Im Zoo der Wissensarbeiter

Verhaltensforschung am Arbeitsplatz: Der Innovation und dem Zufall soll die Bürogestaltung ein wenig nachhelfen. Kreative Büros helfen sich oft selbst.

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(c) REUTERS (STEPHEN LAM)


Das Büro ist eine Wolke. Ohne Türschild und Haupteingang. Wie an einem unsichtbaren Faden, der am Smartphone oder Laptop hängt, ziehen es die Menschen hinter sich her. Doch  noch gibt es Quadratmeter, die materialisierte Arbeitsplätze sind. In denen sich Menschen, deren Gedanken und Blicke tatsächlich begegnen. Die Kaffeetasse in der Hand, locker im Türrahmen lehnend, gerade erst die aktuellen Fußballergebnisse besprochen – das könnte die Weltsekunde sein, in der urknallgleich das Neue entsteht. So stellen sich das zumindest manche Unternehmen vor, die zuvor Besuch hatten – von Büroconsultern und Experten für die Spezies „Wissensarbeiter“. Vielleicht treffen sich deshalb Google-Mitarbeiter zum Meeting in Seilbahngondeln. Oder rutschen die „Information Worker“ bei Microsoft in die Kaffeepause statt zu gehen.  Manche kreativen Kleinunternehmen richten sich doch lieber selbst ein: in Büros mit sozialem Anschluss nach außen etwa.

Typisch Ressourcen: Tief unter der Erde verstecken sie sich. Oder unter Schädeldecken – das Wertvolle macht es den Schürfern nicht leicht. Das dazugehörige Bergwerk ist das Büro, das keines mehr sein will. Lieber Kaffeehaus, Wohnzimmer, Lounge oder „gute Stube“. Dort versuchen  Unternehmen, Wissen auf Wissen stoßen zu lassen.

Beiläufig, zufällig. Das Unplanbare planen – diese paradoxe Aufgabe trauen sich viele Architekten zu. Doch das Büro gerät dabei manchmal zur Innovationsplantage, die sich mit einer „menschlichen“ Designfassade verkleidet. Kaffeeküchen, Lounge-Zonen, Kommunikationsmöbel – daraus wird Anbahnungsarchitektur, ein Kreißsaal der Ideen. Und die „informelle Kommunikation“ soll den Geburtshelfer spielen. Studien legen genau das nahe:  80 Prozent der Innovationen würden durch die ungesteuerte, zufällige Kommunikation entstehen.

Das erzählt wenigstens zurzeit ein Human-Resources-Manager in den Kinos stolz in die Kamera: In der Dokumentation „Play Hard – Work Hard“ wirkt er wie der Zoowärter vor dem Gehege des Pandapärchens, von dem alle nur das eine erwarten. Extra für den Wissensnachwuchs wiederum schaffen Büros die menschlichen Reviere ab. Das „non-territoriale“ Konzept stellt dem Zufall keine fixen Arbeitsplätze mehr in den Weg. Wissensarbeiter werden Zwangsnomaden. Wie jene kreativen Kleinunternehmen auf zwei Beinen, die ihre Bürowolke mit ins Kaffeehaus nehmen, oder in den „Shabby-Chic“-Co-Working-Space im Kreativbezirk. Doch Büro muss sein. „Es hat eine Integrationsfunktion, es ist ein Hub, bei dem alles zusammenläuft, das Wissen, die Personen. Dort wird Wissen ,verarbeitet‘, dort entsteht Neues und werden neue Realitäten geschaffen“, erklärt Thomas Fundneider von der Wiener Innovationsagentur „The Living Core“.

Kühle Brutstätte. Diese „neuen Realitäten“ erwartet man sich auch in der Unilever-Zentrale in der Hamburger Hafencity. Viel Lob bekam sie für ihre Architektur. So offen, so transparent. Und doch so kühl: „Play Hard – Work Hard“ entblößt ihren klinischen Brutstättencharme. Für viele Kinobesucher eher ein Gruselfilm als eine Doku. Doch für viele Unternehmen ist das die Konsequenz aus jahrelanger Verhaltensforschung am „Wissensarbeiter“. Vormals unbekanntes Wesen, inzwischen taxonomisch nach Arbeitsstilen erfasst: Gattungsbezeichnungen wie „Kreative Downshifter“, „Intermediaere“, „Corporate High Flyers“ oder „Loyale Störer“ stehen auf den Schubladen der Büroconsulter, die ihre „Typen“ auf einer Matrix aus Status, Sicherheit, Selbstbestimmung und Flexibilität zusammenmischen. Gerade die „Digital Natives“ prallen mit ihren Bedürfnissen oft auf anachronistische Bürokonzepte, erzählt Michael Bartz, Professor für „Exportorientiertes Management“ an der IMC Fachhochschule in Krems. Zurzeit versucht er wissenschaftlich zu messen, wie sich die „neue Welt des Arbeitens“ auswirkt. Zunächst auf denjenigen, der sie erst kürzlich auf den eigenen Büroflächen ausgerufen hat: das Unternehmen Microsoft. Messbares findet Bartz etwa in der„Unternehmensperformance“, aber auch in naheliegenden Faktoren wie Flächeneffizienz oder Betriebskosten. Auch die „Haltedauer“ der Mitarbeiter steigt, gemeinsam mit der „Work-Life-Balance“, die Krankenstandstage sinken – all das, wenn man's richtig macht. Und Microsoft versucht es – auf 4500 möglichst unkonventionellen Quadratmetern. In einem ganz und gar konventionellen Office-Block, dem „Euro Plaza“ in Wien-Meidling.  300 Mitarbeiter teilen sich die Räume. Aber nur theoretisch.

Non-territorial.
„Wir haben gesehen, dass immer nur etwa 40 Prozent der Mitarbeiter im Haus sind“, erklärt Alexandra Moser, zuständig für die Business-Group „Information Worker“. Fixe Arbeitsplätze gab es zu viele, Meetingräume zu wenige. Schuld daran ist auch die „Vertrauensarbeitszeit“, die das Büro virtuell über Stadt und Land projiziert. „Die Arbeitszeit geht bei dem flexiblen Modell sogar bis zu 15 Prozent nach oben“, bemerkt Bartz.

Bei Besprechungen kommen alle zusammen, wenn auch manchmal nur virtuell. „Man muss Spielregeln haben. Dazu gehört auch, dass jedes Meeting online möglich ist“, sagt Moser. Wer persönlich nach Meidling kommt, muss sich erst seinen Arbeitsplatz suchen. Oder: darf ihn wählen. Verschiedene Raumtypologien sollen unterschiedliche Arbeits- und Kommunikationsbedürfnisse auffangen. „Call“ etwa, die Koje für konzentriertes Arbeiten allein. Oder „Think“, der Kreativraum, der schon visuell verheißt, dass hier mehr entstehen soll als voll gekritzelte Notizblöcke.
Für die Meetingräume, die „Bazar“ oder „Garden“ heißen, hat man tief in der dazugehörigen Themen-Dekorationskiste gekramt. Schon 3000 schaulustige Menschen sind von Guides an den Fat-Boy-Sitzsäcken, Designerstühlen, Wuzlern und der Café-Latte-Plaza vorbeigelotst worden. Das neue Arbeiten – eine Sehenswürdigkeit.

Kaffee und Kuchen.  Fast scheint es, als würden Kaffeetrinken und Ideen miteinander positiv korrelieren. Wie im „Kafis“, der Kaffeeküche, in der die Ideen brodeln, an der Alvar-Aalto-Universität in Espoo, Finnland. Die Anregung dafür gab eine Studie: Demnach ist man während der Kaffeepause offener für Fragen, für die Weitergabe von Informationen sowie für Projektvorschläge.

Aber auch das „Coffice“, ein Worthybrid, das einmal für Bürokonzepte herhält, einmal für Büro-Loungemöbel, stellen Consulter den Unternehmen gern in ihre Zentralen und Filialen. Dabei kann das „Coffice“ kaum etwas besser als ein schlichtes Kaffeehaus. In Schweden scheint die Bürowelt hingegen schon dort zu sein, wo Visionäre heimische Büros hinwünschen. Dort sind die Möbelhersteller zahlreich. Und die Gestaltungsgedanken freier.

Die renommierte Designerin Monica Förster hat für „Offecct“ etwa den ersten, ergonomisch für Frauen geformten Bürostuhl entworfen. Ihr Studio im Stockholmer Stadtteil Södermalm, das gern als „Kreativviertel“ apostrophiert wird, war früher ein Porno-Shop. Schräg gegenüber im Eckhaus macht sich auch ein Architekturbüro Gedanken über das Wie und Wo des zukünftigen Arbeitens. Des eigenen Arbeitens nämlich. „Die Sichtbarkeit des Büros war uns wichtig“, erzählt Architekt Anders Marsen. Und auch, sich nicht vom Stadtraum, den sozialen Kontakten und anderen Kreativen zu isolieren. So haben die Architekten ihr eigenes „Coffice“ erfunden. Vorn ist es Café für alle, die gern Kaffee trinken. Weiter hinten, jenseits des roten Bandes, ist es „Working Club“, für alle, die beim Arbeiten nicht gern allein sind. Und dafür eine Stunden-, Tages- oder Monatsgebühr bezahlen. Und dahinter liegt erst das Architekturbüro, das sich mit den anderen Zonen ganz informell mischt. „Jetzt sehen wir unsere Freunde wieder viel öfter“, sagt Marsen. In die zwei Konferenzräume mieten sich dann und wann sogar größere Konzerne ein, erzählt Marsen. Dort ersetzt die Fliesenwand schon mal das Whiteboard. Vor ein paar Jahren klebte noch Blut an ihnen – früher war das „Coffice“ eine Fleischerei.

Innovationsräume. Die Wissensarbeiter sind in non-territorialen Büros selbst ein wenig die Wolken. Ohne Fixplatz. Ein wenig getrieben. Der deutsche Hirnforscher Ernst Pöppel glaubt hingegen, dass Kreativität auch Sicherheit braucht. Ein Heimatgefühl, ein Büro als Identifikationsort, den man als „persönlichen Raum“ empfinden und gestalten kann.
Auch der Wiener Kognitionswissenschaftler Markus Peschl meint: „Territoriale Aneignung ist wichtig. Und es gibt sehr große Unterschiede zwischen Personen und Industrien, wie weit der Regler zum non-territorialen Arbeiten geschoben werden kann. IT-Firmen haben da generell höhere Akzeptanz als etwa Zeitungsredaktionen.“ Architektur und Organisation dürften nicht getrennt voneinander gestaltet werden: „Es braucht dieses umfassende Verständnis für eine Organisation, damit architektonische Strukturen wie ein Maßanzug genau diesen Kern unterstützen“, so Peschl.

Die „informelle Kommunikation“ sei nur ein Aspekt innerhalb des Innovationsprozesses, meint Thomas Fundneider von „The Living Core“. Ganze Büroräume lediglich darauf auszurichten, hält er für „schwachsinnig“. Vor allem, wenn die „sanfte Steuerung“ allzu plump und offensichtlich gerät. „Die Menschen erspüren das, fühlen sich hintergangen und fangen an, das gesamte System zu boykottieren“, so Fundneider.

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