Notstand bei der Pflege: 7000 Mitarbeiter fehlen bereits

Pflegedirektoren warnen wegen Engpasses: „Wir brauchen mehr Personal und Imagewerbung.“ Salzburgs ÖVP fordert höhere Pflege-Schule. Denn der Personalmangel werde sich ab 2014 bis 2016 weiter zuspitzen.

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(c) FABRY Clemens

680 Millionen Euro werden in Summe bis 2014 gemäß einer Bund-Länder-Vereinbarung aus dem Vorjahr zusätzlich für Pflege bereitgestellt. Damit ist es bei der Betreuung von immer mehr pflegebedürftigen Menschen aber keineswegs getan. Der Vorsitzende der Vereinigung österreichischer Pflegedirektoren, Karl Schwaiger aus Hallein, sieht Österreich auf einen Notstand wegen des Mangels an Pflegekräften zusteuern. „Wir brauchen in allen Bereichen, in denen Pflege geleistet wird, mehr Personal“, analysiert Schwaiger im Gespräch mit der „Presse“.

Gemeinsam mit der Salzburger ÖVP-Klubobfrau, Gerlinde Rogatsch, warnte er am Dienstag, dass schon jetzt österreichweit rund 7000 offene Plätze für Pflege- und Betreuungsberufe nicht mehr besetzt werden könnten – Tendenz steigend. Denn der Personalmangel werde sich ab 2014 bis 2016 wegen vermehrter Pensionierungen zuspitzen. „Ab 2020 spüren wir es dann ganz massiv“, warnt Schwaiger. Derzeit sind bundesweit im stationären Bereich rund 80.000 Pflegekräfte beschäftigt, dazu kommen weitere 40.000 im außerhäusigen Bereich.

 

Länder ließen Kampagne platzen

Wegen der Finanzprobleme der Bundesländer und der Gemeinden wurden mit dem Bund für heuer in einem Pflegefonds 150 Millionen Euro zusätzlich paktiert, 2013 sind es 200 Millionen, 2014 schließlich weitere 235 Millionen. „Der Pflegefonds ist schon eine wichtige Maßnahme“, räumt der Vorsitzende der Vereinigung der Pflegedirektoren ein. Ein Teil dieses Geld müsse aber für einen neuen Einsatzbereich ausgegeben werden, verlangt er, nämlich für Image- und Nachwuchspflege. Es sollte vermehrt neues Pflegepersonal in Österreich ausgebildet werden.

Schwaiger kritisiert in diesem Zusammenhang die ablehnende Haltung der Bundesländer. Im Herbst des Vorjahres habe man für eine Image- und Medienkampagne für Pflegeberufe vonseiten des Sozial- und Gesundheitsministeriums insgesamt schon 85.000 Euro „in der Tasche gehabt“, die Länder hätten aber ihre Teilnahme mit einem Betrag von je 40.000 Euro abgelehnt. Darüber herrsche „großes Unverständnis“, beklagt der Pflegedirektoren-Boss.

 

Wartezeit bis 17 schreckt ab

Wegen des akuten Personalmangels kommt es mittlerweile dazu, dass Pflegekräfte gegenseitig von einzelnen Anstalten, aber auch von einzelnen Bundesländern abgeworben werden. Es habe sich ein regelrechter „Wettbewerb“ entwickelt. Dazu kommt ein weiteres Spezialproblem, weil Krankenpflegeschulen erst ab dem Alter von 17 Jahren besucht werden können, also erst zwei Jahre nach dem Abschluss der Pflichtschule. Viele der Jugendlichen haben dann aber schon einen anderen Berufsweg eingeschlagen.

Die Salzburger ÖVP und ihre Gesundheitssprecherin Rogatsch schlagen daher eine eigene Berufsbildende höhere Schule mit Pflegeausbildung und Matura vor. Bis 17 könnte, assistiert Schwaiger, die theoretische Ausbildung erfolgen, bevor die Schüler – einem europaweiten Trend folgend – reif genug seien, um mit der Pflege von Bedürftigen zu beginnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2012)

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