Klitoris: Der unbekannte Organkomplex

Die wenigsten wissen über die Beschaffenheit der Klitoris Bescheid. Es ist ein Organ mit 8000 Nerven, das auch in Lehrbüchern fragmentiert wird.

''Klitoris, die schöne Unbekannte'', Sendetermin auf ARTE: 23. 11. 2007)
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''Klitoris, die schöne Unbekannte'', Sendetermin auf ARTE: 23. 11. 2007)
(c) ArteBildredaktion

Sex ist gesund, tut Körper und Seele gut, die Weltgesundheitsorganisation hat das Recht auf Sexualität zum universellen Menschenrecht erklärt und betont: „So, wie die Gesundheit ein fundamentales Menschenrecht ist, so muss es auch die sexuelle Gesundheit sein.“ Ungesund dabei ist mitunter das Unwissen der Menschen hinsichtlich ihrer Sexualorgane, wobei das wohl am meisten verkannte Organ die Klitoris ist. „Es ist wirklich erstaunlich, dass nur die wenigsten Menschen wissen, wie die Klitoris wirklich aussieht“, meinte die Sexualpädagogin und Geschlechtsforscherin Mag. Kerstin Pirker bei der Sommerakademie der österreichischen Apothekerkammer.

 

Besitzt rund 8000 Nerven

Die meisten denken bei dem Geschlechtsteil an ein kleines Knöpfchen, das äußerlich zu sehen ist. Die Klitoris, auch Kitzler genannt, ist aber weit mehr, ist ein ganzer Organkomplex, der sich im Inneren des Körpers fortsetzt. Da gibt es zwei Schenkel von je acht bis zwölf Zentimeter Länge, Drüsen, Schwellkörper, Nervenstränge. Rund 8000 Nerven besitzt dieses unbekannte Organ.

„Auch in medizinischen Lehrbüchern wird die Klitoris verkleinert und fragmentiert“, kritisierte Pirker. Bei der sogenannten Genitalverstümmelung ist immer auch die Klitoris in Mitleidenschaft gezogen. „Weltweit haben 155 Millionen Frauen diesen grausamen Eingriff in ihrer Kindheit erleiden müssen, und man geht davon aus, dass täglich weitere 7000 Mädchen – vor allem in afrikanischen Ländern – Opfer dieses Rituals werden. Auch in Österreich leben Schätzungen zufolge etwa 8000 betroffene Frauen“, meinte Univ.-Prof. Dr. Karin Gutierrez-Lobos, Vizerektorin für Personalentwicklung und Frauenförderung an der medizinischen Universität Wien.

 

Gegen Genitalverstümmelung

Die Med-Uni hat gemeinsam mit dem Wiener Programm für Frauengesundheit in Wien Ende Juni eine zweitägige Konferenz zur weiblichen Genitalverstümmelung (FGM) veranstaltet. Unter anderem wurden neue Präventionsansätze vorgestellt, damit Mädchen dieses Schicksal in Zukunft erspart bleibt. Denn Betroffene leiden häufig ihr Leben lang unter den schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen der Verstümmelung ihrer Genitalien. „Sie können oft nicht mehr menstruieren, nicht mehr gebären“, streifte auch Pirker dieses Problem auf der Apothekertagung. Da ging es aber vor allem um die Funktionsweise der Klitoris.

 

Dient nur dem Lustgewinn

„Die Klitoris-Schwellkörper entsprechen jenen beim Mann, das Schwellkörpergewebe ist bei beiden Geschlechtern in etwa gleich groß.“ Hier seien besonders viele Nerven angesiedelt, weswegen dieses Areal, so es stimuliert wird, auch starke Lust vermittelt.

„Eine sehr hohe Dichte an Nervenzellen findet sich auch am Klitorisköpfchen, bei vielen Frauen geht von hier das stärkste Lustempfinden aus.“ Das Organ sei übrigens der einzige Körperteil eines Menschen, dessen alleinige physiologische Funktion die sexuelle Erregung, der Lustgewinn sei. „Der Penis des Mannes dient ja auch noch der Fortpflanzung.“ Das Verbindende zum Penis wiederum: Bei entsprechender Stimulierung nimmt der von der Klitorisvorhaut bedeckte Teil beträchtlich an Größe zu und tritt deutlich hervor. Entwicklungsgeschichtlich gehen Klitoris und Penis aus denselben Anlagen hervor.

Noch eine sexuelle (weithin unbekannte) Gemeinsamkeit zwischen Mann und Frau: Auch das weibliche Geschlecht ejakuliert. „Schwillt der Schwellkörper an, kann es zur Ejakulation kommen, selbst ohne Orgasmus, wie beim Mann auch“, erwähnte die Expertin. Ein Drittel der Frauen ejakuliere nie – „das vermissen diese Frauen aber keinesfalls“ –, ein weiteres Drittel ejakuliert von Anfang an – „das beginnt beim Mädchen“ –, die verbleibenden 33,3 Prozent beginnen im Laufe ihres Lebens irgendwann damit. Die Menge der Flüssigkeit reicht von wenigen Spritzern bis zu einem Dreiviertel Liter. „Viele Frauen glauben, sie hätten Harn verloren; es ist ihnen peinlich, ganz zu Unrecht.“

Ausschlaggebend ist jedenfalls die Stimulation des Harnröhrenschwellkörpers, salopp auch als weibliche Prostata bezeichnet. Dann wird in seinen 35 Drüsen, den sogenannten Paraurethral-Drüsen, das Ejakulat produziert. „Das geschieht bei jeder Frau, aber nicht jede ejakuliert. In letzterem Fall bildet sich diese Flüssigkeit wieder zurück und wird über die Harnröhre ausgeschieden“, so Pirker. Die Forscherin hat ein ehrgeiziges Projekt vor Augen: „Ich werde mich bemühen, dass das Thema Klitoris in die österreichischen Schulbücher aufgenommen wird.“ Geplanter Start ihres Projekts ist der kommende Herbst, „nach meiner Babypause“.

KLITORIS & GEBURT

Bei der Klitoris handelt es sich um einen Organkomplex, unter anderem mit rund 8000 Nerven, Drüsen und Schwellkörpern. Einer davon befindet sich rund um die Vaginalöffnung – er wird beim Dammschnitt bei Geburten häufig verletzt und verheilt schmerzhaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2009)

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