Alle wollen "Gesundheit made in China"

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Ernährung nach den Fünf Elementen sowie Tai-Chi und Qigong gewinnen immer mehr Anhänger. Und orientieren sich zunehmend am westlichen Geschmack.

Alle wollen Gesundheit made
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Alle wollen Gesundheit made
Thai-Chi – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Praxis in der Wiener Innenstadt ist geschmackvoll eingerichtet, österreichischer Biedermeier mit einem Flair von Shanghai-Luxus: viel Weiß, mit einigen wenigen roten Akzenten, chinesische Kalligrafien in dem einen Behandlungsraum, barocke Bilder im anderen, leise Musik, ein Hauch von Orient in der Luft. Die Bühne ist vorbereitet für eine Konsultation vom Feinsten: Der Arzt ist ganz Auge und Ohr für Puls, Zunge und Befindlichkeit des Patienten. Zeit zählt nicht, solange man dafür zahlt. Nach einer Stunde ist das Gespräch zu Ende, die erste Behandlung beginnt: spitze Nadeln, weiche Decken, leise raunende Musik, beruhigend. Wohlfühlen pur. Ganze eineinhalb Stunden lang.

Einige Bezirke weiter geht es etwas bodenständiger zu. Das Wartezimmer ist voller Menschen in Schlapfen, die Schuhe haben sie alle brav an der Eingangstür abgestellt. Und das ist nicht alles, was man abgibt, wenn man bei Dr. X. in Behandlung ist. „Frau A. nach links, Erstgespräch“, sagt Dr. X. kurz, abgehackt und ein wenig streng. „Sie zwei, dorthin, ich komme gleich kassieren und neuen Termin machen. Die anderen mit mir.“ Der Weg führt nach nebenan, in einen nicht sehr großen Raum, in den sechs Liegen gepfercht wurden, immerhin durch dünne Paravents voneinander optisch getrennt. „Ausziehen, bis auf die Unterwäsche“, sagt Dr. X. „Komme gleich.“ Lang wird einem die Wartezeit nicht. Man kann darüber nachdenken, woran der Nachbar Herr B. eigentlich genau leiden könnte. Ganz schlau wird man aus seinem Krankengespräch mit Dr. X. nämlich nicht. Oder man kann sich fragen, ob der Einstich der Akupunkturnadeln genauso wehtun wird wie offenbar bei Frau C. auf der anderen Seite. Irgendwann setzt auch hier leise Musik ein. Und lautes Schnarchen.

Das sind nur zwei Varianten der „Gesundheit made in China“, die den langen Marsch durch Österreich angetreten hat. Die Patienten können derzeit offenbar gar nicht genug bekommen von der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) – sei es in Form eines eher luxuriösen westlichen Hybrids, in dem sich die Klienten die Zeit und volle Aufmerksamkeit des Arztes einiges kosten lassen; sei es als gemildert-authentischer Abklatsch dessen, wie es in TCM-Praxen in China zugeht.

Ernährungsberatung nach den Fünf Elementen boomt ebenso wie die Bewegungskurse Tai-Chi oder Qigong, die zur Fitness auch gleich ein wenig Heilung und ein bisschen Selbstfindung mitliefern. Da Österreich mit dieser Begeisterung für die fernöstliche Gesundheitslehre nicht allein dasteht, zahlt sich das Geschäft mit der TCM auch für die Volksrepublik zunehmend aus. Der Exportwert von TCM-Produkten betrug 2010 bereits 1,9 Milliarden Dollar.

89 Prozent für TCM. Die Zahlen in Österreich sind jedenfalls beeindruckend: „89 Prozent der Österreicher sind Befürworter der TCM und wollen die Schul- und die Komplementärmedizin nebeneinander haben“, erklärt Gerhard Litscher, Leiter der Forschungseinheit für biomedizinische Technik in Anästhesie und Intensivmedizin an der Medizin-Uni Graz. „Jeder vierte Patient hat bereits Erfahrung mit Akupunktur.“ Litscher erforscht seit 15 Jahren gemeinsam mit chinesischen Kollegen die wissenschaftlichen Grundlagen der Akupunktur und entwickelt schmerzfreie Hightech-Varianten wie Laser-Akupunktur (siehe Interview).

Die westliche Ärzteschaft, die der TCM einst kritisch gegenüberstand, hat auf die steigende Nachfrage reagiert: Mit Stand September 2011 gab es in Österreich 3708 Mediziner mit einem Akupunktur-Diplom der Österreichischen Ärztekammer (ÖAK) und 233 Ärzte mit einem ÖAK-Diplom für Chinesische Diagnostik und Arzneitherapie. Zum Vergleich: Nur 649 Ärzte haben ein ÖAK-Diplom für Homöopathie. Die – nicht gerade billigen – Ausbildungen für TCM-Ernährungsberater sind ebenfalls regelmäßig überbucht, viele Institute müssen Wartelisten anlegen. Unter den Kursteilnehmern sind viele Ärzte und Apotheker.


Kranke Schulmediziner.
Den größten Zulauf erhalten TCM-Ärzte von Menschen, bei denen die Schulmedizin an ihre Grenzen gestoßen ist, vor allem bei der Behandlung chronischer Krankheiten, oder von Menschen, die keine befriedigende Diagnose für ihre Beschwerden erhalten. So ging es etwa Andrea Scholdan, selbst Schulmedizinerin und bis vor Kurzem noch praktizierende Ärztin. „Ich war wirklich ziemlich krank“, sagt sie. „Ich hatte 30 Hörstürze hinter mir, Tinnitus und einen kranken Darm.“ Deshalb achtete Scholdan besonders auf das, was gemeinhin als richtige Ernährung gilt: viel Obst, viel Gemüse, viel Joghurt, viel Vollkorn. „Man hätte mir ein Denkmal für gesundes Essen setzen können“, meint sie. „Blöderweise hätte das die Form eines Grabsteins gehabt.“

Der Wendepunkt für Scholdan kam, als sie zur Akupunktur ging. „Kalte Niere“, sagte die TCM-Ärztin. „Zusammenhang mit Ohren.“ Nach einer Sitzung war der Tinnitus weg, sagt Scholdan. Als bei ihr auch noch Zöliakie festgestellt wurde, gab das den Anstoß für die eingehende Beschäftigung mit der Fünf-Elemente-Ernährung. „Ich aß nur noch püriert, nur noch warm, viele Suppen. Es hat mir zwar nicht geschmeckt, aber meine Hände waren wieder warm und meine Koliken waren weg.“ Scholdan machte ihre neue Leidenschaft zum Beruf und gründete gemeinsam mit Laurence Koblinger „Suppito“, eine Küche, die Leute mit mehr Geld als Zeit mit gesunder Fertignahrung versorgt, die nach der Fünf-Elemente-Lehre gekocht wurde. „Ich weiß, dass unsere Produkte teuer sind“, sagt Scholdan. „Aber den Leuten ist es das offenbar wert.“

TCM als Vorsorge. Vor allem viel wert ist den Menschen auch der Vorsorge-Aspekt. In China wurde der Arzt traditionellerweise bezahlt, solange die Menschen gesund waren. Dieses Prinzip wollen auch hierzulande viele Praktiker der chinesischen Gesundheitslehre noch stärker in den Vordergrund rücken. „Wer beschäftigt sich schon gerne mit Krankheit“, meint Scholdan. „Es ist doch viel angenehmer, etwas für seine Gesundheit zu tun.“ So sieht das auch Petra Pfann, diplomierte TCM-Ernährungsberaterin. „Einige meiner Klientinnen kommen zu mir, um gar nicht erst krank zu werden. Sie wollen einfach wissen, welche Ernährung ihrem Typ entsprechen würde. Leider ist für diesen Vorsorge-Aspekt in unserem Gesundheitssystem noch nicht genug Platz.“

Pfann ist überzeugt davon, dass viele Menschen, die von TCM, den Fünf Elementen oder Tai-Chi angezogen werden, mehr suchen als nur Gesundheit. Vielen geht es um eine Genesung im weiteren Sinn, um eine Anleitung zum Wohlfühlen oder um Anregungen, wie man das eigene Leben insgesamt umgestalten könnte: „Viele von uns leben mit einer ständigen Reizüberflutung und immer höheren Anforderungen. Das erzeugt eine Schieflage, die sich aber ausgleichen lässt.“ Die chinesische Medizin mit ihrer 4000 Jahre alten Tradition, ihrer fernöstlichen Philosophie, ihrer leicht mysteriösen Form der Diagnose und ihrem individualisierten Patientenbild kommt da vielen gerade recht. „Für viele gestresste Menschen ist es ja schon ein Luxus, wenn sich einmal jemand nur mit ihnen beschäftigt oder wenn sie selbst sich eine Stunde nur auf sich selbst oder nur auf eine Aktivität konzentrieren können“, meint Pfann.


Medizin als Inszenierung. Viele Gesundheitspraktiker versuchen daher auch, die Erwartungen ihrer Klienten zu erfüllen – nicht zuletzt mit einer entsprechenden Inszenierung. Diese Inszenierung aber verblüfft viele, die die chinesische Gesundheitslehre am genauesten kennen: in Wien lebende Chinesen. „Im Westen neigt man dazu, die förmliche Seite zu übertreiben“, sagt Yonghui Deissler-Yi, Lehrerin für Tai-Chi und Qigong im Shambala-Zentrum in Wien. „Ich war am Anfang etwas schockiert: überall Kerzen, Räucherstäbchen und viel Verbeugen. Es war lustig, ganz anders als in China.“ Deissler-Yi kam 1990 nach Wien, um Kunst zu studieren, ihr Mann Nikolaus lehrt chinesische Kampfsportarten.

Nicht nur Entspannung. Tai-Chi und Qigong sind für Deissler-Yi Beispiele für unterschiedliche Erwartungen. „Qigong hat einen gesundheitlichen, einen sportlichen, einen meditativen, einen persönlichkeitsbildenden und einen sozialen Aspekt“, sagt sie. „Oft wollen sich Menschen aber nur entspannen. Doch die Entspannung beim Qigong muss man sich verdienen.“

Ihr Leben in zwei Kulturen hat den Deisslers oft gezeigt, wie sehr westliche von östlichen Interpretationen abweichen können, etwa bei der Ernährung. „Fünf Elemente ist in China nicht so ein Thema“, meint Yonghui. „Wir essen Dinge, die zur Jahreszeit passen.“ Diese Ansicht teilt Akupunktur-Forscher Gerhard Litscher: „Ich habe meine Freunde in China oft gefragt: Wer kocht nach den Fünf Elementen? Zu meinem Erstaunen habe ich niemanden gefunden.“ Was kein Wunder ist. Denn was in China als Medizin eingesetzt wird, ist im Westen offenbar dabei, fixer Lifestyle-Bestandteil zu werden. Und irgendwann wird „zum Chinesen gehen“ wohl etwas anderes bedeuten, als einen Abend im Restaurant ums Eck zu verbringen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2012)

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