ist ziemlich unqualifiziert! Erstaunlich! Was, wenn die Lähmungen eines Beins oder gar eine Querschnittslähmung aufgrund einer Wirbelsäulenerkrankung vorliegt? Dann muss man sofort operieren und hat gar keine Alternative!

Antworten Gast: Valentin Bählamm
08.09.2012 07:37
1 0

Re: ..."Die meisten Rückenoperationen sind sinnlos, sie schaden mehr als sie nützen. Es gibt keine einzige Studie, die nachweist, dass eine operative Therapie bessere Ergebnisse hat als konventionelle Behandlung

was erwarten Sie sich von einer Claudia Richter Buchempfehlung?

Schlagzeilen Gesundheit

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