Von Schädel bis Kreuzbein

Die Cranio-Sacral-Therapie ist immer noch umstritten, ihre Wirkung nicht nachweisbar. Dennoch beginnen so manche Schulmediziner damit zu arbeiten.

Patientin Melanie Tisch konnte ihre starken Kopfkrämpfe durch die cranio-sacrale Therapie lindern. Hier mit Ärztin Irene Kratky.
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Patientin Melanie Tisch konnte ihre starken Kopfkrämpfe durch die cranio-sacrale Therapie lindern. Hier mit Ärztin Irene Kratky.
Patientin Melanie Tisch konnte ihre starken Kopfkrämpfe durch die cranio-sacrale Therapie lindern. Hier mit Ärztin Irene Kratky. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die seltsamen Schmerzen kamen plötzlich. Von einem Tag auf den anderen hatte Melanie Tisch starke Kopfkrämpfe. „Es fühlte sich an wie Krämpfe im Wadel. Die dauerten rund eine Viertelstunde, danach hatte ich eine Stunde lang starke Kopfschmerzen“, erzählt Melanie Tisch. Bis zu sechs Anfälle hatte sie täglich. Die anschließenden klinischen Untersuchungen, eine Magnetresonanztomografie und die Röntgen, ergaben nichts. Also wurden ihr lediglich Schmerzmittel und Magnesium verschrieben. Aber das half nicht wirklich und außerdem: „Ich wollte wissen, was mir fehlt, und nicht nur Tabletten schlucken.“

Weil sie sich von der Schulmedizin im Stich gelassen fühlte, suchte sie nach Alternativen: „Eine Arbeitskollegin mit ähnlichen Beschwerden hatte mir einmal erzählt, dass ihr die Cranio-Sacral-Therapie so gut geholfen habe.“ Melanie Tisch suchte eine entsprechende Ärztin, bereits nach zwei Behandlungen stellte sich eine Besserung ein. „Danach hatte ich nur noch zwei Anfälle pro Tag, und nach der vierten Behandlung war ich mehr oder weniger beschwerdefrei.“ Dass die cranio-sacrale Therapie unter Experten umstritten ist, weil ihre Wirksamkeit noch immer nicht bewiesen ist, war Tisch egal.


Hilfreich gegen Verspannungen

Ähnlich erging es dem Lehrer Christoph Kubu, der an einer Wiener Mittelschule Sport und Deutsch unterrichtet. Vor etwa fünf Jahren begann sein Leidensweg: Plötzlich waren beide Ohren belegt, sodass er sich selbst sprechen hörte. Anfangs passierte das nur beim Sport – der 32-Jährige ist begeisterter Schwimmer und Snowboarder – später kam es täglich und ohne Anlass vor. Das war besonders unangenehm beim Unterrichten. Kubu konsultierte unzählige Ärzte, vor allem Orthopäden. Zervikalsyndrom (schmerzhafte Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich) lautete die Diagnose, verschrieben wurde ihm Physiotherapie mit vielen Übungen, die er „brav und regelmäßig“ machte, wie er sagt. Doch das half nur vorübergehend, die Beschwerden wurden stärker. Vier Jahre schlug sich Kubu so herum, bis auch er auf die cranio-sacrale Therapie stieß und nach vier Behandlungen beschwerdefrei war.

Cranio-Sacral-Therapie ist ein Teilgebiet der Osteopathie – und ihr schlechter Ruf rührt gewiss auch daher, dass der Begriff nicht geschützt ist. So kann sich jeder medizinische Laie in einem Wochenendkurs ausbilden lassen und sich hinterher Cranio-Sacral-Therapeut oder Osteopath nennen. Wobei es auch Osteopathen gibt, die eine mehrjährige seriöse Ausbildung hinter sich haben. Wie Heribert Salfinger, Oberarzt an der konservativen Abteilung für Orthopädie am Orthopädischen Spital Speising. Er hat eine mehrjährige Ausbildung am Philadelphia Institute of Osteopathic Medicine gemacht. In den USA ist Osteopathie Teil der Schulmedizin, in Österreich noch nicht. Daher empfiehlt es sich, jeden Behandler zu fragen, wo und wie lang er seine Ausbildung gemacht hat.

Auch die Upledger-Cranio-Sacral-Therapie schützt weitgehend vor dilettantischen Behandlern. „Die zumindest dreijährige Ausbildung dazu können nur Personen mit medizinischer Grundausbildung machen, also unter anderem Ärzte, Physiotherapeuten und Masseure“, sagt Irene Kratky, Allgemeinmedizinerin und Upledger-Therapeutin, die Melanie Tisch und Christoph Kubu betreut hat.

Obwohl es also eine fundierte Ausbildung gibt, ist die Therapie nicht anerkannt. Edzard Ernst, emeritierter Professor an der britischen Universität Exeter, der sich viele Jahre mit der Wirksamkeit alternativer Heilmethoden beschäftigt hat, sagt: „Die Methode ist nicht plausibel. Die wenigen Studien, die es gibt, beweisen keine Wirksamkeit der Cranio-Sacral-Therapie.“ Salfinger kontert: „Das ist eine veraltete Ansicht und stimmt so nicht. Es gibt ausreichend wissenschaftliche Studien, die eine Evidenz der qualifizierten osteopathischen Therapie nachweisen und in renommierten Fachjournalen publiziert sind.“


Spannung des Bindegewebes

Die Cranio-Sacral-Therapie geht davon aus, dass viele Probleme und Schmerzen von einer Spannung des Bindegewebes rühren. „Alle unsere Organe werden von Bindegewebe umhüllt, so sind Gehirn und Rückenmark von der Dura mater umgeben. Diese harte Hirnhaut ist der Hauptfokus der Cranio-Sacral Therapie“, erklärt Kratky. Ein Cranio-Sacral-Therapeut ist nun darauf geschult, diese Spannungen mit seinen Händen zu erfühlen und mit sanften Handgriffen zu lösen. „Der Grund für Kopfweh muss nicht immer im Kopf liegen, Kreuzweh muss nicht immer vom Kreuz ausgehen. So kann zum Beispiel Schulterschmerz vom Kalk in der Schulter stammen, aber genauso gut von einem Problem der Leber. Und wenn jemand mit Tinnitus kommt, arbeite ich auch nicht immer am Ohr, vielleicht arbeite ich drei Stunden am Becken, und es hilft.“

Was die Cranio-Sacral-Therapie nicht kann, ist chronische Erkrankungen wie Krebs erkennen und behandeln. „Wir nehmen nur Spannungen wahr. In einem fraglichen Fall werde ich den Patienten bildgebende und andere Untersuchungen vorschlagen, denn ich bin ja schließlich auch Schuldmedizinerin“, sagt Kratky. Doch oft könne die Schulmedizin nur die Symptome lindern und nicht die zugrunde liegende Störung beheben.

Wie sie selbst auf die cranio-sacrale Therapie gestoßen sei? "Mir hat sie einmal geholfen, als ich in der Schwangerschaft Kreuzschmerzen hatte. Ausschlaggebend aber war die Geschichte mit meinem Mann, einem Techniker, der nur an Zahlen und harte Fakten glaubt. Er hatte einen Unfall und konnte tagelang den Mund nicht mehr richtig öffnen, hat nur Suppe mit dem Strohhalm getrunken. Seine behandelnden Ärzte meinten, das rühre von der Schwellung her, das sei schon ok so, das lege sich mit der Zeit wieder. Ich schickte meinen Mann zur selben Therapeutin, die mir in der Schwangerschaft geholfen hatte. Und was soll ich sagen: Mein Mann kam zurück und hat eine Schinkensemmel gegessen. Da stand mein Entschluss fest, dass ich mich zur Upledger-Therapeutin ausbilden lasse. "

Info

Die Cranio-Sacral-Therapie wird als sanfte manuelle Behandlungs- und ganzheitliche Regulationsmethode beschrieben. Sie kann in jedem Alter angewandt werden, ihr Hauptziel ist die Entspannung des Bindegewebes, insbesondere des cranio-sacralen Systems, das sich vom Cranium (knöcherner Schädel) über die Wirbelsäule bis zum Sacrum (Kreuzbein) erstreckt. Zu den Einsatzgebieten gehören unter anderem Schmerzen, Schlafstörungen, Tinnitus.

Offene Türen: Am 10. Februar wäre der Begründer der Cranio-Sacral-Therapie, der amerikanische Chirurg und Osteopath John E. Upledger (1932–2012), 85 Jahre geworden. Aus diesem Anlass hat der Verband der Upledger-Therapeuten den Februar zum „Monat der offenen Türen“ erklärt: In etlichen Praxen gibt es gratis Schnupperbehandlungen, Kurzvorträge, Rahmenprogramm. Näheres unter www.upledger-verband.at. Hier findet sich auch eine Liste der ausgebildeten Therapeuten.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2017)

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