Gefährliche Klinikkeime

Bis zu 1500 Menschen sterben jährlich an Krankenhausinfektionen. Diese Zahl ließe sich durch Handhygiene senken. Auch Patienten können einiges tun.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Mindestens 1500 Österreicher sterben jährlich daran: Krankenhausinfektionen kosten also täglich mehr als vier Österreicher das Leben. Diese Zahl ließe sich durch Handhygiene deutlich senken. „Doch nur 30 bis 60 Prozent des Spitalspersonals führen die vorgeschriebene Handdesinfektion durch“, sagte Ursula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes, bei einem Round Table zum Thema Krankenhausinfektionen. Bis zu 70 Prozent des Krankenhauspersonals missachten also diese einfachste aller Hygieneregeln. Auf einem Quadratzentimeter Haut auf der Hand tummeln sich 6000 Keime, allein auf einer Fingerkuppe befinden sich bis zu 100 verschiedene solcher Organismen. Und wissen sollte man auch: Die widerstandsfähigen Staphylokokken, die häufig zu Infektionen führen, werden meist über die Hände übertragen.

Die beruhigende Nachricht: Man kann als Patient ein Quäntchen zu seinem eigenen Schutz beitragen. „Vor allem bei geplanten Operationen ist das gut möglich, und zwar durch Dekolonisierung“, sagt Thomas Müllner, Orthopädievorstand am Evangelischen Krankenhaus. An seiner Abteilung läuft derzeit folgendes Pilotprojekt zur Dekolonisierung: Patienten, vor allem solche, die ein künstliches Gelenk eingesetzt bekommen, erhalten ein spezielles Hygiene-Kit, das es prinzipiell auch in Apotheken zu kaufen gibt. Vier bis fünf Tage vor dem geplanten Eingriff beginnt man noch zu Hause mit der Reduzierung der Keimzahl auf der Haut: Jeden Tag wird der gesamte Körper mit einer antiseptischen Lösung gewaschen. Zudem wird die Nase, in deren Schleimhaut sich besonders viele Bakterien ansiedeln, mit einem antiseptischen Nasengel behandelt. Müllner: „Einem gesunden Menschen tun die Keime in der Nase nichts. Aber wenn man dann ein wenig angeschlagen ist, können sie schon zu einem Problem werden.“ Noch ist das Pilotprojekt am Evangelischen Krankenhaus nicht ausgewertet, doch aus anderen Studien ist bekannt: „Das Infektionsrisiko kann so bis zu 50 Prozent gesenkt werden“, sagt Müllner. Und ergänzt: „Bei uns im Krankenhaus haben wir eine sehr geringe Infektionsrate von unter 0,5 Prozent.“


Ratsam bei Risikopatienten. Von einer prinzipiellen Dekolonisierung für alle hält Christoph Wenisch wenig. Der Vorstand der 4. Medizinischen Abteilung mit Infektions- und Tropenmedizin am Sozialmedizinischen Zentrum Süd im Kaiser-Franz-Josef-Spital erklärt: „Es gibt Studien, die der Dekolonisierung ein gutes Zeugnis ausstellen, und solche, die sagen, das bringt nichts.“ Er würde sie nicht generell empfehlen, sondern vorwiegend vor Eingriffen bei Risikopatienten, also bei über 60-Jährigen, bei Diabetikern und bei Menschen mit peripheren Durchblutungsstörungen oder geschwächtem Immunsystem. „Hier ergibt es sicher Sinn, wenn man versucht, diese Risikogruppe vor der eigenen Flora zu schützen.“ Nicht ganz einig ist sich die Medizin auch, wenn es um das Screening der Patienten auf Keime geht. Zu teuer und aufwendig sei das, sagen die einen, man müsste 100 Patienten screenen, um zwei bis vier positive Ergebnisse zu bekommen; andere befürworten das Keim-Screening, zumindest bei Risikopatienten.

In einer Onlineumfrage hat die Österreichische Gesellschaft für Krankenhaushygiene herausgefunden: Vor 80 Prozent der chirurgischen Eingriffe findet keine Untersuchung der Patienten auf den Hautkeim Staphylococcus aureus statt. Dieser löst häufig Wundinfektionen aus, jeder Österreicher kann ihn in der Nase tragen. Wird dieser Keim jedoch noch vor der Operation beseitigt, sinkt die Rate der Wundinfektionen signifikant. Eine neue Möglichkeit der Bakterienbekämpfung ist eine spezielle Wundauflage, in die kleine Zellen eingebaut sind. Orthopäde und Unfallchirurg Müllner erklärt: „Sobald diese mit Schweiß in Verbindung kommen, produzieren sie leichten Strom, der die Keime in der Haut vernichtet.“ In den USA ist diese Auflage bereits erhältlich, in Europa noch nicht.

Die Gefahr einer Wundinfektion kann der Einzelne noch durch ein paar weitere Maßnahmen senken: „Vor einem Eingriff sollte man sich im Operationsgebiet keinesfalls rasieren“, rät Norbert Pateisky, Leiter der Abteilung Patientensicherheit an der medizinischen Universität Wien, „denn durch die Rasur werden viele kleine Mikroverletzungen gesetzt, lauter Eintrittspforten für Bakterien.“ Nicht ratsam ist es auch, sich unter das Messer zu legen, wenn der Partner oder die Partnerin gerade unter einem Harnwegsinfekt leidet. „Auch wenn Hund oder Katze gerade eine Hautinfektion hat, sollte man überlegen, eine nicht akute Operation zu verschieben, da Keime unter tierischen und menschlichen Mitbewohnern ausgetauscht werden können. Dadurch kann sich das Infektionsrisiko erhöhen“, sagt Christoph Wenisch. Er empfiehlt zudem: „Ausreichend Schlaf vor jedem Eingriff, denn Schlafmangel steigert das Infektionsrisiko ebenfalls.“ Gut tut, wer zumindest eine Woche vor der Operation auf Nikotin und Alkohol verzichtet und sich gesund und ausgewogen ernährt.

Prävention

Wichtigste Methode, um die Infektion mit Krankenhauskeimen zu vermeiden, ist die Handdesinfektion des Krankenhauspersonals. Patientenkönnen selbst vorsorgen, etwa durch die Anwendung eines Hygiene-Kits vor der Operation, Vermeidung von Rasuren im Operationsgebiet, Verzicht auf Nikotin und Alkohol etc.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2017)

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