'Wäre ich Jihadist, würde mich niemand geisteskrank nennen'

25.04.2012 | 18:15 |  Von unserem Korrespondenten HANNES GAMILLSCHEG (Die Presse)

Der Attentäter Anders Breivik will als "normal" gelten und fürchtet das "Irrenhaus": Als unzurechnungsfähig zu gelten sei "das Ärgste, das einem politischen Aktivisten passieren kann".

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Oslo/Kopenhagen. Im Prozess gegen den christlichen norwegischen Rechtsradikalen Anders Breivik hatte dieser am Mittwoch Gelegenheit, die zwei psychiatrischen Gutachten zu kommentieren. Damit begann quasi der Kampf um Breiviks Psyche, der als entscheidend für den Ausgang des Prozesses gilt: Wird Breivik am Ende als zurechnungsfähig beurteilt, warten bis zu 21 Jahre Haft auf ihn; sonst kommt er in die Psychiatrie – möglicherweise lebenslang.

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Der Attentäter, der im Vorjahr 77 Menschen in Oslo beziehungsweise Utøya getötet hatte, will nicht als unzurechnungsfähig gelten. Politischer Extremismus sei etwas anderes als Irrsinn, meinte er: „Wäre ich ein bärtiger Jihadist, wäre niemand auf die Idee gekommen, dass ich geisteskrank sei.“ Der erste Bericht der Psychiater Torgeir Husby und Synne Sørheim hatte Breivik als psychotisch und paranoid-schizophren eingestuft. Ihr Gutachten sei „zu 80 Prozent erdichtet“, behauptete Breivik. „Wenn ich von der Person gelesen hätte, die in dem Gutachten beschrieben wird, hätte ich auch gedacht, sie gehöre ins Irrenhaus. Aber die Person bin nicht ich.“ Die Argumente seien „bösartige Erfindungen“.

Die Psychiater hätten sich bemüht, ihn als „weniger intelligent“ darzustellen als er sei und logisches Tun als paranoid gewertet. So bestritt er, dass er aus Angst vor Bakterien und Strahlen daheim eine Mundbinde benützt habe: Er habe nur gefürchtet, in der Vorbereitungsphase der Anschläge von seiner erkrankten Mutter infiziert zu werden. Dass er Überwachung fürchtete, sei für „kommende Terroristen“ eine normale Vorsichtsmaßnahme. Als unzurechnungsfähig zu gelten sei „das Ärgste, das einem politischen Aktivisten passieren kann“.

 

Widersprechende Gutachten

Breivik nannte Husby und Sørheim konsequent „Asbjørnsen und Moe“, bis ihm Richterin Wenche Arntzen das verbot. Asbjørnsen und Moe sind quasi Norwegens Gebrüder Grimm. Die Gutachter hätten schon früh geschlossen, dass jemand, der so etwas wie er tue, verrückt sein müsse, so Breivik. Früher hatte er behauptet, dass sie ihre Erklärung aus Rachsucht oder im Auftrag der Regierung verfasst hätten. Davon distanzierte er sich jetzt; in seinem Versuch, als „normal“ zu gelten, hat Breivik im Prozess auch sonst seine Rhetorik gemäßigt und vieles von dem, was er früher schrieb und sagte, als „pompös“ relativiert.

Das zweite Gutachten von Agnar Aspaas und Terje Tørrissen konzediert Breivik Persönlichkeitsstörungen, doch Zurechnungsfähigkeit. Die Zusammenarbeit mit diesen sei unproblematisch gewesen, sagte Breivik, obwohl er mehrere ihrer Schlüsse anfocht. So sei er kein Narzisst: „Ein Narzisst ist nicht bereit, sich für andere (Gleichdenkende, Anm.) zu opfern, wie ich es tat.“ Die Kommission für Gerichtsmedizin, die solche Gutachten prüft, ist mit diesem indes unzufrieden: Die Autoren hätten verabsäumt, darauf einzugehen, inwieweit der Klient sein Verhalten auf die Erfahrungen mit den Erstgutachtern abgestimmt habe. In Kürze wollen Aspaas und Tørrissen ihren Bericht ergänzen.

 

Empfindlicher „Tempelritter“

Indes ließ sich Breivik aus der Fassung bringen, wenn die Ankläger bei seinem Selbstbild als „Tempelritter“ oder seiner Fantasieuniform verharrten: Irritiert und mit rotem Gesicht warf er Staatsanwalt Svein Holden mehrmals vor, ihn lächerlich zu machen. Als Holden wissen wollte, ob ihn die Anwesenheit der Psychiater beeinflusse, erwiderte Breivik: „Klar. Ich weiß ja, dass ich riskiere, im Irrenhaus zu landen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2012)

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43 Kommentare
 
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Ich behaupte, ...

... dass die mächtigsten Politiker, Militärs und Banker nur deshalb nicht für unzurechnungsfähig
erklärt werden, weil wir diese Irren in ihre Positionen wählen. Oder kann jemand sonst die Million Toten in Afghanistan und Irak erklären? Oder Die Bomben auf Vietnam und Laos? Oder die
60000 Todesopfer in Libyen?

Gast: ChrisP82
26.04.2012 15:44
6 0

Tatsächlich dürfte Breivik

und die Islamisten mehr verbinden als Sie trennt.

Der große Unterschied liegt dann auch nicht in der psychischen Konstitution der Täter, sondern in der Berichterstattung der Medien.

Gut nachvollziehen kann man das angesichts der Berichterstattung zum Terroranschlag in Toulouse (am Beispiel der Standard).

http://kasnudl.wordpress.com/2012/04/04/der-terror-von-toulouse-und-die-verantwortung-der-medien/

Und genau da beginnt die Verantwortung der Medien.

Gast: DerWeisevomLande
26.04.2012 11:38
4 0

Ich hab es schon einmal geschrieben.

Der Schuss mit dem öffentlich lächerlich machen geht nach hinten los, wie man an den Kommentaren erkennen kann. Ein paar wahre Worte lassen das ganze aufgebaute Konstrukt immer wieder einstürzen. Die Opfer werden in den Hintergrund gedrängt und irgendwann nicht mehr als real gefühlt. Am Ende bleibt ein armes Bubi welches vielleicht noch Mitleid von der Bevölkerung empfängt.

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stimmt!

hat was von "an den pranger stellen".

sie sollen ihn einfach verurteilen und aus.

die erstgutachter waren überfordert.

so ist ja mittlerweile bekannt, dass sie ausdrücke wie "tempelritter" und ähnliches als von breivik ausgedachte begriffe in seiner phantasiewelt betrachtet haben und nicht wussten, dass das in der rechtsextremen szene durchaus gebräuchliche codes und schlüsselwörter sind.
die staatsanwaltschaft hat jedenfalls auch aus diesem grund ein zweites gutachten in auftrag gegeben.

breivik wird doch in erster linie von seinen eigenen fans als geisteskrank tituliert. wer ein einzelnes mitglied seiner glaubensgemeinschaft so bezeichnet, muss sich keine gedanken darüber zu machen, dass das rechtsextreme gedankengut per se als geisteskrank eingestuft werden muss.

Gast: fire1
26.04.2012 08:13
7 1

Da

ist was Wahres dran..

'Wäre ich Jihadist, würde mich niemand geisteskrank nennen'

Sowieso nicht. Dann würden sich die diversen Links- und Grüngruppierungen mit Entschuldigungsversuchen und Verständnisbekundungen überschlagen, wie sonst auch.

2 8

Re: 'Wäre ich Jihadist, würde mich niemand geisteskrank nennen'

Schwachsinn, wer Unschuldige tötet ist und bleibt Geisteskrank.
Bitte zeig mir eine linke Partei oder jemand bei den Grünen der sich für Terror&Mord einsetzt.

Re: Re: 'Wäre ich Jihadist, würde mich niemand geisteskrank nennen'

Zeigen Sie mir eine, die das ausdrücklich verurteilt. In den Medien. Vor allen. Klare Worte findet. Da herrscht quer durch die Parteienlandschaft tiefstes Schweigen.

Aber hurra, wenn einer der zahlreichen Jahrestage ansteht, idealereweise ein etwa 60-70 Jahre alter, da winden wir uns wieder in Selbstgeißelung und Betroffenheit und können uns selbst gar nicht genug beschimpfen.

Antworten Antworten Antworten Gast: washat
26.04.2012 19:17
0 0

Re: Re: Re: 'Wäre ich Jihadist, würde mich niemand geisteskrank nennen'

was hat nat. soz. mit dem fall zu tun?

"Wäre ich Jihadist, würde mich niemand geisteskrank nennen"

Na ja! Ein Quäntchen Wahreit ist da schon dran! Der Bin Laden galt ja auch nicht für verrückt!
Q.

2 2

Re: "Wäre ich Jihadist, würde mich niemand geisteskrank nennen"

im grunde stimme ich ihnen da schon zu. das ist wohl einer der vielen indirekten wege, das ("in tradition von aufklärung und christentum stehende") abendland moralisch rein und unbefleckt zu halten ^^

trotzdem, auch wenn das meiner eig. ansicht entgegen läuft und ungewollte schlussfolgerungen nach sich ziehen könnte (ich will weder die eine, noch die andere gewalt irgendwie würdigen und auch nicht die opfer vergessen) muss doch auch gesagt werden:

die anforderungen an die geistige gesundheit dürften sich wohl doch grundsätzlich voneinander unterscheiden, wenn man einen global koordinierten terroranschlag mit einem quasi-amoklauf vergleicht.

Gast: plebs potus
26.04.2012 06:19
1 12

Im Gegensatz zu Breivik haben Jihadisten auch ein Motiv

und kommen aus unterdrückten Völkern in autokratischen Ölmonarchien...

Re: Im Gegensatz zu Breivik haben Jihadisten auch ein Motiv

Da haben wir schon ein schönes Beispiel: bei allen anderen ist auf irgendeine Weise immer die Gesellschaft schuld. Warum nicht bei Breivik?

Re: Im Gegensatz zu Breivik haben Jihadisten auch ein Motiv

Eh, darum attackieren sie auch unschulldige Menschen im liberalen Westen.

0 4

Re: Re: Im Gegensatz zu Breivik haben Jihadisten auch ein Motiv

nicht gut zu heißen und moralisch für mich nicht vertretbar, aber: ja, darum tun sie das. das ist keine willkür, sondern das nachspüren einer globalen hackordnung - attackiert wird dann das jeweils schwächste glied

0 7

Re: Re: Im Gegensatz zu Breivik haben Jihadisten auch ein Motiv

Alle westlichen Länder die angegriffen wurden haben Krieg im mittleren Osten geführt oder Truppen dort stationiert.

Wer andere Länder zerbombt muss mit "blowback" rechnen.

Re: Re: Re: Im Gegensatz zu Breivik haben Jihadisten auch ein Motiv

Und schon wieder Verständnis und Entschuldigung. Euch Islamophilen muß man nicht mal vorführen, ihr macht das schon mit Begeisterung selbst.

0 2

Re: Re: Re: Re: Im Gegensatz zu Breivik haben Jihadisten auch ein Motiv

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Verstehen warum Dinge passieren und einem Entschuldigen dieser Dinge.

Re: Re: Re: Re: Re: Im Gegensatz zu Breivik haben Jihadisten auch ein Motiv

Sie bringen ein ideologisch gefärbtes, dem trendigen Westbashing huldigendes Erklärungsmodell aus der Propagandaabteilung und reden von "verstehen"?

Das können's Ihren Kumpanen andrehen, aber sonst keinem.

1 2

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Im Gegensatz zu Breivik haben Jihadisten auch ein Motiv

Naja, manche nennen es "Westbashing" und Andere nennen es halt Geschichte.
Die Welt besteht nicht nur aus schwarz und weiß.

4 3

"Wäre ich Jihadist, würde mich niemand geisteskrank nennen"

Die Typen sind genauso deppert wie er.
Politischer Extremismus ja oder nein, wer unschuldige tötet ist ein Idiot.

Re: „wer Unschuldige tötet, ist ein Idiot“

Ja, da stimme ich ihnen gerne zu!

Das trifft in konsequenter Weise jedoch genauso auf Soldaten und deren Befehlshaber im Krieg zu.

Breivik sieht sich als Soldat!

Fazit: Gewalt als Strategie ist Idiotie und immer Zeichen einer (z. B. moralischen, intellektuellen etc.) Unterlegenheit.

Re: Re: „wer Unschuldige tötet, ist ein Idiot“

Wer sich selbst einer möglichen Strategie und damit einer Handlungsoption beraubt, DER ist der Idiot. Insbesondere, wenn er sich mit derselben Strategie auf der gegnerischen Seite konfrontiert sieht.

Daraus wird dann, wie bei uns bereits deutlich sichtbar, der "alle Menschen sind gut"-Selbstbetrug mit schrittweisem Verlust der gesellschaftlichen und politischen Position an diejenigen, die alle Optionen nutzen.

Aber bitte. Sie gehen dann eben als guter Mensch zugrunde.

Gast: tutep
25.04.2012 21:26
10 2

hmmmmmmmm

erinnert irgendwie an die raf: grauslichkeiten anstellen und dann sich mit einer wirren ideologie rechtfertigen...

Re: hmmmmmmmm

Die RAF war gut, weil links. Die kleinen Schlingel haben im revolutionären Eifer höchstens ein bißchen über die Stränge geschlagen.

 
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