Eine neue Hüfte nach Maß

Seit einem halben Jahr bekommt man auch in Österreich auf Wunsch und wenn es medizinisch notwendig ist, eine individuelle Hüfte. Eine Patientin erzählt.

Christine Kröpfl wurde eine maßgeschneiderte Hüfte eingesetzt.
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Christine Kröpfl wurde eine maßgeschneiderte Hüfte eingesetzt.
Christine Kröpfl wurde eine maßgeschneiderte Hüfte eingesetzt. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Zwei Jahre lang bestand ihr Leben vor allem aus Schmerzen, die sie mit vielen Tabletten einzudämmen versuchte. Christine Kröpfl erinnert sich: „Ich konnte kaum noch gehen, jeder Schritt tat furchtbar weh.“ An Sport war nicht mehr zu denken, die Bankangestellte konnte sich nur auf Krücken zur Arbeit begeben. Ihre Hüfte war lädiert. Trotzdem wollte sie den Einsatz eines künstlichen Gelenks so lang wie möglich hinauszögern. „Ein Arzt, den ich aufgesucht hatte, hatte gemeint, eine Operation sei erst dann angebracht, wenn es wirklich gar nicht mehr anders geht.“ Wie sehr ihr Hüftgelenk bereits geschädigt war, ahnte die 56-Jährige damals noch nicht. Sie wartete also zu. Humpelte, nahm täglich Schmerztabletten, biss die Zähne zusammen. „Erst als ich überhaupt nicht mehr schlafen konnte, als ich ein seelisches Wrack war und mich eigentlich nichts mehr freute, ging ich auf Drängen von Freunden zu einem anderen Arzt.“ Eigentlich, so die Niederösterreicherin, habe sie sich nur erkundigen wollen, wie lang sie noch Zeit hätte. „Ich wollte die Operation bis zu meiner Pension Ende 2017 hinausschieben.“


Standardhüfte nicht für jeden geeignet

Doch der zu Rate gezogene Arzt schlug Alarm: Christine Kröpfls Hüfte war schon schwerst geschädigt. „Es war wirklich schlimm. Wenn ich noch länger zugewartet hätte, hätte man nichts mehr machen können.“ Da ihre Hüfte bereits enorm abgenützt und sogar schon verschoben und Wirbelsäule und Nerven bereits in Mitleidenschaft gezogen waren, war eine Operation dringendst angesagt. Die Patientin erhielt nicht nur ein neues Gelenk, als eine der ersten in Österreich bekam sie eine maßgeschneiderte Hüfte.

„Bei etwa 20 Prozent aller Patienten, die ein künstliches Hüftgelenk erhalten, eignet sich eine Standardhüfte nicht unbedingt“, erzählt Thomas Müllner, Vorstand der Abteilungen für Orthopädie und Traumatologie am Evangelischen Krankenhaus in Wien. Freilich werden auch Standardhüften auf den jeweiligen Patienten so gut wie möglich angepasst, es gibt unterschiedliche Größen, unterschiedliche Winkel, unterschiedliche Schaftlängen. Und für die meisten Patienten sind derlei Endoprothesen auch gut bis optimal geeignet. Müllner: „Die meisten Patienten vergessen relativ rasch, dass sie überhaupt ein künstliches Gelenk haben. Wir sprechen da auch gern vom vergessenen Gelenk.“

Doch für rund ein Fünftel der Betroffenen, die entweder eine anatomische Anomalie aufweisen oder deren Hüfte extremst geschädigt ist, stellt eine Standardhüfte oft nur einen Kompromiss dar – es kann zu diversen Problemen kommen, weil die neue Hüfte nicht exakt mit den anatomischen Gegebenheiten korreliert. Der Patient kann sehr rasch ermüden, ständig Schmerzen haben oder hinken. Und vor allem für leidenschaftliche Jogger kann eine Standardhüfte bedeuten, den Laufsport nicht mehr wie gewohnt aufnehmen zu können.



Zurück auf das Ballettparkett

Seit etwa einem halben Jahr steht nun auch in Österreich die maßgeschneiderte Hüfte zur Verfügung. International hat man damit bereits jahrelange Erfahrung. „Wir wollten erst Langzeitergebnisse abwarten. Diese sind jetzt da und äußerst positiv. Jetzt gehen wir es auch in Österreich an“, sagt Orthopäde und Unfallchirurg Müllner, der mit seinem Team hierzulande einer der ersten ist, der die maßgeschneiderte Hüfte anbietet. Mittels CT, Computer und eines speziellen 3-D-Plansystems wird eine individuelle Hüfte nach den persönlichen anatomischen Gegebenheiten maßgeschneidert und angefertigt. Diese sitzt dann wirklich. Die Haltbarkeit beträgt 15 bis 25 Jahre und länger. „Das ist umso wichtiger, als immer öfter jüngere Patienten eine neue Hüfte erhalten. In unserem Patientengut ist unter anderem auch eine junge Balletttänzerin, die nach der Hüftimplantation wieder auf sehr hohem Niveau tanzen kann“, sagt Müllner.

 

Operation nicht immer notwendig

Nicht jeder junge Mensch mit Hüftproblemen muss gleich operiert werden – häufig genügen physiotherapeutische Maßnahmen, knorpelaufbauende Injektionen oder Hüftgelenksspiegelung. Allerdings sind die meisten orthopädischen Chirurgen beim Einsatz künstlicher Gelenke ohnehin eher zurückhaltend, unnötige Operationen sind dem Vernehmen nach sehr selten.

Operiert wird in vielen Fällen mit der Schlüssellochtechnik, also minimalinvasiv. Müllner sagt dazu: „Ich bevorzuge die gewebeschonende Amis-Methode, bei der keine Muskeln durchtrennt und keine Nerven verletzt werden.“ Normalerweise dauert der Einsatz einer neuen Hüfte etwa eine Stunde.


Implantat nicht spürbar

„Bei mir dauerte die Operation etwa dreimal so lange, weil meine Hüfte eben schon so kaputt war“, erzählt Patientin Christine Kröpfl. „Es war ja fast keine Pfanne mehr da.“ Auch Spitalsaufenthalt und Heilungsprozess dauerten bei der Niederösterreicherin etwas länger als üblich. „Aber ich habe von Anfang an keine Schmerztabletten mehr gebraucht und bin heute wie ein neuer Mensch, kann wieder alles machen. Ich habe nicht das Gefühl, ein Implantat im Körper zu haben, die Kunst des Arztes und die neue Technik haben mir Beweglichkeit und Lebensfreude wiedergegeben.“



Neues Service ab 2018

Patienten, die mit ihrer künstlichen Hüfte unzufrieden sind oder sich von ihrem Chirurgen schlecht behandelt fühlen, könnte schon bald ein neues Service geboten werden. Nach einem französischen Vorbild plant Thomas Müllner Folgendes auch für Wien: Unzufriedene Patienten können ihre Daten, Befunde und Operationsberichte an eine bestimmte Stelle schicken. Diese werden von einer Expertenrunde aus Chirurgen, Orthopäden und Radiologen begutachtet. Einmal im Monat gibt es dann ein Treffen von Experten und Patienten. Der Patient kann Fragen stellen, von seinen Problemen erzählen und wird genau untersucht. Anschließend besprechen die Fachleute unter sich, was im einzelnen Fall zu tun ist, und beraten dann den Patienten.

Müllner erzählt, dass die französischen Fragebögen bereits ins Deutsche übersetzt wurden. Er glaubt, dass man dieses Service Anfang 2018 anbieten wird können.

Hüfte nach Mass

Neu in Österreich. Eine fortgeschrittene Abnützung des Hüftgelenks (Cox-Arthrose) kann das Implantat eines künstlichen Gelenks notwendig machen. Mit so einer Endoprothese kann und darf man durchaus Sport betreiben. Das Allerneueste auf dem Gebiet des Gelenkersatzes ist die maßgeschneiderte Hüfte, die es in Österreich erst seit Kurzem gibt.

20.000 Hüftprothesen werden pro Jahr in Österreich implantiert, in Deutschland sind es 200.000. Die Patienten sind im Schnitt 60 Jahre. Bei jüngeren Patienten sind oft anatomische Anomalien Grund für eine vorzeitige Abnützung. Aber auch krankhaftes Übergewicht und Unfälle können dem Hüftgelenk schaden.

Gut überlegen. Dennoch ist so eine Operation kein Bagatelleingriff und gehört – wie jede andere Operation – gut überlegt. Zu den normalen Operationsrisken kommt die Gefahr einer Protheseninfektion hinzu. Die ist zwar selten, aber kann sich auch erst lang nach der Operation einstellen. Jeder Eingriff (z. B. Zahnwurzelextraktion), jede größere Entzündung im Körper kann zum Einschwemmen von Bakterien in das künstliche Hüftgelenk führen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2017)

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