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„Gerd“ quält hunderttausende Österreicher

Bild: (c) REUTERS (GIL COHEN MAGEN) 

Fließt die aggressive Magensäure in die Speiseröhre zurück, kann das zu schmerzhaften Entzündungen führen. Sodbrennen ist aber nur ein Symptom der Refluxkrankheit, die zu einer Volksseuche geworden ist.

 (Die Presse)

Sodbrennen sagt der Volksmund dazu. Das Brennen in der Speiseröhre, das 20 bis 30 Prozent der Österreicher mehr oder weniger regelmäßig quält, ist aber nur eines der Symptome einer Refluxkrankheit, auch „Gerd“ genannt (vom englischen: gastroesophageal reflux disease). Die kann sich genauso in Magenweh äußern, in Hustenreiz oder Asthma-Anfällen, in Stimmverlust, Heiserkeit, in Hals- und Brustschmerzen, in saurem Aufstoßen oder vermehrter Schleimproduktion im Rachen.

Und weil die Refluxkrankheit mittlerweile zur Volksseuche geworden ist – gefördert durch großen Stress, Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen und Fast-Food-Schlingen sowie falsche Ernährung generell – tut sich auf diesem Sektor ständig etwas Neues. Die eine Neuigkeit mag ein wenig beruhigen. Vorweg: Ständiger Reflux, also Rückfluss der aggressiven Magensäure in die Speiseröhre (Ösophagus), kann zu einer Veränderung der Speiseröhren-Schleimhaut führen, zum Barrett Ösophagus. Aus dem wiederum kann Krebs entstehen – das ist in Österreich rund 180-mal pro Jahr der Fall. Weitere 120 bis 160 jährliche Neuerkrankungen an Speiseröhrenkrebs gehen auf andere Ursachen zurück.

 

Krebs seltener als angenommen

„Die gute Botschaft ist, dass sich aus dem Barrett Ösophagus nicht so häufig Krebs entwickelt, wie früher angenommen“, berichtet Johannes Miholic, Professor an der medizinischen Universität Wien, Klinik für Chirurgie, von einem großen Kongress in San Diego.Früher ging man davon aus, dass in fünf Promille der Fälle ein Karzinom entsteht, heute steht man bei einem Risiko von ein bis zwei Promille pro Jahr. Sind die Veränderungen aber massiv oder liegen Entzündungen vor, ist die Karzinomgefahr erheblich größer. Weitere Risikofaktoren sind Alter und männliches Geschlecht. „Wer regelmäßig Sodbrennen hat, sollte so früh wie möglich eine Gastroskopie machen lassen“, rät Miholic.

Und weil etliche Patienten mit Speiseröhrenkrebs nie Symptome hatten wie Sodbrennen oder saures Aufstoßen, „sollte man sich ab dem 50. Lebensjahr auch ohne Sodbrennen einer Gastroskopie unterziehen“, betont Franz Martin Riegler vom brandneuen Reflux Medical Diagnose- und Therapiezentrum in Wien. „Ein Zentrum dieser Art, das ausschließlich auf Reflux spezialisiert ist, gibt es in ganz Europa kein zweites Mal“, sagt Riegler, auch Professor an der Wiener Uniklinik für Chirurgie. „Bei jeder Gastroskopie, bei der der Patient übrigens gut schläft, wird bei uns gleich eine Biopsie aus der Speiseröhre entnommen und zwar nach einer speziellen, standardisierten Methode.“ Mittels der modernen Chandrasoma-Klassifikation ließen sich bereits Vorstufen eines Barrett Ösophagus erkennen und behandeln.

Die Therapie hängt von der Schwere und dem Leidensdruck des Einzelnen ab. Bei gelegentlichem Sodbrennen helfen oft schon diätetische und Lebensstil-Maßnahmen: nicht zu heiß essen und trinken, nicht zu süß, nicht zu fett, nicht zu viel, nichts Schweres am Abend essen, nicht zu viele säurebetonte Getränke, keine Zigaretten, Abnehmen, Kopf beim Schlafen etwas höher lagern.

Auch (rezeptfreie) Tabletten helfen. Da gibt es die Säurebinder (Antacida). „Die wirken innerhalb von Minuten, weil sie den Ph-Wert der Magensäure von zwei auf sechs verändern. Das ist zunächst fantastisch, aber die Säurebinder können zu Verdauungsstörungen führen und haben oft Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, und das kann ins Auge gehen“, warnt der Pharmazeut Kurt Vymazal.

 

Medikamente oder Operation?

Ein wahrer Renner sind Protonenpumpenhemmer (PPI) geworden, die inzwischen leider fast wie Zuckerln verschrieben und vor allem als Magenschutz eingesetzt werden. Sie unterbinden die Säureproduktion des Magens, sind also sehr effektiv, können aber bei langfristigem Gebrauch Nebenwirkungen haben (Magnesiummangel, Lungenentzündungen, erhöhtes Osteoporoserisiko, Zunahme des Allergie-Potenzials). Seit Kurzem gesellen sich weitere rezeptfreie Medikamente mit einem neuen Wirkprinzip dazu: Ein pflanzliches Natriumalginat wirkt in erster Linie physikalisch als Säurebarriere. „Unmittelbar nach der Mahlzeit eingenommen, entwickelt es im Magen eine Art Schaumteppich und verhindert den Rückfluss der Magensäure. Wir sind froh über solche Mittel, die nicht direkt in die Säureproduktion eingreifen und wenige bis keine Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten haben“, erklärt Rainer Schöfl, Gastroenterologe am Linzer Krankenhaus der Elisabethinen. „Das neue Präparat eignet sich bei gelegentlichem Sodbrennen und milden Formen der Refluxkrankheit.“

Ist das Leiden weiter fortgeschritten, soll und muss an eine Operation gedacht werden. Eine Indikation dafür kann schon allein darin liegen, dass der Betroffene nicht dauernd Medikamente schlucken will. „Im Frühstadium einer Refluxkrankheit kommt das Linx-System zum Einsatz“, so Riegler. Dabei handelt es sich – banal gesagt – um einen Ring aus Titan/Magnet-Perlen, der in einem etwa 20-minütigen Eingriff um den Ausgang der Speiseröhre gelegt wird.

 

Jeder kann selbst vorsorgen

In schwereren Fällen wird die Fundoplikation gemacht, einfach erklärt wird dabei ein Teil des Magens wie eine Manschette um den untersten Abschnitt der Speiseröhre gewickelt. „Bei laparoskopischen Operationstechniken werden nur noch ein paar fünf bis zehn Millimeter große Schnitte auf der Bauchdecke gesetzt“, berichtet der Chirurg Alexander Klaus, Vorstand der Reflux-Ambulanz am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien, die vor rund einem Jahr eröffnet wurde.

Es geschieht also vieles in Sachen Reflux-Diagnose und -Therapie. Bei der Prävention aber ist jeder Einzelne gefragt. Wie schon erwähnt: Ein paar Lifestyle-Änderungen haben oft große Wirkung. Und wer bei Beschwerden rechtzeitig eine Speiseröhren-Spiegelung vornehmen lässt, kann auch die Karzinomgefahr weitgehend bannen.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.miholic.at; www.refluxmedical.com;

www.bhswien.at

Auf einen Blick

Wenn Magensäure in die Speiseröhre (= Ösophagus) zurückfließt, kann es zu Sodbrennen kommen. Das ist nur eines der möglichen Symptome einer Refluxkrankheit, an der 20 bis 30 Prozent der Österreicher leiden. Ursache: Der Schließmuskel am Übergang zwischen Magen und Speiseröhre funktioniert nicht mehr einwandfrei. Gefördert wird das u.a. durch regelmäßiges Überessen. Auch Übergewicht,große Mahlzeiten am späten Abend, fettes Essen, Fast-Food-Schlingen und Rauchen tragen ihren Teil dazu bei. Die schlimmste Folge ist Speiseröhrenkrebs, an dem jährlich 300 bis 340 Österreicher erkranken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2012)

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7 Kommentare
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Und weil etliche Patienten mit Speiseröhrenkrebs nie Symptome hatten wie Sodbrennen oder saures Aufstoßen, „sollte man sich ab dem 50. Lebensjahr auch ohne Sodbrennen einer Gastroskopie unterziehen“, betont Franz Martin Riegler vom brandneuen Reflux Medical Diagnose- und Therapiezentrum in Wien

Offensichtlicher kann man nicht Patienten keilen!
Tausende Menschen erkranken an unzähligen Krankeiten mehr oder weniger unvermutet und ohne Voranzeichen. Selbstverständlich kann man für viele, viele Erkrankungen Vorsorgeuntersuchungen, Screenings und alles möglich erfinden und selbstverständlich fachgerecht durchführen.
Am sichersten ist es jeden Woche, jeden Tag wird es doch ein wenig zu viel sein, sich umfangreich checken lassen. Und wenn solches genügend oft empfohlen wird, wird sich auch jemand finden, der das für Geld durchführt!

Antworten Gast: Dr. ottel
20.10.2012 19:35
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Re: Und weil etliche Patienten mit Speiseröhrenkrebs nie Symptome hatten wie Sodbrennen oder saures Aufstoßen, „sollte man sich ab dem 50. Lebensjahr auch ohne Sodbrennen einer Gastroskopie unterziehen“, betont Franz Martin Riegler vom brandneuen Reflux Medical Diagnose- und Therapiezentrum in Wien

ist ja nicht nur der gut gemeinte Rat eines Experten, sondern eine allgemein anerkannte medizinische Empfehlung zur Krebsfühdiagnose. Wenn Sie an einem Cardiacarcinom erkranken und Ihr Arzt Sie nicht zur Gastro schickt, verklagen Sie Ihn.

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Wenn Sie an einem Cardiacarcinom erkranken und Ihr Arzt Sie nicht zur Gastro schickt, verklagen Sie Ihn.

Wenn so ein Kardiakarzinom diagnostiziert wird, ist das klar.
Die Frage ist nur ob es wirklich Sinn macht, Kardiakarzinomscreening allgemein durchzuführen.
Und außerdem nehme ich an, dass es eine Reihe von Verhqaltensregeln gibt, um Sodbrennen vorzubeugen. Davon sprechen natürlich die geschgäftstüchtigen Operateure hier nicht!

Gast: Mouseklick
16.10.2012 10:31
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Reflux und Co

Hauptsache man unterzieht sich vielen möglichen Untersuchungen die natürlich NICHT von der Kasse bezahlt werden müssen.....Ach ja, Preis der unterschiedlichen Checks werden en passant bei der Terminfindung bekanntgegeben....what shall's zahlt eh die Privatkrankenkassa..

Alle sind glücklich! Sind alle glücklich?

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Re: Reflux und Co

Sie haben ganz klar den Zusammenhang erfaßt!!
Auch eine Privatversicherung ist irgendwann zahlungsunfähig! Und auch eine Privatversicherung kann nur für solidarische Mitglieder tätig sein, oder exorbitante Prämien einführen.
Und nicht vergessen, nach wie vor werden die Privatversicherungen als Melkkühe in Sachen Spitalskosten bertrachtet.
Wenn es nur irgend wie geht, werden die Patienten am Freitag einquartiert und am Montag der Erstuntersuchung zugeführt. Natürlich bei vollem Tagesatz!


Antworten Gast: odin C.
16.10.2012 21:53
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Re: Reflux und Co


Wer solchen Unsinn postet, muss an "Hirnfrux" leiden.

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Patientenkeilerei unter dem Deckmanel der medizinischen Information!

Es wird Zeit, das diese Aert von Patientkeilerei gesetzlich beschränkt wird.
Das was in diesem Artikel an Information geboten wird, weiß wirklich jeder praktische Arzt aus dem FF.
Aber, nach dem Beschwerdebild, den Patienten eine operative Behandlung zu empfehlen, die dann von einem ANDEREN Arzt durchgefühgrt wird, ist ganz etwas anderes, als wenn so wie hier, Operaionsinstitute per Information auf Kundenfang gehen. Hier ist die Operationsindikation, die Empfehlung zur Operation, die Diagnose nicht von der Einrichtung gegtrennt, die dann die Operation durchführt. Das heißt, der Operateur und nicht der diagnostizierende und behandelnde Arzt sprechen die Operatrionsempfehlung aus.
So eine Interessenvermischung ist in den USA streng verboten!!!!!!

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