Blockaden gegen starke Rückenschmerzen

Dauersitzen begünstigt Bandscheibenvorfälle und andere Rückenleiden. Infiltrationen helfen oft spontan.

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(c) BilderBox (Erwin Wodicka)

Büroarbeit ist eine Feindin unserer Wirbelsäule – für unser Kreuz sind Sitzorgien und stereotype Fehlhaltungen vor dem PC ein wahres Kreuz. Rückenschmerzen und vermehrte Bandscheibenvorfälle sind der Tribut, den viele Schreibtischtäter zahlen müssen. Eine der möglichen Schmerztherapien gegen Kreuzweh sind Infiltrationen, auch Blockaden genannt. Da unterscheidet man im Großen und Ganzen Nervenwurzel-, Facettengelenks- und Sympathikusblockaden.

„Nervenwurzelblockaden sind etwa bei Bandscheibenvorfällen angebracht, wenn ein Bandscheibenbestandteil auf einen Nerv drückt. Aber auch im Falle einer Engstelle im Wirbelkanal, in dem ja Nerven durchziehen, kann diese Therapie helfen. Diese Einengung, hervorgerufen unter anderem durch degenerative Prozesse, kann zu Wurzelbeschwerden führen“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Peter Kapeller, Leiter der Neurologie im LKH Villach. Einer der Blockade-Spezialisten dort ist der Radiologe Dr. Martin Ladstätter, der jährlich mehr als 100 solcher Eingriffe durchführt.

„Unter CT-Kontrolle wird mit einer feinen, biegsamen Nadel Kortison und ein Lokalanästhetikum in die Nähe der betroffenen Nervenwurzel gespritzt“, erklärt Ladstätter. Kortison wirkt abschwellend und entzündungshemmend, das Anästhetikum nimmt den Schmerz. Diese Intervention, so Ladstätter, ist nahezu schmerzfrei, sicher und komplikationsarm. „Normalerweise sollte der Patient sofort nach dem Eingriff Schmerzlinderung erfahren.“ Dennoch muss die Behandlung häufig zwei- bis dreimal wiederholt werden, ehe eine zufriedenstellende Wirkung eintritt. Mitunter bringt eine Nervenwurzelblockade nichts, „mitunter aber ist sie dermaßen wirksam, dass wir scherzhaft von Wunderheilung sprechen“, meint Kapeller.

 

Skalpell in jedem zehnten Fall

Apropos Heilung: Beim Großteil der Patienten mit Bandscheibenvorfall verschwinden die Schmerzen innerhalb von sechs bis acht Wochen wieder. Nur bei jedem zehnten muss zum Skalpell gegriffen werden.

„In etlichen Fällen kann eine solche Blockade auch eine Operation ersparen“, weiß Dr. Berthold Kepplinger, ärztlicher Direktor und Vorstand der Neurologie am Landesklinikum Mostviertel Amstetten-Mauer, einer der Pioniere der CT-gestützten schmerztherapeutischen Interventionen. Eine Nervenwurzelblockade sei im Bereich der Lendenwirbelsäule relativ einfach, in der Hals- und Brustwirbelsäulenregion jedoch weitaus schwieriger. „Daher dürfen in unserem Haus nur drei Ärzte mit entsprechender Qualifikation diese Blockaden vornehmen.“

Die Vorgangsweise ist bei einer Facettengelenksblockade im Prinzip gleich wie bei der Infiltration an der Nervenwurzel (Facettengelenke sind die kleinen Gelenke zwischen den Wirbelkörpern, die die Wirbelsäule beweglich machen; Anm.). „Man spritzt da nicht direkt ins Gelenk, sondern möglichst nahe dran“, betont Ladstätter. Diese Therapie kommt dann zum Einsatz, wenn die Beschwerden von den Facettengelenken respektive den dortigen Nerven herrühren. „Dauersitzen bedeutet Fehlbeanspruchung der Facettengelenke und Schädigung der Bandscheiben“, ergänzt Kepplinger. Wer stundenlang am Schreibtisch hockt, kann sich mit den Jahren also auch eine Facettengelenksabnützung oder einen Bandscheibenvorfall ersitzen.

Neben der Blockade gibt es auch noch die Facettengelenksdenervierung.
Kepplinger: „Da werden die Nerven, welche die Wirbelgelenke versorgen, mit einer Nadel mit erhitzter Spitze quasi ausgeschaltet.“ Allerdings
regeneriert der Nerv wieder, sodass eine
abermalige Denervierung nach etwa einem Jahr notwendig sein kann. „Dieser Eingriff eignet sich vor allem bei chronischen Kreuzschmerzen, die mit anderen Mitteln nicht in den Griff zu kriegen sind.“

Bei der Sympathikusblockade wird der Nervenstrang, der sich entlang der Wirbelsäule zieht, mittels Infiltration von Lokalanästhetika oder Opiaten entweder ganz oder teilweise blockiert. Kepplinger: „Fast jeder bedeutsame Bandscheibenvorfall erzeugt eine Hyperaktivität des Sympathikusnervs.

Patienten mit persistierenden Schmerzen nach einer Bandscheibenoperation weisen ebenfalls häufig Zeichen einer Sympathikushyperaktivität auf. Die Folge sind Krämpfe und Kältegefühl im betroffenen Bein, brennende Schmerzen, Überempfindlichkeit auf Berührung sowie Hautveränderungen.“ Zum Einsatz kommt die Sympathikusblockade unter anderem bei chronischen Schmerzzuständen und bei Schmerzen infolge von Arterienverengungen. „Denn diese Blockade verbessert auch die arterielle Durchblutung“, sagt Kepplinger.

Insgesamt, so alle Experten unisono, können derlei Blockaden effektiv und nebenwirkungsarm den Schmerz lindern und so die Lebensqualität erhöhen. Gezielte Gymnastik und, wo nötig, Reduzierung des Körpergewichts, gehören aber auch dazu.

www.lkh-vil.or.at

 

www.mauer.lknoe.at

DIE BANDSCHEIBE

Bandscheiben sind als „organische Stoßdämpfer“ zwischen jeweils zwei Wirbelkörpern eingebettet. Sie bestehen im Wesentlichen aus einem Bindegewebsring und einem geleeartigen Kern.

Bandscheibenvorfall: Reißt der Bindegewebsring ein oder gar durch, kann der gallertartige Kern austreten und gegen Rückenmark oder Nervenwurzeln im Kanal der Wirbelsäule drücken. Am häufigsten ist die Lendenwirbelsäule betroffen.

Schmerz: Der Bandscheibenvorfall geht meist mit starken Schmerzen, seltener auch mit Taubheitsgefühl und Lähmungen in den Beinen einher.

Es gibt auch asymptomatische Bandscheibenvorfälle, die der Betroffene gar nicht wahrnimmt. Bei Reihenuntersuchungen von Gesunden weisen zehn bis 14Prozent derartige Vorfälle auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2010)

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