Handeln, bevor man krank wird

Ein Interview der "Presse" mit dem Neurologen und TCM-Experten Alexander Meng zu seinem neuen Buch „TCM in Prävention und Therapie“. Fehlende Geborgenheit und sexuelle Unzufriedenheit schaden der Gesundheit.

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(c) Alexander Meng

Die Presse: In Ihrem neuesten Buch „TCM in Prävention und Therapie“ schreiben Sie ein ausführliches Kapitel zu Subhealth. Was ist konkret damit gemeint?

Alexander Meng: Noch nicht krank, aber auch nicht mehr ganz gesund. Es gibt eine Reihe von Störungen, bei denen man sich nicht wohlfühlt, aber für die es keine schulmedizinische Diagnose gibt, weil man ja noch nicht wirklich krank ist. Es geht also sehr um Prävention, die in China hochaktuell ist. Laut traditioneller chinesischer Medizin ist ein guter Arzt jener, der Krankheiten schon im Keimstadium behandelt, ein weniger guter Arzt behandelt erst das Vollbild einer Erkrankung.

Welche Befindlichkeiten sind mit Subhealth gemeint?

Dazu gehören unter vielem anderem Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Muskelschmerz bei geringer Anstrengung, Reizbarkeit, ein Vitalitätsminus.

Die traditionelle chinesische Medizin hat Lösungen dafür?

TCM-Ärzte finden zunächst einmal die Faktoren heraus, die zu Subhealth führen. Das kann Überbelastung genauso sein wie zu wenig Erholungsphasen, zu viel Lärm ausgesetzt, zu wenig Licht, fehlende Geborgenheit, sexuelle Unzufriedenheit oder falsche Ernährung.

Und das alles gilt es zu ändern, um ganz gesund zu werden. Das ist doch sicher nicht ganz leicht?

Kaum jemand kann alles auf einmal ändern, aber schrittweise in Richtung erfülltes Leben zu gehen, ist sicher möglich. Und man muss ja nicht alles ändern, einige Änderungen bringen oft tolle Ergebnisse. Und die TCM unterstützt dabei.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Zum Beispiel Reisbrei. Der ist sehr gut, wenn der Verdauungstrakt beleidigt ist, ideal auch für ältere Leute, die an Appetitlosigkeit und Mundtrockenheit leiden. Er hilft aber auch, Medikamente wie Antirheumatika oder eine Chemotherapie im Magen besser zu vertragen. Man nimmt eine Schale Reis und mindestens zwei Liter Wasser, lässt das Ganze aufkochen und kocht es dann auf kleiner Flamme, bis der Reis schleimig ist. Den kann man dann nach Belieben mit Kräutern oder klein gehacktem Gemüse oder Äpfeln oder mit Fleisch essen, zwei- bis dreimal am Tag.

Haben Sie noch einen Ernährungstipp?

Bittere und warme Nahrung etwa wirkt Qi-stärkend auf das Herz und den Dünndarm. Nach TCM fördert beispielsweise Spinat den Stuhlgang, Gurken beseitigen innere Unruhe und Karotten können Bluthochdruck senken.

Was kann die Akupunktur hier leisten?

Akupunktur kann nicht nur Schmerzen bekämpfen, sondern gestressten Menschen auch Entspannung bringen und die Schlafqualität wieder bessern. Seit einigen Jahren werden mit Akupunktur auch in Österreich vermehrt psychosomatische Beschwerden komplementär behandelt. Erfolge bringt Akupunktur unter anderem auch bei Neurasthenie. Diese ist gekennzeichnet von anhaltender Erschöpfung oder Müdigkeit bereits nach geringer geistiger oder körperlicher Anstrengung.

Was kann Qigong?

Es verhilft unter anderem zu innerer Stärkung und unterstützt auch dabei, das Gefühlsleben in Ordnung zu bringen. Letzteres ist nach TCM ein wichtiger Gesundheitspfeiler. Dauernde Unzufriedenheit oder Neid machen auf die Dauer krank. Auch ein Leben gegen den Biorhythmus ist für Körper und Geist schädlich.


In der TCM sind ja auch Kräuter wichtig.

Freilich, auch ihnen wurde in dem Buch entsprechender Platz eingeräumt und beschrieben, was man beispielsweise gegen Schlafstörungen oder graue Haare nimmt.

Da ist zum Beispiel von exotischen Dingen wie Dang gui oder Shou di huang die Rede. Wo bekommt man das in Österreich?

In allen Apotheken Österreichs, wenn diese TCM-Kräuter führen. In Wien ist das zum Beispiel die Kaiserkronen Apotheke in der Mariahilfer Straße. Aber ich möchte ausdrücklich betonen, dass nicht alle TCM-Kräuter unbedenklich zu verwenden sind. Nur der in TCM-Kräutertherapie ausgebildete Arzt kann die Neben- und Wechselwirkungen dieser Arzneien richtig abschätzen.

Für welche Zielgruppe ist Ihr Buch in erster Linie geschrieben?

Das Buch richtet sich in erster Linie an Ärzte, Therapeuten, aber freilich auch an alle Gesundheitsinteressierten, wenngleich es streckenweise doch sehr fachlich verfasst ist. Es gibt auch sehr viel Hintergrundwissen zum System der TCM, zum philosophischen Konzept, zur Krankheitslehre. Es gibt auch Einblicke in die Wirkung von Moxa-Behandlungen, von Schröpfen, von Tuina-Therapie, von Kneippen auf chinesisch und vieles andere mehr.

Sie sind sowohl TCM-, als auch Schulmediziner. Lässt sich das in der Praxis überhaupt vereinbaren?

Ja, das ist kein Problem, denn die beiden Richtungen schließen einander keineswegs aus.

 

„TCM in Prävention und Therapie, Theorie und Praxis“, Verlag Maudrich, 270 Seiten, 36 €.

Zur Person

Alexander Meng ist Professor und Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, TCM-Arzt und Vizepräsident der österreichischen Gesellschaft für Akupunktur.

Meng, geboren1945 in Bayern, aufgewachsen in Peking, kam mit 17 Jahren nach Österreich, studierte hier Medizin. Fast 30 Jahre leitete er die Schmerz-Akupunktur-TCM-Ambulanz in der neurologischen Abteilung des Krankenhauses Lainz.

Heute betreibt Meng eine neurologische Praxis in Wien, in der er sowohl westliche Schulmedizin als auch traditionelle chinesische Medizin anwendet.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.meng.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2011)

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