"Das Kind ist nicht geerdet"

Läuft's bei der Geburt nicht rund, kämpfen viele Frauen sehr lange mit einem schlechten Gewissen. Davon profitieren alternative Therapien für Kinder – finanziert von ebenso überbesorgten wie überinformierten Müttern.

Der Mann in dem Geschäft für alternative Gesundheitsprodukte schaut das vierjährige Kind irritiert an. Gelangweilt stapft der Bub zwischen den Regalen herum, seinen Roller im Schlepptau. Schrammt mal knapp an den Zimmerbrunnen vorbei, dann wieder an der Stellage mit den homöopathischen Fläschchen, klimpert mit den Windspielen und nimmt zielsicher Kurs auf die Schachteln mit den – sehr teuren – heilenden Steinen. „Eindeutig hyperaktiv“, murmelt der Verkäufer und richtet ein wünschelrutenähnliches Instrument auf das Kind. Auch das Staberl wackelt missbilligend. „Aha“, sagt der Mann zu der leicht verkrampften Mutter, zerrissen zwischen Beratung und Beaufsichtigung. „Aha. War's eine schwere Geburt? Aha. Kaiserschnitt. Alles klar. Dieses Kind ist nicht angekommen. Der ist nicht geerdet. Nicht verwurzelt.“

Und manchmal ist das alles, was es braucht. Eine hingeworfene Bemerkung, ein pseudowissenschaftlicher Beweis, die Zwei-Minuten-Diagnose eines „Experten“ – und schon ist sie wieder da: die Erinnerung an eine mühsame Geburt, bei der nicht alles so lief wie erwartet. Der unerwartete Kaiserschnitt, obwohl man sich monatelang mit Hecheln und Yoga auf eine Spontangeburt eingestellt hatte; oder die natürliche Geburt, die sich ewig hinzog und die Mutter so auslaugte, dass das Schlafbedürfnis danach ebenso riesig war wie die Muttergefühle klein. Im selben Augenblick regt sich auch das schlechte Gewissen: Hat man bei der einen Chance, ein Kind gut in die Welt zu bringen, etwas falsch gemacht? Ist irgendein Gebrechen, eine Besonderheit im Verhalten des Kindes – und sei sie noch so weit von einer echten Abweichung entfernt – eventuell, vielleicht, möglicherweise darauf zurückzuführen?

Die Geburt nachstellen. Väter sind bei einer solchen Rückschau privilegiert. Bei ihnen dominieren Reaktionen wie „völliger Blödsinn“. Bei Müttern ist das anders. „Wenn eine Mutter das Gefühl hat, sie habe bei der Geburt etwas falsch gemacht, kriegt man diese Überzeugung kaum aus ihr heraus. Dann bräuchte es in Wahrheit eine Psychotherapie für Mutter und Kind“, meint der Kinderarzt und Neonatologe Michael Hayde. Das treffe vor allem ältere Mütter, die oft nur eine Chance auf ein befriedigendes Geburtserlebnis haben. „Frauen, die ihre Kinder später bekommen, fürchten sich mehr, sorgen sich mehr, wissen mehr und reflektieren mehr.“

Diese Mütter gehören zu den Triebfedern einer mittlerweile florierenden Industrie alternativer Heilmethoden für Kinder: Kinesiologie, Osteopathie und ihre vor allem bei Babys oft praktizierte Verwandte der Cranio-Sacral-Therapie.

Dazu kommen Angebote wie das „Nachstellen“ der Geburt, das Müttern von Kaiserschnitt-Kindern die Chance geben soll, das Geburtserlebnis sozusagen post factum nachzuholen. Selbst ansonsten rational veranlagte Frauen beschreiben diese Erfahrungen als überwältigend: „Das ist etwas so Intensives. Ich hab total geheult.“

Gemeinsam ist diesen Therapien, dass sie bei Kindern Defizite orten, die durch eine schwierige Geburt entstanden sein könnten. Etwa durch einen Kaiserschnitt, aber auch durch komplizierte Spontangeburten, bei denen die Saugglocke oder die Zange gebraucht wurde. Zusammengefasst werden diese Defizite vielfach unter dem Label, dass das Kind „nicht angekommen“ sei. Was laut Praktikern ungefähr so viel heißt wie, dass das Kind „nicht so ganz in den Körper gekommen ist, in dem es landen sollte“. Und nachdem man das ja wohl kaum dem Baby anlasten kann, verbringen viele Mütter sehr viel Zeit – und sehr viel Geld – damit, mögliche Defizite ihrer Sprösslinge zu reparieren – für den Fall, dass diese während der Geburt irgendwo falsch abgebogen sind.

Die Kinesiologie basiert auf der Annahme, dass sich gesundheitliche oder emotionelle Störungen in einer Schwäche bestimmter Muskelgruppen manifestieren, und findet diese mittels eines Tests des Muskelwiderstands heraus. Die Osteopathie wiederum argumentiert, dass Störungen und Einschränkungen von Bindegewebe und Gelenken Auswirkungen auf den gesamten Körper haben können und vom Osteopathen mit entsprechenden Griffen gelindert oder behoben werden können.


Vom Schreibaby bis zum Schiefhals. Ein Spielart der Osteopathie, die Cranio-Sacral-Therapie, floriert seit einigen Jahren besonders rund um Kaiserschnitt-Babys. Sie verfeinerte die Osteopathie um den emotionalen Aspekt und versucht mit bestimmten sanften Grifftechniken, angenommene Störungen auszugleichen, die auf eine traumatische Geburt zurückgeführt werden. Cranio-Sacral basiert auf dem Rhythmus der Gehirnflüssigkeit. Eltern suchen bei Cranio-Sacral-Therapien aus unterschiedlichen Gründen Zuflucht: wegen ihres Schreibabys, dessen Schiefhalses, Blähungen, später wegen Hyperaktivität und Lernschwierigkeiten.

Ob diese Therapien tatsächlich etwas bringen, ist wissenschaftlich umstritten. Das Urteil dürfte aber von Kunde zu Kunde unterschiedlich ausfallen. Auf jede Mutter, die nach zehn Sitzungen keinerlei Fortschritte feststellen kann, kommt wahrscheinlich eine andere, die von den positiven Veränderung ihres Kindes begeistert ist. In jedem Fall müssen sich besorgte Eltern das Wohlbefinden ihrer Sprösslinge etwas kosten lassen. Obwohl die Tarife für Kleinkinder meist entsprechend abgesenkt sind, muss man zwischen 30 und 60 Euro für rund eine halbe Stunde Behandlung rechnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2009)

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