Grüne Hilfe für Kinder, Alte und Kranke

Unter dem Schlagwort Green Care bieten landwirtschaftliche Betriebe soziale, therapeutische, pflegerische und pädagogische Hilfe an. Vom Kindergarten auf dem Bauernhof bis zur Pflegestation mit hauseigenem Kräutergarten.

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Rund 5,5 Millionen Österreicher leben in Stadtregionen, mehr als eine Million sind Burn-out-gefährdet, 1,7 Millionen haben eine dauerhafte Beeinträchtigung. Für sie, aber auch für Kinder, für Senioren, für Menschen mit einer Behinderung oder einer Demenz hat ein Bauernhof, ein Garten eine heilsame Wirkung. Allein ein Aufenthalt im Grünen steigert Stimmung und Konzentrationsfähigkeit, senkt Blutdruck und Stress. Und wenn dazu noch fachmännische Obhut und Betreuung dazukommen, dann ist das Therapie und gesundes Vergnügen.

Die Initiative Green Care setzt auf soziale, therapeutische, pflegerische und pädagogische Angebote in land- und forstwirtschaftlichen Betrieben: „Es wird für Kinder, ältere Menschen und Kranke ein wirklich tolles Angebot geschaffen, Menschen blühen hier nachgewiesenermaßen auf“, sagt Nicole Prop, Projektleiterin dieser von der Landwirtschaftskammer Wien vor drei Jahren ins Leben gerufenen Initiative.

„Dabei arbeiten wir immer mit einem anerkannten Sozialträger beziehungsweise einer Institution zusammen“, betont Prop. In den Niederlanden existiert Green Care seit mehr als 20 Jahren, es gibt mehr als 1100 Care Farms und über 8000 Orte mit Bauernhofpädagogik, auch in Deutschland zählt man an die 800 Care Farms. Hier werden Kinder und Jugendliche betreut, ältere Leute, Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, mit psychosomatischen oder psychischen Erkrankungen sowie arbeitsmarktferne Personen. Zu den Angeboten zählen beispielsweise tiergestützte Therapie und Pädagogik, Gartentherapie, Arbeitsintegration (etwa für Menschen mit Behinderung oder für arbeitsmarktferne Personen) und Tagesbetreuung (für ältere Menschen bzw. Menschen mit Behinderung). Aber auch alternative Wohnformen sowie Kinderbetreuung, Kindergärten und Kindergruppen sind Produktschwerpunkte.

„In Pregarten im oberösterreichischen Mühlviertel gibt es etwa einen vom Land Oberösterreich anerkannten Kindergarten auf dem Bauernhof, ein Beispiel für den Bereich Pädagogik“, erzählt Prop. Als das Ehepaar Haas 2003 den Franzlhof übernahm, war es für Bettina Haas, eine ausgebildete Kindergarten- und Reitpädagogin und akademisch geprüfte Fachkraft für tiergestützte Therapie, klar, dass sie ihren Beruf hier weiter ausüben will. Kinder können hier nicht nur hautnahen Kontakt mit Tieren haben, sondern auch auf Wiesen spielen oder im Obst- und Gemüsegarten Hand anlegen. Tiergestützte Pädagogik sowie therapeutisches Ponyreiten sind Zusatzangebote. Tiere schaffen es übrigens, Autisten zum Lächeln zu bringen und Menschen, die kaum noch Regungen zeigen, aus der Reserve zu locken.


„Schule am Bauernhof“. Der Prentlhof im elften Wiener Gemeindebezirk wiederum wurde zur „Schule am Bauernhof“ umfunktioniert. Kinder sehen hier etwa, dass Karotten oben noch etwas Grünes haben; das ist für viele neu. Doris Gilli hat ihren landwirtschaftlichen Betrieb in Sitzendorf an der Schmida (Bezirk Hollabrunn) zu „Tierapie“, dem Zentrum für tiergestützte Therapie, Pädagogik und soziale Arbeit, um- und ausgebaut und ein Konzept für tiergestützte Intervention im psychosozialen Bereich entwickelt – für Menschen, die Vernachlässigung, Missbrauch, Trennung, Gewalt oder den Tod von anderen erlebt haben.

Der Adelwöhrerhof im steirischen St.Oswald Möderbrugg wiederum wurde zu einem Pflegeheim um- und ausgebaut. Johann Steiner ist nach wie vor Bauer. Seine Frau Petra, eine diplomierte Krankenschwester, führt mit einem Betreuungsteam eine familiäre, stationäre Pflegeeinrichtung für Menschen aller Pflegestufen, aber auch für Palliativpatienten, Urlaubspflege oder Tagesbetreuung. Der Kontakt mit Tieren und die Beschäftigung im barrierefreien Haus- und Kräutergarten haben heilsame Effekte und fördern gleichzeitig persönliche Fähigkeiten. „Gefördert wird aber auch die Arbeitsmöglichkeit in der Umgebung“, sagt Prop. Der Adelwöhrerhof gibt zwölf Leuten aus der Region einen Job, der Gastwirt kocht täglich für 30 Leute das Mittagessen, und „14 Heimbewohner können in ihrer Heimat alt werden und müssen nicht in die fremde Stadt Graz. Und zu alledem bleibt der Hof erhalten.“


Pläne für den Ausbau. Allein diese Beispiele von den insgesamt 30 bis 45 Green-Care-Einrichtungen in Österreich zeigen, was möglich ist. Auch wenn Green Care immer nur ein Nischenprodukt bleiben wird, sind dennoch Ausbaupläne vorhanden. „Wir haben mehr als 400 Anfragen von potenziellen Green-Care-Betrieben aus den Bundesländern“, sagt Prop. Mehrere Schritte in die Zukunft sind bereits gesetzt. „Wir haben Ende 2013 gemeinsam mit dem LFI, also dem ländlichen Fortbildungsinstitut, den Zertifikatslehrgang ,Gartenpädagogik – heilsame Beziehung zwischen Mensch und Pflanze‘ ins Leben gerufen“, berichtet Prop. Weiters ist ein LFI-Kurs zur Gesundheitsförderung und -prävention in der Steiermark geplant, in Oberösterreich sind Projekte zum Thema Suchterkrankungen (gemeinsam mit Pro Mente) sowie in Richtung Prävention (gemeinsam mit der Gebietskrankenkasse) im Entstehen. Prop ist für die Zukunft der Idee jedenfalls optimistisch: „Auf Green Care, das übrigens von der EU unterstützt wird, warten noch viele Aufgaben. Und wir sind sicher, dass es Green Care eines Tages auf Krankenschein geben wird.“

Lexikon

Green Care. Unter diesem Begriff werden Aktivitäten zusammengefasst, bei denen psychische, pädagogische oder soziale Maßnahmen in Kombination mit Natur, Pflanzen und Tieren eingesetzt werden.

Österreich. Hierzulande wurde Green Care 2011 als Pilotprojekt der Landwirtschaftskammer mit Unterstützung von Bund, Land und EU ins Leben gerufen. www.greencare-oe.at

Gärtnerhof. In Wien Donaustadt hat der Verein GIN eine Gärtnerei eingerichtet, in der Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung Kräuter und Gemüse anbauen. www.gin.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2014)

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