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Schlafstudio: Ein Bett für eine halbe Stunde

Bett fuer eine halbe
Bild: (c) Erwin Wodicka wodicka aon at (Erwin Wodicka) 

Am 1. Februar eröffnet in der Wiener Innenstadt das erste Schlafstudio, das gestressten Menschen eine Pause gönnen möchte. Dabei kann Mittagsschlaf auch gefährlich werden.

 (Die Presse)

Ruhig ist es tatsächlich in dem Grätzel, in dem sich ab Februar gestresste Geschäftsleute eine „Pause vom Business“ gönnen sollen. Immerhin befindet sich Reflexia, eine Art Entspannungs- und Schlafstudio, das ab 1. Februar am Passauer Platz eröffnet, in einer ruhigen Seitengasse unweit des Wiener Stephansdoms. Biegt man von der Wipplingerstraße in die Gasse mit dem hübschen Namen Stoß im Himmel, sinkt der Lärmpegel plötzlich abrupt. Der Gang wird langsamer, der Gedanke an Schlaf hat vielleicht auch mit dem Bettengeschäft zu tun, das sich ebenso dort befindet. Ist man an der Kirche Maria am Gestade angekommen, hat man sein Ziel fast erreicht. Genau vis-a-vis, dort, wo einst eine Modelagentur untergebracht war, kann jetzt im Erdgeschoß eines Hauses aus dem Mittelalter geschlafen werden.


Bei sich ankommen. Allerdings handelt es sich bei Reflexia um kein Hotel – sollte jemand wirklich länger schlafen wollen, wird es bald ähnlich teuer wie in einem Stundenhotel. Allerdings erschweren das die Öffnungszeiten ohnehin, die erinnern nämlich eher an jene eines Fitnessstudios. Das ist das Studio, das den doch weit gefassten Untertitel „Achtsamkeit im Leben“ führt, nämlich auch nicht – zumindest nicht für den Körper, wenn dann eher für den Geist. Überhaupt fällt auf, dass sich die beiden Betreiber Peter Schurin und Claudia Darnhofer mit der Definition ihres Studios ein bisschen schwertun. Immerhin gibt es derzeit auch international nichts Ähnliches. „Wir haben weder mit Medizin noch mit Esoterik etwas am Hut“, sagt Schurin. Seine Kollegin Darnhofer spricht lieber vom „Entspannen, Zu-sich-Kommen oder Bei-sich-Ankommen“.

Auf den ersten Blick bietet Reflexia nicht viel: einen Warteraum, der eher an eine Clublounge erinnert, in dem es Kaffee und Snacks gibt, drei Einzelzimmer in denen recht komfortable Liegen, ein Tisch und jeweils zwei Stühle stehen. Und ein Ruheraum, in dem sich, abgetrennt durch Paravents, ein paar Lederliegen befinden, in denen das etwas billigere kollektive Mittagsschläfchen abgehalten werden kann. Zusätzlich werden – in Kooperation mit eigens abgestellten Trainern – Entspannungseinheiten wie Atemtherapie oder Bewusstseinstraining, aber auch eine Schreibwerkstatt angeboten.

Bei ihren zukünftigen Kunden denkt das Duo vor allem an gestresste Geschäftsleute, die zwischen ein paar Terminen einen Mittagsschlaf halten wollen. Oder auch an Touristen, die das Warten auf das noch nicht fertige Hotelzimmer überbrücken wollen. Wem das zu wenig ist, der kann im Schlafstudio auch Musik hören oder mit einer Biofeedback-Maschine seinen Entspannungsgrad messen. Mittels Computerspielen soll gelernt werden, wie man richtig – entspannt – atmet. Das wiederum widerspricht allerdings wieder ein bisschen der Abkehr vom Leistungsdruck, den die beiden predigen. „Das ist wohl speziell für Männer etwas, die sich gern messen“, gibt Schurin zu.

So ein Schläfchen im Studio ist übrigens nicht gerade billig. Elf Euro kostet eine halbe Stunde im Ruheraum. Dazu wird man anschließend aber immerhin persönlich geweckt und bekommt ein Aufwachgetränk serviert. Wesentlich teurer kommt der Einzelraum: 40 Euro kostet hier eine Stunde Schlaf, dafür darf man dort auch mit dem Biofeedbackgerät spielen.

Besser Nacht- als Mittagsschlaf. Dass ein Schlafstudio funktionieren kann, davon sind die Betreiber überzeugt – es gebe eine Sehnsucht nach Ruhe und Achtsamkeit. Und außerdem bringe der Schlaf auch gesundheitliche Vorteile. So erhöhe ein Mittagsschlaf die Konzentrations-, Leistungs- und Reaktionsfähigkeit, stärke das Kurzzeitgedächtnis, schütze vor Herzkrankheiten und beuge Erschöpfung vor.

Ganz so lässt sich das wissenschaftlich aber leider nicht bestätigen. „Der Mittagsschlaf ist dann wichtig, wenn man aufgrund eines Schlafdefizits müde ist. Als Ersatz für Nachtschlaf ist er ungeeignet“, sagt Gerda Saletu-Zyhlarz, Schlafexpertin an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Med-Uni Wien. Sie warnt davor, mit dem Mittagsschlaf den wichtigen Nachtschlaf zu verkürzen. Denn Erwachsene brauchen – im Gegensatz zu Kindern – keinen Mittagsschlaf. „Der Schlafbedarf liegt bei vier bis zehn, im Durchschnitt bei sieben oder acht Stunden“, so Saletu-Zyhlarz. Wer seinen Schlafbedarf nicht einhält, kann ihn zwar bis zu drei Wochen später nachholen – das Ausschlafen am Wochenende ist also durchaus sinnvoll–, allerdings muss der Schlaf eins zu eins nachgeholt werden. Für die Schlafexpertin ist der Mittagsschlaf eine Art Erste-Hilfe-Maßnahme, um Erschöpfung für die nächsten Stunden zu vermeiden. Wird er aber zur Gewohnheit und damit der Nachtschlaf verkürzt, kann es gefährlich werden.

Gegen Entspannung und Ruhe hat die Schlafexpertin aber nichts einzuwenden – wobei, das bietet auch die gegenüberliegende Kirche – kostenlos.

Schlafen

Schlafbedarf
Der Schlafbedarf eines Erwachsenen liegt zwischen vier und zehn, meistens aber bei sieben bis acht Stunden. Ab dem 60. Lebensjahr nimmt der Bedarf ab.

Frauen brauchen mehr Schlaf
Frauen haben einen höheren Schlafbedarf als Männer (30 Minuten bis eine Stunde mehr).

Schlafstörungen
25 Prozent der Österreicher leiden unter Schlafstörungen – Tendenz steigend. Davon haben 70 Prozent nicht organische Ursachen, wie Belastung und psychische Faktoren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2013)

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2 Kommentare

Endlich!

Gratulation zum Mut, ein Schlafstudio zu eröffnen! Wurde ja auch Zeit, dass in Wien so etwas entsteht. Viel Erfolg!!!

Wünschenswert wäre aber ein Aufwachstudio!


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