»Ewiges Leben auf Krankenschein«

Die Gesundheit ist nicht das höchste Gut, sagt der Psychotherapeut und Theologe Manfred Lütz. Wir haben sie allerdings dazu gemacht, um die Angst vor dem Tod zu kompensieren.

Vor zehn Jahren haben Sie ein Buch gegen die Diätsadisten und den Gesundheitswahn geschrieben. Wo stehen wir heute?

Manfred Lütz: Wenn ich nach meinen zahlreichen Einladungen für Vorträge urteile, dann hat sich die Situation nicht gerade verbessert. Wir müssen lernen, dass nicht Gesundheit das höchste Gut ist. Lebenskunst bedeutet, dass man auch in den Grenzsituationen menschlicher Existenz, also im Leiden, im Schmerz, in der Krankheit, Quellen des Glücks findet. Wenn man sich die ganze Zeit nur mit seinen gesundheitlichen Defiziten beschäftigt, kann man nicht wirklich glücklich werden. Wer tatsächlich Gesundheit für das höchste Gut hält, betreibt eine Anleitung zum Unglücklichsein.

Weil das einfach nicht erreichbar ist?

Weil niemand hundertprozentig gesund ist. Wenn ich mich mit Ihnen kurz über Ihre frühe Kindheit unterhalte, bin ich sicher, dass Sie gegen Schluss ziemlich traurig werden und mal kurz zum Therapeuten wollen.

Sehr oft geht es dabei aber gar nicht um die Leute, die krank sind, sondern um Gesunde, die noch gesünder werden wollen. Wonach streben diese Menschen?

Viele Leute glauben nicht mehr an den lieben Gott, sondern an die Gesundheit. Früher hat man gefastet, um in den Himmel zu kommen. Heute fastet man, um möglichst spät und möglichst gesund in den Himmel zu kommen. Die uralte Sehnsucht des Menschen nach ewigem Leben, nach ewiger Glückseligkeit ist unverändert. Aber da man sich zumindest in Mitteleuropa angewöhnt hat, auf den eigenen spirituellen Wurzeln, also auf Christentum und Kirchen, herumzutrampeln und sich mit Buddhismus aus der Dose begnügt, geht die Sehnsucht ins Leere. Daher versucht man, das ewige Leben auf Krankenschein zu bekommen.

Man joggt vor dem eigenen Sterben davon?

Ja, aber man muss da schon unterscheiden. Man darf nicht aus der Kritik an der Gesundheitsreligion wieder eine Religion machen. Gesundheit ist nicht das höchste, aber ein hohes Gut, damit soll man verantwortlich umgehen, ein bisschen laufen, ins Fitnessstudio gehen, auf die Ernährung achten. Aber mal so richtig ungesund, lecker essen, kalorienreich, fettreich, ein guter Wein dabei – das muss doch erlaubt sein. Die Freiheit einer freiheitlichen Gesellschaft beinhaltet auch die Freiheit zum ungesunden Leben.

Jeder Mensch weiß aber doch, dass das Leben irgendwann einmal vorbei ist.

Die existenzielle Angst vor dem Tod charakterisiert den Menschen. Die Angst vor der Vernichtung, davor, dass das alles hier sinnlos ist. Der Mensch ist das einzige Tier, das weiß, dass es stirbt. Die Bewältigung dieser Todeserfahrung war bisher Aufgabe der Religion. In einer so religionsmüden Situation, wie wir sie im Moment in Mitteleuropa haben, fehlt vielen der Trost des Christentums. Deshalb äfft man Religion nach. Wie beim Ablasshandel hofft man auf den Segen des neuen Doktors und tut gute Werke für die Gesundheit. Wenn man solchen Leuten eine Krebsdiagnose bringen muss, sind die oft völlig entgeistert. Das ist sozusagen der Wegfall der Geschäftsgrundlage: „Ich bin doch dauernd durch die Wälder gerannt, habe Körner gegessen. Sie müssen das Bild verwechselt haben, Herr Doktor.“ Das ist tragisch.

Jeder kann doch leben, wie er will. Wen stört's, wenn jemand Müsli isst und durch die Gegend joggt?

Natürlich soll jeder nach seiner Fasson selig werden. Aber die Gesundheitsreligion produziert auch ein gesellschaftliches Problem. Wenn Gesundheit wirklich das höchste Gut wäre, wie alle sagen, dann wären maximale Diagnostik und maximale Therapie für jeden Österreicher die absolute Pflicht des Staates. Das wäre erstens die Hölle für alle Österreicher, die kämen aus der Röhre gar nicht mehr heraus. Und es wäre zweitens der sofortige Zusammenbruch des österreichischen Gesundheitssystems. Aber da gibt es auch ein ethisches Problem. Wenn der gesunde Mensch der eigentliche Mensch ist, dann ist der kranke oder behinderte Mensch ein Mensch zweiter oder dritter Klasse. Das Menschenbild unserer Verfassungen wird inzwischen von der Gesundheitsreligion überrollt. Auch die österreichische Verfassung geht von der gleichen Würde jedes Menschen aus. Aber fragen Sie in der Fußgängerzone beliebige Personen, ob man für einen Menschen, der nicht mehr gesund werden kann, genauso viel Geld ausgeben soll, wie für jemanden, der noch gesund werden kann – Sie werden verfassungswidrige Antworten erhalten.

Die meisten Staaten unterstützen das Ziel „gesund leben“ im weitesten Sinn mit Kampagnen und Programmen. Die Bewegung geht also über den Einzelnen hinaus.

Jede Gesellschaft hat die Politiker, die sie verdient. Solange wir alle Gesundheit als höchstes Gut preisen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn ernsthafte staatliche Gesundheitspolitik überhaupt nicht mehr stattfindet. Politik ist die Kunst des Abwägens, aber ein höchstes Gut können Sie nicht mehr abwägen. Dafür muss man alles tun, oder es wenigstens behaupten.

Die Gesundheitsindustrie hat auch etwas von einer Beschäftigungstherapie. Ist das so eine Art Opium für das Volk?

Man kann das so sehen. Die Menschen leben ja heute kürzer als im Mittelalter. Der mittelalterliche Mensch lebte sein diesseitiges Leben plus das ewige Leben. Psychologisch war der Tod für ihn nur ein Durchgangspunkt zum ewigen Leben. Doch heute ist für viele Menschen das Leben zusammengeschnürt auf diese kurze irdische Lebenszeit. Im Wartesaal des Lebens ist der Tod ausgebrochen, der endgültige Tod ohne Wenn und Aber. Und das führt zu dieser gesundheitsfrommen Hektik.

Mit welchen Konsequenzen?

Wenn ich am 1.April in der „Presse“ einen Artikel publizierte, dass amerikanische Studien ergeben hätten, dass man die Lebenszeit statistisch um drei Monate verlängern kann, wenn man pro Tag eine halbe Stunde um eine Eiche rennt – dann werden Sie bald keine Eiche finden, um die nicht ein Österreicher läuft. Die Angst vor dem Tod treibt Leute zum größten Unsinn. Inklusive des ganzen esoterischen Quatschs. Wer nichts mehr glaubt, glaubt alles. Das ist natürlich auch eine riesige Geschäftemacherei. Die Gesundheitsreligion ist die mächtigste und teuerste Religion aller Zeiten.

Dient der Gesundheitswahn nicht auch der Abgrenzung der Klassen? Er hat ja vor allem die Mittelklasse erfasst. Nach dem Motto: Nur Dumme essen Pommes.

Das ungesunde Leben armer Menschen wird diskriminiert, und zwar mit moralischem Zeigefinger. Es gilt als asozial, keinen Sport zu betreiben oder Pommes zu essen. Es wird auch immer behauptet, das belaste das Gesundheitswesen. Das ist Blödsinn. Im Gegenteil, wenn jemand mit 41 am Bronchialkarzinom stirbt, kostet der die Solidargemeinschaft mutmaßlich weniger, weil er die ganzen teuren Alterskrankheiten nicht mehr entwickelt und keine Pension bezieht. Nimmt man das ökonomische Argument ernst, müsste das ja dann bedeuten, dass jemand, der nachweislich raucht, säuft und auch sonst ein schlechter Mensch ist, weniger Krankenkassenbeiträge zahlen müsste, als wenn jemand solidaritätsschädigend Körner isst und sich fit hält. Und damit wird klar: In Wirklichkeit geht es nicht um Ökonomie, sondern um einen volkspädagogischen Ansatz. Man möchte die Menschen zwingen, gesund zu sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2012)

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