Raucherlungen auf Motorhauben

Der Kampf für gesunde Lungen ist erstaunlich einseitig. Gegen die Raucher wird auf allen Ebenen Front gemacht. Und was ist mit den Autofahrern?

Auspuff, Feinstaub
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Auspuff, Feinstaub
Auspuff, Feinstaub – APA

An gewissen Tagen im Jahr haben die Rettungsfahrer in Österreich mehr als sonst zu tun. Einige Patienten müssen sogar stationär aufgenommen werden. Krankheitsbild: Atemnot. Der Auslöser: Feinstaub. Dann übersteigen die Messungen in den Problemzonen, vor allem in Linz, Graz und Wien, die erlaubten Werte fast um das Doppelte. Asthmaanfälle, Entzündungen der Atemwege, Herz-Kreislauf-Beschwerden sind die Folge. Hauptverursacher der tückischen Partikel ist neben Industrie, privatem Heizen und Landwirtschaft vor allem der Verkehr. Mit seinen Abgasen, dem aufgewirbelten Straßenstaub und dem Reifenabrieb ist er in den Stadtgebieten das größte Problem. Am höchsten ist die Belastung an befahrenen Straßen, hier rät man Betroffenen, vor allem Kindern, kranken und älteren Menschen, Anstrengungen im Freien zu vermeiden.


Indirekte Gewalt am Kind. Unlängst hat Klaus Vavrik von der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit im ORF Maßnahmen gegen den Feinstaub gefordert: „Im Grunde genommen ist es eine indirekte Gewalt am Kind, wenn man es Schadstoffen aussetzt, wo es selbst nicht entscheiden kann, ob es sich diese zuführen will oder nicht.“ Was fordert Vavrik? Autofreie Tage, Fahrverbote an den heiklen Tagen? Nein, es war Weltnichtrauchertag, und so wurde ein Rauchverbot in Autos und geschlossenen Räumen verlangt. Auch die Zigarette produziert Feinstaub.

Was für eine Ironie! Da will man das Kind vor den Partikeln in einem Gefährt schützen, das selbst ganze Straßenzüge mit Feinstaub eindeckt. So wird die Illusion genährt, das Kind wäre im rauchfreien Innenraum eines Autos sicher. Dabei ist gerade dort, wie Messungen gezeigt haben, die Feinstaubkonzentration, verursacht durch Verkehr, am höchsten. Der Schutz der Kinder vor Zigarettenrauch ist zweifellos notwendig. Dass man inzwischen den Rauchern vor Augen führt, wie rücksichtslos sie früher ihre Sucht ausgelebt haben, ist ein Sieg der Zivilisation. Und dass man es hierzulande nicht geschafft hat, wie in anderen Ländern auch eine rauchfreie Gastronomie zu schaffen, ist nur ein typisch österreichischer Kompromiss und ein Sieg der falschen Lobby.

Aber der Rigorismus, mit dem man die Raucher derzeit als Quell allen Übels stigmatisiert, steht in einem auffälligen Missverhältnis zu der Milde, mit der man den Autofahrern begegnet. Dabei gäbe es noch viel mehr Gründe, sich gegen dicke Luft zur Wehr zu setzen. Laut Berechnungen der WHO verkürzt die Feinstaubbelastung die Lebenserwartung eines EU-Bürgers um 8,6 Monate. Allein im Jahr 2010 sind 406.000 Menschen an den Folgen der Schadstoffbelastung gestorben. Darum will die EU-Kommission künftig die erlaubten Grenzwerte noch einmal senken. Das Problem dabei: Es gibt Grenzwerte, nur hat ihre Überschreitung keine Konsequenzen. Den Verantwortlichen ist längst bewusst, dass es nur eine Lösung für das Problem geben kann: eine deutliche Verringerung des Straßenverkehrs. Doch ebenso klar ist: Jede Maßnahme zur Einschränkung der privaten Mobilität ist für einen Politiker ein hohes Risiko, schon die Errichtung einer Fußgängerzone kann eine Stadtregierung in eine Existenzkrise stürzen. Gar nicht auszudenken, was temporäre Fahrverbote oder flächendeckende Tempolimits nach sich ziehen würden. Ein Gesetz gegen das Auto gilt als Kampfansage gegen die Bürgerfreiheit.


Geschädigte Lungen auf Autotüren?
Da verlagert man den Krieg lieber auf einen anderen Schauplatz und führt ihn dort mit umso plakativeren Mitteln. So will die EU die abschreckenden Schockbilder auf den Zigarettenpackungen künftig noch grausiger machen. Fotos von verfaulten Füßen und schwarzen Raucherlungen sollen ab 2016 auf beiden Seiten der Packung 65 Prozent der Fläche einnehmen.

Dabei böten sich Millionen Quadratmeter an Freifläche für den Kampf gegen eine mindestens ebenso gefährliche Bedrohung der Atemwege an. Warum keine Bilder von geschädigten Lungen auf Autotüren, von nach Luft ringenden Asthmatikern auf Motorhauben? Und was ist mit der „indirekten Gewalt am Kind“ , die die Liga für Kinder- und Jugendgesundheit beim Rauchen in Autoinnenräumen anprangert? Ist sie beim Straßenverkehr nicht längst eine „direkte Gewalt“? Allein im Jahr 2013 wurden 2941 Kinder im österreichischen Straßenverkehr verletzt, zehn wurden getötet. Wie wäre es mit Bildern von blutigen, verrenkten Kinderkörpern auf Motorhauben, von Kindersärgen auf Kühlerhauben?

Der Kampf gegen die vom Menschen verursachten Übel ist ein zutiefst einseitiger. Warum aber ist gerade das Rauchen so exponiert? Offenbar, weil man sich dabei der Illusion hingeben kann, es gebe eine klare Grenze zwischen schuldigen Tätern und unschuldigen Opfern. Wenn wir schon nicht kontrollieren können, was von allen Seiten auf uns einströmt, dann wollen wir wenigsten diejenigen stigmatisieren, bei denen es für alle sichtbar aus dem Mund qualmt. Eine Reduktion des Autoverkehrs hingegen würde uns alle betreffen, es wäre ein Eingriff ins Zentrum dessen, was wir zum Sinnbild des autonomen Lebens stilisiert haben. Der Raucher fügt den größten Schaden immer noch seiner eigenen Gesundheit zu, doch wer Auto fährt, gefährdet andere in einem viel weiteren Umkreis. Dabei ist noch gar nicht die Rede davon, was das Auto zur Klimaerwärmung beiträgt.

Die wachsende Intoleranz gegen Raucher ist nur die Kompensation für die Inkaufnahme der Ungeheuerlichkeiten, die wir uns und anderen täglich im Verkehr zumuten. Statt Sündenböcke zu suchen, sollten wir begreifen, dass freie Fahrt nichts mit Freiheit zu tun hat und dass Lebensqualität viel mehr ist als Bequemlichkeit.

Fakten

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verkürzt Feinstaub die Lebenserwartung eines EU-Bürgers durchschnittlich um acht Monate.

Rund 406.000 Menschen starben laut EU-Kommission im Jahr 2010 an den Folgen der Feinstaubbelastung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2014)

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