Medizin, Ost gegen West

Im Rahmen des Medicinicum Lech diskutierten Philosophen und Mediziner über die divergierende Entwicklung der asiatischen und westlichen Medizin.

Die Moxa-Therapie ist eine Variante der Akupunktur mit Wärme. Sie stammt aus der Traditionell Chinesischen Medizin.
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Die Moxa-Therapie ist eine Variante der Akupunktur mit Wärme. Sie stammt aus der Traditionell Chinesischen Medizin.
Die Moxa-Therapie ist eine Variante der Akupunktur mit Wärme. Sie stammt aus der Traditionell Chinesischen Medizin. – (c) MEV / allOver / picturedesk.com (MEV)

Selbst die Medizin ist eine Konsequenz des Denkens. „Vertreter der abendländischen Kultur denken im Gegensatz zu anderen Hochkulturen, dass es nur eine Art gibt, richtig zu denken. Folglich anerkennt die Schulmedizin auch nur ihre Prinzipien“, sagt der Philosoph und Physiker Herbert Pietschmann. Komplementärmedizin, aber auch Traditionell Europäische, Chinesische oder Tibetische Medizin werden abgelehnt, weil sie nicht in den Rahmen abendländischen Denkens passen.

Wenn die Schulmedizin die Hälfte ihrer Krebspatienten verliere, so sei das lege artis. Wenn aber ein Komplementärmediziner einen vielleicht austherapierten Krebskranken verliere, wird das kritisiert. Pietschmann will aber nicht missverstanden werden, „das abendländische Denken hat viele Vorteile und unschlagbare und gewaltige Erfolge gebracht, beispielsweise mit Hightech-Operationen.“ Er selbst habe davon profitiert, als er 1992 am linken Auge nahezu erblindet ist, weil sich die Netzhaut abgelöst habe. „Eine Operation hat das Problem behoben, jetzt sehe ich wieder – großartig.“ Weniger großartig: Er werde häufig von oben herab angesehen, wenn er sage, dass er seinen Bluthochdruck mittels Homöopathie behandle.

Viele fragen den Physiker dann, ob er denn an so etwas glaube. Pietschmanns Antwort: „Nein, ich messe und sehe, dass es wirkt.“ Schon seit Jahren hält er seine Hypertonie damit in Schach, ein- bis zweimal im Monat nimmt er ein stärkeres, schulmedizinisches Mittel dazu. „So können sich Schul- und Komplementär-, aber auch asiatische Medizin optimal ergänzen“, sagt Pietschmann, der beim heurigen Medicinicum Lech von Donnerstag bis Sonntag zu ergründen suchte, wieso sich die asiatische und westliche Medizin so divergierend entwickelt haben. Erstere existiert seit mindestens 2000 Jahren, die Schulmedizin erst seit 250. Eine der Stärken der Schulmedizin liegt in der Behandlung akuter Erkrankungen, die starke Maßnahmen erfordern. Die chinesische Medizin hingegen hat ihre großen Erfolge bei funktionellen Störungen und chronischen Erkrankungen.

„Das Gesamtkonzept der Traditionell Chinesischen Medizin etwa ist überschaubarer als das der westlichen Schulmedizin“, sagte der Arzt für Allgemeinmedizin und TCM Alfred Lohninger beim Medicinicum Lech. „Bei uns gibt es beispielsweise viele gute und hochtechnische Möglichkeiten der Diagnostik, vom Labor über Computertomografie bis zur Szintigrafie. Wir sezieren, biopsieren, mikroskopieren, extrahieren, fotometrieren, immer kleiner, immer besser, immer genauer. Wir haben viel erreicht.“ Doch die ungeheure Vielfalt im Westen führe mitunter zur Verunsicherung in der Medizinerschaft. Im Osten gebe es weniger Diagnosemethoden, weniger Spezifikationen, und das sei nicht nur schlecht. Auch mit dem Vertrauensverhältnis hapere es im Westen. „Wie soll ein Allgemeinmediziner Vertrauen aufbauen, in den zwei, drei Minuten, die ihm pro Patient bleiben. Ohne Vertrauen ist Heilung aber schwieriger.“

Nachteile der Drei-Minuten-Medizin

In der Drei-Minuten-Medizin bleibt selten Zeit für eingehende Beratung. Beispiel Bluthochdruck, die häufigste Erkrankung in der industrialisierten Welt: Bei bis zu 95 Prozent der Patienten kann keine körperliche Ursache gefunden werden. Dabei ist erwiesen, dass eine Lebensstiländerung den Blutdruck senken kann. Westliche Ärzte aber verschreiben schnell Medikamente anstatt das „Supermittel“ gegen Bluthochdruck – Gewichtsreduktion und körperliches Training – zu erläutern. Lohninger: „Der Arzt sagt vielleicht, Sie sollten abnehmen und sich mehr bewegen.“ Das ist zu schwammig, verpufft bei den allermeisten. Ein chinesischer Arzt hingegen erklärt meist, warum Lebensstilmodifikation bei Bluthochdruck so wichtig sei, und gibt konkrete Ratschläge zu mehr Bewegung und einigen Basisregeln bei der Ernährung (wenig Fleisch essen, nicht zu scharf).

Einen weiteren Unterschied zwischen Ost und West beobachtet Lohninger bei der Behandlung von Kreuzschmerzen: „Bei uns gibt es Tabletten und Salben, vielleicht eine Operation. Im Osten wird behandelt, im Sinne von Hand angelegt, etwa mit Nadeln bei der Akupunktur oder mit der Wärmebehandlung Moxibustion.“ Freilich gibt es auch im Westen die physikalische Medizin mit Massagen und Strom, „die behandelt aber nicht die Ursache“. Im Osten, so Lohninger, kümmere man sich um das gesamte Schmerzgeschehen, die Wirbelsäule werde aufgerichtet, die Muskulatur gestärkt, aber auch der Mensch und seine Lebensart und seine Eigenheiten würden bei der Wahl der Therapie im Mittelpunkt stehen.

Welche Therapie ist nun die bessere bei Rückenleiden? Das will Lohninger nicht beurteilen. Ein Gutteil der Heilung entstehe – in Ost wie in West – ohnehin im Gehirn, sagt er und zitiert eine der Studien dazu: Patienten mit nachgewiesenen Knorpelschäden an den Kniegelenken wurden in zwei Gruppen geteilt. Eine Gruppe erhielt eine Gelenksspülung, der schadhafte Knorpel wurde entfernt. Bei der zweiten Gruppe wurde mit zwei kleinen Hautschnitten ein Eingriff vorgetäuscht – bei beiden Gruppen besserten sich die Beschwerden im gleichen Ausmaß.

Lohninger betont, dass in der östlichen Medizin „die Atmung einen viel höheren Stellenwert hat. Falsche oder zu flache Atmung kann eine Reihe von Krankheiten und Krankheitssymptomen mit verursachen oder verschlimmern. Sobald man aufgrund von Schmerzen oder Depression oder Angst oder Dauerstress nicht mehr richtig wie ein Kind atmen kann, erhöht sich die Gefahr, dass man krank wird.“ Auch der Westen hat inzwischen ein gutes Mittel, die Atmung zu verbessern: Faszientherapie. Sie verbessert die Haltung und damit die Atmung. „Richtige Atmung und Bewegung sind wirklich eine ungeheuer wirksame Medizin. Und sie kosten nichts.“

Medicinicum Lech

Zum vierten Mal fand von 6. bis 9. Juli das Medicinicum Lech in Vorarlberg statt. Diesmal drehte sich das Programm um die großen medizinischen Schulen – die indische, die chinesische, die westliche – ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Mehr Infos unter: www.medicinicum.at

„Die Presse“ war in diesem Jahr zum zweiten Mal Medienpartner des Symposiums.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2017)

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