Anti-Aging-Mittel in Samenflüssigkeit

Lebensverlängernd wirkt Spermidin, vor allem im Sperma, es ist aber auch in Weizenkeimen enthalten. Die Substanz wird ein Thema auf dem Anti-Aging-Kongress in Wien sein.

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Symolbild – (c) Erwin Wodicka wodicka aon at (Erwin Wodicka)

Ein wissenschaftlicher Aufschrei ging um die Welt, als an der Universität Graz vor etwa drei Jahren ein möglicher Jungbrunnen entdeckt wurde: Spermidin, in höchster Konzentration in der männlichen Samenflüssigkeit, also im Sperma, enthalten, lässt Zellen und Organismen länger leben. Seither hat rund um diese Substanz weltweit ein wahrer Forschungsboom eingesetzt. Gibt es doch die nicht ganz unberechtigte Hoffnung, eines Tages aus Spermidin, das beim Alterungsprozess leider quantitativ abnimmt, nicht nur ein wirksames Anti-Aging-Mittel, sondern auch ein Medikament gegen einige ernsthafte Krankheiten entwickeln zu können.

Eine der neuesten Erkenntnisse zu Spermidin, das in allen Zellen enthalten ist – ob Mensch, Maus oder Bakterium, es gibt keine Zelle auf der Welt, die dieses natürliche Polyamin nicht aufweist –, kommt aus einem Labor in Taiwan. Dort fanden Forscher in Experimenten mit Mäusen heraus, dass die Gabe dieses Stoffes auch bei neurodegenerativen Veränderungen im Hirn positive Wirkung zeigt und bei einer ganz speziellen Form von Demenz hilft.

 

Erhöht auch Fruchtbarkeit

Auch in Graz haben die Biowissenschaftler Frank Madeo und Tobias Eisenberg vom Institut für Molekulare Biowissenschaft, deren einstige Entdeckung inzwischen rund 180-mal in wissenschaftlichen Journalen zitiert wurde, Neues zu Spermidin gefunden: „Diese Flüssigkeit erhöht die Stressresistenz von Fliegenweibchen und die Fruchtbarkeit von Hefen und Würmern“, vermeldet Madeo, der beim Wiener Kongress Menopause, Andropause, Anti-Aging über diese zelluläre Substanz und die Grazer Forschungen berichten wird.

Ein Wort zur Grazer Erstentdeckung: Im Rahmen einer Multicenterstudie kamen Madeo und Eisenberg drauf, dass alternde Zellen und Organismen verjüngt werden und länger leben, wenn man ihnen von außen Spermidin zuführt. Hefezellen, die in einem spermidinreichen Medium kultiviert wurden, lebten viermal und menschliche Immunzellen dreimal länger. Fruchtfliegen und Würmer, denen eine spermidinreiche Kost verabreicht wurde, hatten eine um 30 Prozent verlängerte Lebenszeit. Auch Mäuse lebten signifikant länger und zeigten weniger Alterserscheinungen – sie erhielten Spermidin mit dem Trinkwasser. „Der Vorteil dieses Kleinmoleküls ist, dass es sehr stabil ist, man kann es oral einnehmen, es kommt in allen Organen unverändert an, wird nicht von der Magensäure zerlegt.“

Der Mechanismus, der hinter der verjüngenden Wirkung steht: Spermidin kurbelt die sogenannte Autophagie an. Dabei handelt es sich um eine Art Aufräumprozess in der Zelle, um den Abbau von zellulärem Müll. Madeo: „In den Zellen sammelt sich Müll an, also geschädigte Proteine und Zellbestandteile, die im Alter akkumulieren und krank machen können. Gleichzeitig verringert sich im Alter die Fähigkeit des Körpers, geschädigte Proteine über die Autophagie zu entsorgen.“ Der nachlassende Selbstreinigungsprozess kann letztlich zur Degeneration führen, funktionierende Autophagie stellt indes einen Schutz vor Krankheiten wie Krebs, Neurodegeneration, bakteriellem Befall und Herzkrankheiten dar. Auch Fasten kurbelt übrigens diese jung erhaltende Zellreinigung an. „Spermidin schaltet den molekularen Mechanismus des Fastens an, obwohl man normal weiterisst.“

 

Zitrusfrüchte, Sojabohnen, Käse

Spermidin ist in Zitrusfrüchten, Sojabohnen, frischem grünem Pfeffer, Käse, Fleisch, Pilzen und in Weizenkeimen enthalten. „Weizenkeime weisen relativ viel von dem Stoff auf“, sagt Madeo. Ob Weizenbrot auch noch so viel enthalte, sei fraglich, denn „es ist noch nicht ganz klar, inwieweit die Verarbeitung des Weizens Spermidin verändert.“ Können Frauen mit der richtigen Nahrung zu gleich viel Spermidin-Mengen kommen wie Männer, die diesbezüglich einen quantitativen Vorteil haben müssten? Müssten, denn es sei gar nicht klar, so Madeo, ob Männer wirklich mehr von dieser Substanz haben, weil sie ja beträchtliche Mengen während des Geschlechtsverkehrs abgeben würden.

Stellt sich noch die Frage, ob Spermidin auch wirklich für den Menschen positiv ist. Madeo vermutet es. „Wenn es in einer solchen Vielzahl von unterschiedlichen Organismen Effekte zeigt, ist es nicht unwahrscheinlich, dass es auch beim Menschen lebensverlängernd wirkt.“

 

Hundertjährige haben sehr viel

Interessant sei in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass Hundertjährige sehr hohe Spermidin-Konzentrationen im Blut aufweisen, obwohl die Spermidin-Menge normalerweise beim alternden Menschen abnimmt. „Trotzdem warne ich davor, Spermidin in purer Form einzunehmen. Wir wissen noch zu wenig über potenzielle Schäden einer Direkteinnahme. An Weizenkeimen ist hingegen noch keiner gestorben.“ Wie lange es brauchen wird, ehe man Spermidin eventuell als natürliche Anti-Aging-Pille schlucken kann, steht noch in den Sternen. Madeo sieht jedenfalls eine große Zukunft für diese zelluläre Substanz.

Auf einen Blick

Als neues Anti-Aging-Mittel könnte sich eines Tages Spermidin erweisen. Die Flüssigkeit kommt in allen Zellen – ob Mensch, Maus oder Bakterium vor –, ist aber in höchster Konzentration im Sperma enthalten.

Spermidin wird auch Thema beim Wiener Kongress „Menopause – Andropause – Anti-Aging“ sein (6. bis 8. Dezember, Hotel Hilton).

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.menopausekongress.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2012)

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