Cybersex-Sucht: Unterm Strich bleibt Leere

40.000 Österreicher sind von Internetsex-Sucht betroffen, neun Zehntel davon Männer. Die meisten leiden, fühlen sich schäbig, haben Schuldgefühle. Im April beschäftigt sich eine Tagung in Wien mit dieser Sucht.

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(c) Michaela Bruckberger

Eine Schamsucht, verdrängt, heimlich, still – die Internetsex-Sucht, die moderne Variante der Sexsucht, die fast überall zu stillen ist, weil's online einfach, diskret, anonym und günstig geht.

In Österreich sollen rund 40.000 Menschen betroffen sein, neun Zehntel davon sind Männer, „weil Männer visuell viel leichter stimulierbar sind als Frauen“, meint Dozent Dr. Raphael Bonelli. Der Wiener Psychiater, Neurologe und Psychotherapeut ist Leiter der ersten wissenschaftlichen Fachtagung zur Internetsex-Sucht, die am 24. April in Wien stattfinden wird.


Bei erwähnter Tagung wird es auch um die Begriffsdefinition gehen: Ist diese Art der Online-Sucht auch wirklich eine Sucht oder nicht doch eher eine Impulskontrollstörung? „Die Sucht beginnt dort, wo die eigene Kontrolle verschwindet und der Drang selbstständig wird.“ Für eine Sucht spricht zudem die Tatsache, dass man auch vom Cybersex immer mehr braucht – wie bei jeder anderen Sucht auch. Wobei die Dosissteigerung nicht nur die Zeit betrifft, sondern auch die Qualität. „Am Anfang genügen oft Nacktdarstellungen, dann braucht man immer brutalere Pornos“, weiß Bonelli.

„Man kann das mit der Alkoholsucht vergleichen“, detailliert Dr. Kornelius Roth, deutscher Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, der auf der Tagung über Internetsex-Sucht sprechen wird. „Um die gleiche Wirkung zu erzielen, braucht ein Alkoholiker irgendwann nicht mehr nur ein Viertel Wein, sondern bereits einen halben Liter und irgendwann dann einen Dreiviertelliter und so weiter.“ Im Unterschied zum Alkoholismus handelt es sich bei der Internetsex-Sucht jedoch um eine nicht substanzgebundene Sucht wie etwa die Spiel- oder Kaufsucht. Und dem „Rausch“ im Kaufhaus, Casino oder vor dem Computer folgt vielfach die Ernüchterung.

 

Oft wird die Sexualität zerstört

„Die meisten Betroffenen leiden, fühlen sich mies, schäbig, sind verstört“, erwähnt Bonelli. Häufig werden Job, soziale Interessen, Freunde vernachlässigt. Und freilich auch Partnerschaften.

Manche Sexsüchtige sind unglücklich, weil sie ihr Tun als Betrug am Partner empfinden. Vice versa empfinden das auch die „betrogenen“ Partner. Studien zufolge setzt die Hälfte der Frauen von sexsüchtigen Männern deren Web-Abhängigkeit mit einem Ehebruch gleich.

Viele, die sich sexuell im Internet verlieren, verlieren das Interesse an realem Sex, entwickeln immer größere Beziehungsstörungen. „Häufig wird die Sexualität zerstört“, ergänzt Roth, „denn das, was man im Internet geboten bekommt, hat mit der Realität wenig zu tun, das verdirbt für die Wirklichkeit.“

„Daran sind schon viele Partnerschaften zerbrochen“, wissen die Experten. Dazu geselle sich ein zermürbender Leistungsdruck, „denn im Internet hat man es ja mehrfach mit immer potenten Männern mit Riesengenitalien zu tun.“ Das verunsichert zusätzlich. Zudem ist Erotik im Web nicht wirklich befriedigend. Dem Orgasmus folgt schaler Geschmack, eine Ahnung von Selbstbetrug. Und unterm Strich bleiben Vereinsamung, Schuldgefühle und entsetzliche Leere. „Häufig sind Sexsüchtige mit ihrem eigenen Leben unzufrieden, flüchten darob in die virtuelle Scheinwelt.“

Wer sich darin verliert, hat meist eine Prädisposition dazu; stabile Charaktere sind weniger gefährdet. Häufig sind es negative Erfahrungen in der Kindheit oder Jugend. Oft stecken auch fehlender Lebenssinn oder Depressionen dahinter. Immer wieder geht der Flucht in die Cyber-Pornografie auch eine Lebenskrise voran, die das Suchtverhalten jedoch nur noch schlimmer macht.

 

Psychotherapie: Gute Erfolge

„Daher schaue ich mir auch immer die Lebensumstände eines Betroffenen genau an“, vermerkt Bonelli. Er ist einer der wenigen Psychotherapeuten, die sich mit der Internetsex-Sucht beschäftigen. „Die Erfolge sind gut“, betont er. Oft brächten schon das alleinige Ansprechen der Sucht, das Thematisieren des Problems Erleichterung. „Ich habe schon viele Gesundungen von Ehen erlebt, weil sich der Sextrieb weg vom Internet wieder auf die eigene Ehefrau gerichtet hat.“

 

Kinder: Sensibel für Sex

Experte Bonelli hat jüngst einen Fünfjährigen erlebt, der zwar noch nicht lesen und schreiben konnte, „aber Sexfilme im Internet anschauen, das ging schon“. Solange, bis es die Eltern bemerkten und Bonelli zu Rate zogen. Der rät: „Keinen Internetzugang im Kinderzimmer.“ Die Kleinen seien besonders sensibel für pornografische Inhalte des Internets.

„Kinder, die einen PC haben, kommen immer früher mit Pornos in Kontakt, die Versuchung wird nach Hause geschickt“, warnt auch Roth. Man wehre also den Anfängen. Roth: „Denn der Zutritt ins Internet, in den größten Sexshop der Welt, ist kinderleicht.“ Ein Mausklick genügt.

INTERNETSEX-SUCHT

Von der Internetsex-Sucht dürften rund 40.000 Österreicher betroffen sein, vorwiegend Männer.

Diese Sucht wirdbei einer Tagung in Wienerstmals wissenschaftlich beleuchtetam 24. April ab 9 Uhr in der Gesellschaft der Ärzte.

Referenten sind unter anderem Univ.-Prof. Dr. Alfred Pritz, Rektor der Sigmund Freud Privatuniversität, Dr. Gerti Senger, Doz. Dr. Raphael Bonelli und Dr. Kornelius Roth.

Infos: ✆ 01/7984098.

www.internetsexsucht.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2010)

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