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Singen: Lindert Schmerz & Stress, fördert Liebe

12.11.2012 | 18:15 | CLAUDIA RICHTER (Die Presse)

"Singende Krankenhäuser" sorgen für gesündere Patienten. Auch das war ein Thema des Musiktherapie-Kongresses "Mozart & Science" in Krems. Gesang fördert Selbstheilungskräfte, setzt Kuschelhormone frei.

Singen Sie! Egal, ob falsch oder richtig. Das ist überhaupt nicht wichtig, wenn es um die vielen gesunden Seiten des Singens geht: mehr Selbstbewusstsein, besseres Immunsystem, Glückscocktail im Gehirn – das sind nur einige wenige der zahllosen Benefits, die Lieder mit sich bringen. Leider wird in westlichen Gesellschaften Musik ja viel zu sehr mit Leistungsdenken verknüpft, und viele getrauen sich gar nicht mehr zu singen. Das ist schade, wirklich schade.

Denn „es gibt kein besseres und wirksameres Mittel, das psychoemotionale Belastungen auflöst, den Lebensmut stärkt und die Selbstheilungskräfte aktiviert als das Singen“, sagt Gerald Hüther, Professor und renommierter Neurobiologe an der Universität Göttingen. Er ist einer von vielen Wissenschaftlern, die sich in den vergangenen Jahren verstärkt mit den positiven Auswirkungen eines Liedes auf den Lippen beschäftigt haben.

 

Singen ist wie inneres Joggen

Das Lied aber bleibt nicht auf den Lippen, dringt bis ins Herz: Besondere Formen des Singens (etwa spezielle Mantras) aktivieren den Parasympathikus und optimieren den Herzrhythmus, hat der Grazer Chronomediziner Maximilian Moser herausgefunden. „Singen ist wie inneres Joggen, die Atmung wird tiefer, man nimmt mehr Sauerstoff auf, das Herz-Kreislauf-System wird gestärkt“, sekundiert Wolfgang Bossinger, Leiter der Akademie für Singen und Gesundheit in Ulm, Diplom-Musiktherapeut, Psychotherapeut, Gesangsforscher sowie Buch- und Filmautor. Und nicht zuletzt Begründer der „singenden Krankenhäuser“, an die 15 davon gibt es in Deutschland, immerhin zwei in Österreich.

Singende Krankenhäuser war übrigens eines der vielen Themen beim vierten internationalen Musiktherapie-Kongress „Mozart & Science“, der am Wochenende in Krems über die Bühne ging. Führende Experten aus aller Welt beschäftigten sich mit den vielen Dimensionen von Musik und ihrer heilenden Wirkung.

„Singen hilft allen, Frühchen genauso wie Sterbenden, Schmerzpatienten genauso wie Menschen mit psychischen Problemen. Und ich habe etliche Schlaganfallpatienten erlebt, die nicht mehr sprechen, aber singen konnten. Und über das Singen konnten sie ihre Sprechfähigkeit wieder entwickeln“, berichtet Bossinger.

 

Singende Spitäler in Lienz und Linz

Das erste österreichische Spital wurde im April 2011 zum singenden Krankenhaus zertifiziert: Im Bezirkskrankenhaus Lienz wird zweimal im Monat zum heilsamen Singen geladen – mit dabei die Psychotherapeutin und Ärztin Gertraud Glantschnig und ihr Mann Wilfried, noch vor Kurzem Leiter der urologischen Abteilung, heute zertifizierter Singleiter. Singen, so der Urologe, brächte fast gleich viel Erholung wie Tiefschlaf, „außerdem stärkt es das Selbstbewusstsein und die Lebensfreude, viele unserer Mitsänger strahlen, werden fröhlicher, offener.“ Und das zählt, und nicht die Tonleiter, „der Leistungsdruck in unseren Gruppen ist gleich null.“

„Es gibt keine Fehler, nur Variationen“, betont auch Gerda Brock, die als Musikpädagogin die heilsamen Singstunden im Diakonissen-Krankenhaus Linz betreut – ihr zur Seite: Klinikleiter, Anästhesist und Schmerztherapeut Josef Macher. „Gesundung braucht nicht nur Technik, sondern auch Zuwendung, Kommunikation, Empathie. Und all das trifft beim gemeinsamen Singen zu, das zudem Spannungen löst und die Kreativität fördert.“ Auch Patienten mit chronischen Schmerzen würden davon profitieren, Singen, „kann eine Distanzierung zum Schmerz schaffen“.

 

Operation nur mit Musik

Macher geht noch einen Schritt weiter und stattet Patienten bei Operationen ab einer halben Stunde mit Kopfhörern und Wunschmusik aus. „Ich brauche dadurch weniger Opiate, es gibt weniger Kreislaufschwankungen, die Narkose verläuft ruhiger.“ Auch Singen beruhigt, senkt den Pegel von Stresshormonen und steigert die körpereigenen Abwehrkämpfer, Immunglobuline A, die Krankheitserreger bereits beim Eindringen in den Körper bekämpfen. Studien mit Chormitgliedern in Deutschland und Kalifornien brachten es an den Tag: Nach einer Aufführung war der Antikörper Immunglobuline A bei den Sängern um bis zu 240 (!) Prozent erhöht. Da haben Grippe- und andere Viren gleich kaum mehr eine Chance.

Dafür hat die Liebe, haben Gemeinschaftsgefühle eine Chance: Beim Singen wird unter anderem das Kuschelhormon Oxytocin freigesetzt – jenes Hormon, das auch beim Sex gebildet wird und zu starken Gefühlen der Verbundenheit führt. Forscher fanden weiters, dass beim Singen aber auch schmerzstillende Beta-Endorphine sowie die Glückshormone Serotonin und Dopamin vermehrt ausgeschüttet werden. „Singen fabriziert also einen Glückscocktail im Gehirn, ich spreche gern von einem hochwirksamen Antidepressivum, praktisch ohne Nebenwirkungen“, sagt Bossinger.

Auf eine willkommene Nebenwirkung sind schwedische Forscher gestoßen. Sie untersuchten mehr als 12.000 Menschen aller Altersgruppen und entdeckten, dass Mitglieder von Chören und Gesangsgruppen eine signifikant höhere Lebenserwartung haben als Menschen, die keine Lieder haben.

 

Lieder stiften Beziehungen

„Ich kenne kaum etwas, was dem Menschen in all seinen Aspekten dermaßen ideal entspricht wie das Singen“, meint die Psychologin, Psychotherapeutin und Musikerzieherin Elke Wünnenberg. Sie leitet eine therapeutische Singgruppe in der Paracelsus-Klinik Scheidegg, einer auf Krebspatienten spezialisierten Rehabilitationseinrichtung. „Gerade Krebspatienten erleben oder fühlen immer wieder starke Ausgrenzung. Gemeinsame Lieder schaffen da wieder Gemeinsamkeit, Singen ist sehr beziehungsstiftend und schließlich sind wir alle auf Beziehungen ausgelegt und angewiesen.“

Wie sagte einer ihrer Brustkrebspatientinnen so treffend. „Alle anderen Reha-Angebote sind so ausgerichtet, dass man versucht auf den Stand zu kommen, auf dem man war, bevor man erkrankt ist. Mir hat das Singen die Möglichkeit geboten, über diesen Stand hinauszuwachsen. Ich bin gewachsen, bin größer, schöner, weiblicher, spiritueller, als ich hergekommen bin. Und das ist für mich eine großartige Erfahrung.“

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.singende-krankenhaeuser.de
www.healingsongs.at


 


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