Sozialversicherung: Wer gesund lebt, zahlt weniger

Alkohol, Zigaretten, Übergewicht: Wer gegen seine Laster kämpft, muss nur den halben Selbstbehalt zahlen, verspricht die Sozialversicherung der Gewerblichen Wirtschaft. Profitieren können daher vorerst nur Selbständige.

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Symbolbild: ein übergewichtiges Kind – (c) AP

Selbständige können sich ab kommendem Jahr die Hälfte ihres 20-prozentigen Selbstbehalts beim Arzt ersparen. Voraussetzung dafür ist, dass sie mit ihren Ärzten vereinbarte Gesundheitsziele erreichen. Angesetzt wird bei Gewicht, Blutdruck, Alkohol, Rauchen und Sport. Zusätzliches Zuckerl: Streng kontrolliert wird nicht. "Es gilt die Unschuldsvermutung", erklärte Günther Wawrowsky, der Chef der niedergelassenen Ärzte,  bei der Vorstellung des Konzepts Mittwochabend.

Das zwischen Ärztekammer und Sozialversicherung der Gewerblichen Wirtschaft (SVA) vereinbarte Programm ist direkte Folge des Honorarstreits vom vergangenen Jahr, der zwischenzeitlich sogar zu einem vertragslosen Zustand geführt hatte. Als man sich im Juni 2010 zwischen Kasse und Medizinern letztlich doch noch einigte, wurde ein völlig neues Vorsorgemodell vereinbart.

Nach gut einem Jahr ist man nun mit den Verhandlungen fertig und SVA-Obmann Christoph Leitl und Ärztekammer-Präsident Walter Dorner konnten ihre Begeisterung darüber am Mittwoch kaum zähmen: "Wenn zwei sich einig sind, freut sich der Dritte, der Patient", sagte Projektinitiator Leitl. Dorner sprach von einer bahnbrechenden Idee, die auch bei den anderen Krankenkassen Schule machen sollte. Wawrovsky meinte, die Zustimmung der Ärzte belege, dass die Kammer entgegen ihrem Ruf nicht aus Blockierern bestehe: "Im Prinzip sind wir es nicht."

Rauchen, Trinken, Übergewicht

Von dem Modell sollen rund 550.000 Selbständige (Ausnahme: Beitragsbefreite und Kinder) profitieren können. Die Versicherten werden erstmals im Jänner postalisch zur Teilnahme motiviert, sagt Peter McDonald, geschäftsführender SVA-Obmann und einer der Hauptarchitekten des Konzepts. Dann kann der Patient mit dem Arzt des Vertrauens nach einer Vorsorge-Untersuchung schriftlich fünf Gesundheitsziele ausmachen, die innerhalb von etwa sechs Monaten erfüllt werden sollen. So soll man etwa in Sachen Alkohol vom Viel- zum Wenigtrinker werden, den Blutdruck unter einen Wert von 140:90 drücken, das Gewicht auf einen vernünftigen Body-Mass-Index reduzieren, zumindest gelegentlich Bewegung machen und das Rauchen aufgeben. Lebt man ohnehin schon gesund, lautet die Aufgabe, diesen Status beizubehalten.

Voraussetzung dafür, dass man künftig nur noch die Hälfte des Selbstbehalts bezahlen muss, ist, dass in allen fünf Kategorien die Ziele erreicht werden. Dann können sich Unter-40-Jährige drei, Ältere zwei Jahre über den niedrigeren Betrag freuen, freilich nur wenn es sich nicht um Leistungen handelt, die schon jetzt einen höheren Selbstbehalt erfordern wie Zahnersatz oder Regulierungen. Nach Ablauf der Periode können wieder Gesundheitsziele ausverhandelt werden und der Prozess startet von neuem.

Vertrauen statt Kontrolle

Wirklich betrugssicher ist das Modell freilich nicht. Denn streng kontrolliert werden muss von den Medizinern nicht, ob der Versicherte nun tatsächlich seltener zu Flasche oder Zigarette greift. Hier müsse man eben auch den Patienten vertrauen, meinten Wawrowsky und Dorner unisono. Alles gefallen lassen würde sich die Kasse allerdings nicht, stellte McDonald klar. Allenfalls gäbe es in Verdachtsfällen die Möglichkeit stichprobenartiger Kontrollen wie schon jetzt beim Krankengeld.

Durch die sinkenden Beiträge werden sich für die SVA zu Beginn jedenfalls Mehrkosten ergeben. In Schätzungen geht man von etwa 2,5 Millionen im ersten Jahr aus, wenn 20 Prozent der Versicherten sich auf Gesundheitsziele einlassen und diese auch erreichen. Ab dem zweiten Jahr könnten es dann schon fünf Millionen sein. Längerfristig lohne sich das Projekt aber auch finanziell, ist McDonald überzeugt. Studien zeigten, dass ein Euro in Prävention mittelfristig drei Euro an Einsparungen bringe. Als (finanziellen) Vorteil für die Ärzte nannte Wawrowsky, dass sich durch die Motivationsspritze für häufigere Vorsorge wohl mehr Patienten bei den Medizinern einfinden würden.

Betont wurde von den SVA-Vertretern, dass das Programm ein freiwilliges Angebot für die Versicherten darstelle. Auch wenn sich das Projekt bewähren sollte, ist an keine Verpflichtung gedacht. Er habe noch nie etwas von Zwang gehalten, meinte Leitl. Er will das Modell persönlich ausprobieren.

(APA)

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