Fasten für Fortgeschrittene: Die Lichtesser

Sie verspüren weder Durst noch Hunger - obwohl sie seit Jahren kaum mehr essen oder trinken. Wie ernst kann man die Pranaisten nehmen, die sich angeblich nur von kosmischen Partikeln ernähren?

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(c) Michaela Bruckberger

Sophie war weg. Drei Wochen lang tauchte ihr Name in keinem Kalender ihrer Freunde auf. „Viel Zeit allein“ würde sie in nächster Zeit brauchen, hatte sie gesagt. Der letzte gemeinsame Lokalbesuch wirkte wie ein Abschied. Ein Abschied von der alten Sophie, ein Abschied ohne Abschiedstrunk und -essen – Sophie nippte an diesem Abend nur am gespritzten Apfelsaft. Warum? Weil sie in den folgenden drei Wochen auf drastische Weise Diät halten würde, um sich auf eine Ernährungsform umzustellen, die mit Bier und Brathuhn nun wirklich nichts zu tun hat.

Lichtnahrung oder Pranaismus wurde zuletzt Ende der 90er-Jahre heftig diskutiert. Die Anhänger dieses Kults verzichten auf Nahrung (manche nach eigenen Angaben auch auf Flüssigkeit), um sich von „kosmischen Partikeln“ zu ernähren. Das Ziel: die ansonsten für Verdauung verbrauchte Energie im Alltag und für ein spirituell intensiviertes Dasein zu nutzen.


Stofflichkeit der Ernährung. Sophies Comeback ins irdische Leben kam als SMS mit vielen Rufzeichen: „Ich habe die letzten 21 Tage Nichtessen gut überstanden; ich freue mich, euch bald wiederzutreffen.“ 21 Tage nicht essen? Was die 22-jährige Wirtschaftsrechtstudentin durchgemacht hat (sie selbst würde es „erfahren“ nennen), könnte man auch als Radikaldiät inklusive sozialer Abgeschiedenheit bezeichnen. Doch das ist es nicht – zumindest nicht für jene, die das Konzept „Pranaismus“ (von pr?na, Sanskrit für Lebensenergie) überzeugt hat.

Komprimiert man die Webseiten voller tagebuchartiger, spirituell durchdrungener Selbsterfahrungsberichte auf ein Statement, geht es im Pranaismus vor allem um eines: sich in drei Wochen des Nichtessens (und erschreckenderweise auch: Nichttrinkens) von der Stofflichkeit regulärer Ernährung zu verabschieden. Vom Endziel wollten Sophies Freunde, beide nüchtern veranlagte Studenten naturwissenschaftlicher Fächer, wenig wissen: das, was man zum Leben braucht, aus der omnipräsenten Energiequelle schlechthin zu gewinnen – aus Licht. Wie das gehen soll, woher der Körper seine Energie nimmt, wie das Blut flüssig bleibt? „Das geht. Anders eben“, war Sophies stereotype Antwort auf immer schärfer gestellte Fragen.

Der 21-Tage-Prozess, eine Art Initiationsritus auf dem Weg zum Lichtesser-Dasein, geht auf die Australierin Ellen Greve zurück, die sich unter dem Pseudonym Jasmuheen in der New-Age-Szene der 90er einen Namen machte. Ihr 1997 in deutscher Sprache publiziertes Buch „Lichtnahrung“ liefert die Anleitung für drei Phasen des Nahrungsentzugs. In den ersten sieben Tagen verzichtet der künftige Pranarier vollends auf die Zufuhr von Flüssigkeit, dann trinkt er stark verdünnte Säfte. Greves zweifelhafte Radikalkur eroberte Esoterik-Bestsellerlisten, die heute 52-Jährige tourte um die Welt – bis ihr Ruhm einen Dämpfer erfuhr: Drei ihrer Anhänger kostete die 21-Tage-Kur das Leben.

Der Münchener Timo Degen fällt im Sommer 1997 am zwölften Tag des Prozesses ins Koma, stürzt nach seinem Erwachen und erliegt seinen Kopfverletzungen; die Australierin Liane Morris klagt über Lähmungserscheinungen, kollabiert und stirbt; die 49-jährige Verity Linn wird am 16. September 1999 tot nahe eines Sees im schottischen Hochland gefunden – die Polizei stößt in ihrem Zelt auf ein Tagebuch, in dem Linn die „spirituelle Reinigung“ im Zuge ihrer Hungerkur beschreibt.


Weniger Radikalität. Wie es sein kann, dass die lichtblonde Ikone des Prana-Kults, die sich auf ihrer Website mit grellrosa Heiligenschein präsentiert, noch heute munter esoterische Lebensweisheiten publiziert und sich „Botschafterin des Friedens“ nennt? Ganz einfach: weil sie bewiesen hat, dass sich ein Selbstverständnis als „Medium“, ausgeprägter Geschäftssinn sowie gewiefte Reaktionsfähigkeit in unangenehmen medialen Situationen nicht widersprechen.

Von den medialen Attacken nach den Todesfällen ließ sich die ehemalige Geschäftsfrau Greve nicht aus der Ruhe bringen. Eher sprach sie von falschen spirituellen Voraussetzungen bei den Verstorbenen und brachte rechtzeitig, bevor das mediale Echo vollends verhallte, eine abgespeckte, weniger radikale Version ihres Buches heraus. Und wandte sich nun jenen zu, die sich unter den potenziellen Zielgruppen am wenigsten zur Wehr setzen können: den Bewohnern der Dritten Welt. Sie sollte der Pranaismus endgültig von ihrer Not befreien. „Licht statt Hunger“ war das neue Motto – über ausgedehnte Afrika-Reisen Ellen Greves, um ihre Lehren dort ohne die sonst üblichen teuren Honorare zu verbreiten, ist aber nichts bekannt.

Abgesehen vom Businesstalent der Australierin gibt es auch eine andere Facette ihres Verhaltens, die ihr bald wieder Ruhe verschaffen sollte: Ellen Greves vermeidet, so wie die meisten Pranarier, radikale Statements – und damit jegliches Anecken bei der Wissenschaft. So räumt sie etwa mit auffälliger Bereitwilligkeit ein, ab und zu Tee oder ein Stück Schokolade zu sich zu nehmen (obwohl sie nach eigenen Angaben seit 1993 hauptsächlich von Licht lebt).

Auch die Aussagen des populärsten deutschen Lichtessers passen zur Strategie, wenigstens nicht jeglichen Grundzug moderner Ernährungslehre zu vernichten: „Ich beiße schon mal bei der Pizza meiner Kinder ab, aber dabei geht es nicht um Hunger, sondern um Appetit“, sagt der in der Schweiz lebende Chemiker Michael Werner. Zu Silvester 2010 waren es neun volle Jahre, in denen der heute 60-Jährige feste Nahrung nur mehr in der Menge eines Bissens, Flüssigkeit nur noch schluckweise zu sich genommen haben will. „Dass ich zugebe, ab und zu zu essen, ist das Friedensangebot an die Ungläubigen – dann kehren sie sich schnell wieder ab.“


Minimum an Kalorien. Den Entschluss, auf Lichtnahrung umzustellen, hat Werner aus mehreren Gründen gefasst: Neugier war einer davon, ein hoher Blutdruck sowie das spirituelle Bedürfnis die anderen. Wie es ihm heute geht? „Super. Ich treibe Sport, bin mein Übergewicht los, ich muss einfach nicht mehr essen.“ Genau – er muss nicht. Aber er tut es. Hin und wieder zumindest – oder so ähnlich. Denn wer Werner fragt, wie viel er genau konsumiere, bekommt alles andere als Antworten. „So kann man das nicht sagen“, meint er auf die Frage, ob seine „Lichternährung“ nicht einfach als jahrelange Umstellung auf ein Minimum an Kalorienzufuhr zu verstehen sei.

Bleibt zu klären, wie ein Chemiker einen derart eklatanten Widerspruch zur Naturwissenschaft akzeptieren kann. „Das ist es ja: Ich kann es nicht. Lichtnahrung ist ein Beispiel, dass die Wissenschaft ergänzungsbedürftig ist – ich verliere täglich Wasser und gleiche das kaum aus, da muss woanders Materie entstehen.“

Ellen Greve hat sich genau deswegen für eine mehrtägige Studie zur Verfügung gestellt. Als Zeichen von Dehydrierung auftraten, brach die begleitende Ärztin das Experiment ab – wieder kein Beweis für die Kraft der kosmischen Partikel. Dabei wäre – zynisch gesprochen – die Freiwilligkeit der Ellen Greve gar keine schlechte Voraussetzung, auch für die Medizin nicht. Denn eindeutige Zahlen, wie lange ein Mensch tatsächlich ohne Nahrung und Flüssigkeit überleben kann, gibt es bis dato nicht. Auch Erfahrungswerte von Hungerstreikenden oder unfreiwillig von der Umwelt Abgeschnittenen lassen keine genauen Werte zu: Die reine Nahrungskarenz mit Flüssigkeitszufuhr lässt sich je nach Allgemeinzustand, Umgebungstemperatur, körperlicher Aktivität sowie mentalem Zustand grob auf 50 bis 80 Tage eingrenzen. Und wer weder isst noch trinkt? Nun, der Vorarlberger Andreas Mihavecz, der 1979 irrtümlich in einer Arrestzelle vergessen wurde, überlebte 18 Tage ohne Nahrung und „trank“ nur Kondenswassertropfen, die die Wände hinabrannen.

„Man kann mental sehr viel im Körper steuern – wer also stark genug ist, könnte seinen Grundumsatz längerfristig drastisch zurückschrauben“, sagt die Wiener Ernährungsmedizinerin Sonja Schwinger. Sie steht dem Phänomen kritisch gegenüber, will es aber nicht vollends als Scharlatanerie abtun: „Möglicherweise ist nicht alles mit heutigen naturwissenschaftlichen Methoden nachweisbar.“ Sie könne sich auch vorstellen, dass das Konzept „Lichtnahrung“ eher in der subjektiven Wahrnehmung jedes einzelnen Lichtessers existiere als in der Realität: „Menschen leben in unterschiedlichen Wirklichkeiten – es ist daher möglich, dass manche im Glauben leben, nichts zu essen, es nach unserer Wahrnehmung aber doch tun.“


Versteckte Magersucht? Sophie jedenfalls hat inzwischen wieder zu essen begonnen – anfangs geriebene Karotten und Äpfel, dann auch mal Brot, ab und zu vegetarische Gerichte. „Essen muss nicht sein, manchmal auch einen Tag lang nicht. Aber es schmeckt mir, deswegen habe ich wieder angefangen.“ Was ihr von den intensiven Erfahrungen des 21-Tage-Prozesses geblieben sei? „Ich fühle mich viel leichter als vorher, bin lebensfroher – außerdem habe ich gesehen, dass mein Wille so groß ich, dass ich problemlos aufs Essen verzichten kann.“ Dass manche sie der Magersucht verdächtigen, muss sie dabei in Kauf nehmen. „Ich bin einfach ein junger Mensch, der Dinge ausprobieren will – das der Außenwelt zu vermitteln ist schwierig.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2010)

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