Hypophyse: Wenn Zehen und Kinn plötzlich wieder wachsen

Ein gutartiger Tumor der Hirnanhangdrüse kann die Potenz beeinträchtigen und Bauchfett verursachen.

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Plötzlich beginnen Zehen und Finger sowie Kinn und Kehlkopf wieder zu wachsen, obwohl man längst ausgewachsen ist. Potenz oder Libido lassen unerwartet nach. Dauernde Müdigkeit macht das Leben schwer. Oder der Bauch verfettet zusehends, obwohl man keinen Deka mehr isst als früher. Diese und etliche andere Symptome und Krankheiten können nur wenige Millimeter im Gehirn auslösen.

 

Bis zu 20 Liter Harn täglich

Dahinter steckt nämlich oft ein Hypophysen-Adenom (kurz: H-Adenom), ein meist gutartiger Tumor der Hirnanhangdrüse. Dieser wird – häufig zufällig – mittels Magnetresonanz-Tomografie diagnostiziert, die aus einem ganz anderen Grund (zum Beispiel Unfall oder Schlaganfall) veranlasst worden ist. Sehr viele Menschen wissen gar nichts von ihrem Adenom im Kopf, etliche kommen drauf, weil sie plötzlich Gesichtsfeldausfälle haben und diese abklären wollen; andere wiederum, weil sie im gebärfähigen Alter Regelstörungen haben; und dann gibt es jene, die täglich bis zu 20 Liter Harn ausscheiden. All das kann ein H-Adenom verursachen.

 

Kann Sehnerv zerquetschen

Aber es gibt auch „stille“ Hypophysen-Adenome, die keine Zeichen setzen: Die sind meist klein (Mikro-Adenom, maximal ein Zentimeter) und hormonell inaktiv. „Speziell diese gutartigen Tumore wachsen eine Zeitlang und hören dann plötzlich zu wachsen auf. Keiner weiß, warum“, schildert Univ.-Prof. Dr. Anton Luger, Leiter der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel am AKH Wien. Luger wird auf dem 1. Patiententag für Menschen mit Hypophysen- und Nebennierenerkrankungen (Näheres siehe Patiententag) über eines seiner Lieblingsthemen sprechen, das Hypophysen-Adenom.

Wenn es, wie geschildert, „still“ bleibt, können Menschen ohne Beeinträchtigung leben bis 100. Der Tumor kann aber auch größer werden (Makro-Adenom), schließlich raumfordernd sein und auf den Sehnerv drücken. Die Folge: zunächst eine Sehverschlechterung im Sinne eines Gesichtsfeldausfalles. „Wenn man nichts dagegen tut, kann das sogar zur Erblindung führen, denn das Adenom kann den Sehnerv regelrecht zerquetschen“, warnt Luger.

Schon viele junge Erwachsene weisen derartige Gewächse auf, bei den 50-Jährigen sind es mindestens zehn Prozent, mit steigendem Alter werden es immer mehr, Frauen sind häufiger betroffen als Männer (1,5 : 1). Luger: „In den 1920er-Jahren hat man bei einer Untersuchung von Hirnanhangdrüsen von 2700 Menschen nach ihrem Tod bei 27 Prozent eine Veränderung der Hypophyse gefunden.“ Letztere bezeichnet der Experte übrigens gerne als „Meisterdrüse“, weil sie sehr viele Körperfunktionen steuert.

Entsprechend vielfältig sind auch die Auswirkungen von hormonell aktiven Hypophysen-Adenomen. Wird etwa zu viel Prolaktin produziert (Botenstoff, der in der Schwangerschaft das Brustdrüsenwachstum fördert und in der Stillperiode die Milchproduktion in Gang setzt) kann das Potenzprobleme, Libido-Verlust, Regelstörungen, Unfruchtbarkeit, aber auch Osteoporose verursachen.

Ist das Wachstumshormon betroffen, kann das bei Kindern zu einem Wachstumsstopp oder umgekehrt zu Riesenwachstum führen. Wird es bei Erwachsenen vermehrt ausgeschüttet, beginnen plötzlich Nase, Finger, Zehen, Hals, Kehlkopf, Kinn, Augenlider, Ohren wieder zu wachsen. „Die Leute wundern sich dann oft, warum sie plötzlich Schuhe um zwei Nummern größer brauchen.“ Die sogenannte Akromegalie kann aber auch zur Vergrößerung innerer Organe (Herz, Schilddrüse) führen.

 

Mondgesicht und Müdigkeit

Eine Überproduktion von Cortisol wiederum macht ein Mondgesicht und zentrale Fettsucht, das heißt Bauch und Hüften werden fetter, Arme und Beine aber werden schlanker. Zu viel dieses Stresshormons kann auch Bluthochdruck und Diabetes verursachen, ein Zuwenig macht müde, immer nur müde.

Ein mögliches Symptom ist regelmäßiger Kopfschmerz, auch ein geschwächtes Immunsystem kann Folge eines hormonell aktiven Hypophysen-Adenoms sein. Ist etwa das antidiuretische Hormon betroffen, spricht man von Diabetes insipidus. Symptome sind vermehrter Durst und häufiges Harnlassen. Luger: „Im Extremfall scheiden Betroffene bis zu 20 Liter Harn am Tag aus.“

 

Sterblichkeit sehr hoch

Dann ist freilich eine Therapie dringend nötig. In vielen Fällen heißt die: Operation, Entfernung des Adenoms. Das geschieht, wenn möglich, durch die Nase. Für manche Formen, insbesondere für jene, bei denen zu viel Prolaktin produziert wird, ist die medikamentöse Therapie erste Wahl. Luger: „Aber behandelt werden sollten aktive Hypophysen-Adenome mit Überproduktion des Stress- oder Wachstumshormons in jedem Fall, denn ansonsten ist die Sterblichkeit sehr hoch.“

PATIENTENTAG

Zahlreiche hormonelle Vorgänge im menschlichen Körper werden durch die Hirnanhangdrüse gesteuert. Daher zeigen Krankheiten der Hypophyse auch sehr unterschiedliche Bilder.

Hypophysen-Erkrankungen bleiben oft jahrelang unerkannt, Patienten leiden an einer Menge unangenehmer bis gefährlicher Symptome.

Aufklärung für Betroffene soll der „1. österreichische Patiententag für Menschen mit Hypophysen- und Nebennieren-Erkrankungen“ bieten (Samstag, 18. April, 10.00 bis 17.00 Uhr, Kurhaus Marienkron in Mönchhof). Geboten werden Vorträge, Austausch in Kleingruppen nach Schwerpunktthemen, Gespräche mit Experten.

Infos: ? 02173/80205/DW 44 oder 84, www.marienkron.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2009)

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