Softdrinks fördern Rheuma

Rheuma ist nicht nur genetisch bedingt, sondern auch eine Frage des Lebensstils. Rauchen und Übergewicht schadet - die richtige Ernährung hilft.

Rheumapatientin Brigitte G. mit ihrem Arzt, Thomas Schwingenschlögl.
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Rheumapatientin Brigitte G. mit ihrem Arzt, Thomas Schwingenschlögl.
Rheumapatientin Brigitte G. mit ihrem Arzt, Thomas Schwingenschlögl. – (c) Stanislav Jenis

Eines Morgens wachte sie mit total verschwollenen Händen und starken Schmerzen auf. „Ich dachte an eine Sehnenscheidenentzündung als Folge meiner vielen Computerarbeit“, erinnert sich die Büroangestellte Brigitte G. Der Hausarzt gab ihr Injektionen und Schmerzmittel gegen die – vermeintliche – Sehnenscheidenentzündung. Es half nichts. Im Gegenteil: Der Schmerz breitete sich aus, befiel in kürzester Zeit Schultergelenke, Ellenbogen und dann auch noch die Beine. „Innerhalb von wenigen Monaten tat mir mehr oder weniger der ganze Körper weh, Hände und Knie waren fürchterlich geschwollen.“ Damals war die heute 57-jährige Niederösterreicherin 49. Und sehr verzweifelt.

„Ich war davor immer sehr sportlich, joggte, radelte, schwamm regelmäßig. Aber mit einem Schlag konnte ich plötzlich nichts mehr, konnte vor Schmerz nicht einmal mehr einen Hosenknopf zumachen. Konnte mich kaum noch bewegen, war steif wie ein Brett. Da ist die Lebensfreude dahin.“

In extrem schlechtem Zustand

Die vielen Ärzte, die sie aufsuchte, konnten ihr nicht helfen. Bis endlich einer auf die Idee kam, ein Blutbild zu machen: Die Rheumawerte waren sehr hoch, man riet ihr zu einem Spezialisten. Rheumatoide Arthritis, die häufigste entzündliche Gelenkserkrankung, konstatierte Thomas Schwingenschlögl, einer der führenden Rheuma-Experten Österreichs. „Die Patientin war in einem extrem schlechten Zustand.“ Ihre Blutsenkung, erwähnt Frau G., wäre bei 130 gelegen (Normalwerte liegen zwischen 10 und 12). „Solche Werte sieht man normalerweise nur bei Patienten mit Blutvergiftung“, sagt der Arzt. Brigitte G. litt an einer besonders aggressiven Form der rheumatoiden Arthritis, die oft mit unerträglichen Schmerzen einhergeht. Heute strahlt die blonde Frau wieder. Ihre Schmerzen sind nur noch selten da, sie kann wieder schwimmen und Nordic-walken, ihre Lebensfreude ist zurück. Neben der medikamentösen Therapie trug auch eine komplette Ernährungsumstellung zum Erfolg bei. Brigitte G. hatte schon von Kindesbeinen an sehr gern Fleisch gegessen. „Heute esse ich höchstens zweimal die Woche Fleisch, und das nur von Huhn oder Pute. Dafür steht täglich viel Gemüse und Obst auf meinem Speiseplan.“ Auch die vielen Mehlspeisen, die Berge von Schokolade – „ich habe früher sehr gern genascht“ – gehören der kulinarischen Vergangenheit an.

Kann denn Essen Sünde für Rheumapatienten sein? Es gibt zwar keine explizite Rheumadiät, dennoch ist Ernährung wichtig, sowohl qualitativ als auch quantitativ. Ganz schlecht ist der Konsum von Softdrinks – bei Frauen führt er zu einer Verdoppelung des Rheumarisikos, da genügt schon ein Cola am Tag. Gut hingegen sind entzündungshemmende Lebensmittel wie Gemüse, Salate, Obst, bestimmte Öle, Fisch (mehr in dem Buch „Die Anti-Entzündungsdiät“). Abzuraten ist von Nahrungsmitteln wie fettem Fleisch, Wurst, Käse, Butter, Schlagobers – aufgrund der darin enthaltenen Arachidonsäure. Sie kurbelt Entzündungen an. In einer aktuellen Studie wurde Rheumapatienten täglich das an Omega-3-Fettsäure besonders reiche Algenöl gegeben – nach zehn Wochen ging es den Betroffenen wesentlich besser: weniger Beschwerden, signifikante Besserung bei den Entzündungswerten.

Das Gewicht spielt eine Rolle

Übergewicht stellt einen weiteren Risikofaktor für Rheuma dar – sowohl für den Ausbruch der Krankheit als auch für einen schlechteren Verlauf. Zudem wirken Medikamente bei Dicken weniger gut als bei Schlanken. Abnehmen ist also sowohl eine präventive als auch kurative Maßnahme.

Regelmäßige Bewegung hat denselben Effekt. Denn obwohl Rheuma zu einem Gutteil genetisch bedingt ist, spielt der Lebensstil eine bedeutende Rolle, ob und in welcher Ausprägung man diese Krankheit bekommt. Auch mit dem Rauchen kann man sich schaden. „Rauchen fördert die Bildung von CCP-Antikörpern. Und die bewirken eine Fehlsteuerung des Immunsystems und begünstigen so den Ausbruch von rheumatischen Entzündungen. So gesehen kann Rauchen Rheuma auslösen“, sagt Experte Schwingenschlögl. Bei jungen Frauen ist das Risiko für rheumatoide Arthritis gegenüber Nichtraucherinnen um das 16-Fache erhöht.

„Früherkennung und Behandlung ist enorm wichtig, das wurde erst jetzt wieder auf dem großen europäischen Rheumakongress in Madrid betont“, berichtet Schwingenschlögl. Beginnt die Therapie innerhalb von drei Monaten nach dem ersten Ausbruch, stehen die Chancen sehr gut, dass man die Erkrankung komplett zum Stillstand bringen kann. Diese Chancen sinken mit Zuwarten immer mehr, zudem werden Gelenke geschädigt, Knorpel zerstört, auch Wirbelsäule, Sehnen und Muskeln werden angegriffen, es kommt zu Fehlstellungen, Verformungen, Versteifungen – das kann man nie wieder korrigieren. Darum sei frühes Erkennen und Einschreiten so wichtig, werden Mediziner nicht müde zu betonen. Erste Anzeichen sind schmerzende, geschwollene, oft heiße oder gerötete Gelenke. Dazu kommen Unbeweglichkeit, Kraftverlust und Steifigkeit. Letzteres ist besonders am Morgen ausgeprägt und kann Stunden nach dem Aufstehen noch andauern. Besonders häufig befallen sind Hand- und Fingergelenke. Ein weiteres Erkennungszeichen ist der Begrüßungsschmerz: Wenn jemand beim Handgeben die Finger etwas stärker zusammendrückt, tut es höllisch weh. Nicht selten sind auch Zehengrund-, Sprung- und Kniegelenke betroffen.

Kleine Moleküle ganz groß

Höllenschmerzen, extreme Schwellungen und Unbeweglichkeit gehören für Patientin Brigitte G. der Vergangenheit an. „Das war damals die schlimmste Zeit in meinem Leben.“ Basistherapie, Biologika, Small Molecules (die neuesten Medikamente), regelmäßige Infiltrationen und die Ernährungsumstellung haben ihr geholfen, die Krankheit zum Stillstand zu bringen, Entzündungen sind nicht mehr nachweisbar. Ein Wort zur neuesten Medikamentengruppe, die seit Frühjahr dieses Jahres auf dem Markt ist: „Small Molecules“, „kleine Moleküle“ also, können als erstes Medikament die Entzündungsprozesse bereits in den Zellen blockieren – die kleinen Molekülmassen schaffen es nämlich bis ins Innere der menschlichen Zelle, wo sie entzündungsfördernde Botenstoffe hemmen. „Die werden dann erst gar nicht mehr produziert“, sagt Rheumatologe Schwingenschlögl. Eine Tablette am Tag genügt.

HILFE & TIPPS

Erste Anzeichen. Rheuma sollte so früh wie möglich erkannt werden. Erste Anzeichen sind schmerzende, geschwollene, oft heiße oder gerötete Gelenke. Dazu kommen Unbeweglichkeit, Kraftverlust und Steifigkeit.

Buchtipp zur Ernährung bei Rheuma: „Die Anti-Entzündungs-Diät. In 28 Tagen Entzündungen eindämmen, das Immunsystem stärken und fit werden“, Martin Kreutzer, Anne Larsen, Riva-Verlag, 272 Seiten, 22,70 Euro.

Infos: www.rheuma-tv.at, www.rheuma-selbst-hilfe.at, www.rheumahilfe.or.at, www.rheumaliga.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2017)

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