Arzneien für Kinder kaum untersucht

Problem: Medikamentenstudien an Kindern gelten als unethisch. Daher sind die meisten Arzneien nur an Erwachsenen getestet. Das birgt Gefahren, wird sich aber bald ändern.

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Der vierjährige Sven muss operiert werden. Die Narkose löst eine unvorhergesehene Arzneimittelreaktion aus, Sven wacht nicht mehr auf. Klein Anna bekommt ein Aspirin, das bei ihr zu akutem Leberversagen führt. Auch Paracetamol kann bei Kindern – in hohen Dosen und bei dauerhafter Anwendung – Leberschäden verursachen.
Derlei dramatische Nebenwirkungen sind gottlob sehr selten, die Norm aber ist: Die wenigsten Arzneimittel sind bei Kindern und Jugendlichen adäquat geprüft. Viele der heute in der Kinderheilkunde verwendeten Medikamente wurden für diese Altersgruppe also weder untersucht noch zugelassen. Medikamentengaben werden einfach von den Erwachsenendosen auf das Gewicht und Alter der kleinen Patienten hinuntergerechnet. Das aber kann ins Auge gehen – von zu geringer Dosis und keiner Wirkung bis zu Überdosierung und fataler Nebenwirkung.

Für Kinder absolut ungeeignet

„Denn Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, sie reagieren auf Medikamente ganz anders. Die Elimination über die Niere funktioniert bei ihnen noch nicht voll, das Enzymsystem der Leber zum Abbau von Arzneimitteln ist bei ihnen noch nicht voll entwickelt“, vermerkte der Grazer Pharmazeut Gerhard Kobinger bei der letzten Fortbildungsveranstaltung der österreichischen Apothekerkammer in Saalfelden. Zudem werde immer wieder vergessen, dass pflanzliche und homöopathische Arzneimittel bis zu 45 Prozent Alkohol enthalten können, „und das ist für Kinder absolut ungeeignet“.

Stellt ein erhöhtes Risiko dar

Freilich: Kinder brauchen prinzipiell wenige Medikamente, weil sie naturgemäß meist recht gesund sind. „Kinder und Jugendliche machen etwa 18 Prozent der österreichischen Gesamtpopulation aus, konsumieren aber nur sechs Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben“, meint Reinhold Kerbl, Leiter der Abteilung für Kinder und Jugendliche am Landeskrankenhaus Leoben.

Aber wenn die Kleinen Arzneimittel brauchen, sind diese in den allermeisten Fällen nicht für diese Altersgruppe zugelassen und müssen „off label“ eingesetzt werden, was ein erhöhtes Risiko bedeutet. Der Arzt ist dann oft auf seine Erfahrung angewiesen.

Der Ruf nach Medikamentenstudien bei Kindern existiert schon seit einiger Zeit, ist aber freilich mit vielen Herausforderungen behaftet: mit ethischen, da Kinder besonders schützenswert sind. „Aber es ist sicher besser, Kinder in Studien, die auf ihre Bedürfnisse Rücksicht nehmen, zu behandeln als tagtäglich mit nicht getesteten Medikamenten“, wirft Christoph Male, Leiter der Gerinnungsambulanz der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde und Leiter der Arbeitsgruppe „Arzneimittel im Kindesalter“ der österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, ein.
Und es ist sicher auch nicht einfach, Eltern zu überzeugen, dass gerade ihr Kind an einer Studie teilnehmen soll. Ab dem 14. Lebensjahr reicht es übrigens nicht, wenn die Eltern ihre Einwilligung geben, da muss auch der Jugendliche einverstanden sein.

„Zudem dürfen derlei Studien nur an kranken Kindern im Rahmen der Behandlung durchgeführt werden“, erwähnt Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig, „das ist aber natürlich nur in beschränktem Ausmaß zumutbar.“ Der nächste Stolperstein: Diese Studien müssen für jede Altersgruppe separat durchgeführt werden und zwar in fünf definierten Gruppen zwischen der Geburt und 18 Jahren. Da soll zunächst bei Jugendlichen begonnen werden, dann bei Schulkindern, dann bei Kleinkindern, dann bei Babys und Neugeborenen.

„Aber in jeder Altersgruppe haben nicht so viele Kinder genau jene Krankheit, für die es die entsprechenden Medikamente zu testen gilt“, erläutert Male. „Deswegen sind Studienteilnehmer aus vielen Zentren erforderlich, man muss gut vernetzt sein, denn solche Studien erfordern viel Aufwand, viele Ressourcen, viel methodisches Wissen, viel Geld und stellen große organisatorische und strukturelle Herausforderungen dar.“

All diesen Schwierigkeiten zum Trotz hat die EU 2006 eine Verordnung erlassen, wonach (seit 2007) alle neuen Medikamente auch bei Kindern zu testen sind. Bei den bestehenden Arzneimitteln werden sukzessive die vorliegenden Kinderdaten neu evaluiert. „Das greift aber noch nicht wirklich“, weiß Kobinger. Doch man ist auf dem besten Weg dorthin.

Viel zu häufig Antibiotika

Wiewohl, abschließend sei's gesagt, dass Medikamenteneinsatz bei Kindern wahrlich nicht immer wirklich notwendig ist, Antibiotika beispielsweise werden ihnen viel zu häufig verschrieben. Einen Grund dafür erklärt Christoph Male: „Wenn ich den Eltern 20 Minuten lang verschiedene Hausmittel wie Kräutertees und pflegerische Begleitmaßnahmen wie Bettruhe und Wärme empfehle, gehen sie unzufrieden weg. Wenn ich ihnen in drei Minuten ein Rezept ausstelle, sind sie zufrieden.“ Allerdings, so der Kinderarzt, könnte man die Erwartungshaltung der Eltern durch Informationskampagnen beeinflussen.

Karottensuppe statt Arzneimittel

Kinder erhalten zu häufig Medikamente, die sie nicht wirklich benötigen. Bei leichterem Durchfall und Erbrechen hat sich die Karottensuppe nach Dr. Moro sehr gut bewährt.
Heilende Karottensuppe: 500 g geschälte Karotten zerkleinern, in 1 Liter Wasser 1 bis 1,5 Stunden kochen (alternativ 30 Minuten im Druckkochtopf). Dann die Karotten durch ein Sieb pressen oder im Mixer pürieren. Danach die Gesamtmenge auf 1 Liter mit Wasser auffüllen, und einen knapp gestrichenen Teelöffel (3 g) Kochsalz hinzufügen.
Wichtig: Suppe in kleine Mengen (teelöffelweise, alle fünf bis zehn Minuten) über den Tag verteilt verabreichen.
Ideal bei Durchfall ist auch ein „Orangencocktail“: Mengen für 1 Liter: 1/3 100-prozentiger Orangensaft, 2/3 abgekochtes, wieder erkaltetes Wasser, 1 TL Salz, 1 EL Zucker.
Schluckweise über acht Stunden verabreichen.

 

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