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Die Vertonung der Bilder

14.07.2012 | 18:06 |  von Sabine Hottowy (Die Presse)

Jeder Mensch weiß, wie sich Liebe, Freude oder Angst anhört, den Filmkomponisten sei Dank. Ein Gespräch mit Conrad Pope und Herbert Tucmandl.

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Die Jalousien sind geschlossen. Die Klimaanlage läuft nicht, weil das Gesurre die Aufnahme stört. Die Luft riecht ein bisschen so, als hätte sie schon einiges erlebt. Conrad Pope, ein älterer Herr im Freizeitlook, kommt ins Klassenzimmer, er ist einer der meistbeschäftigten Komponisten und Orchestratoren Hollywoods. So war Pope etwa für die Musik von „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ I und II verantwortlich. 2010 verpasste er Simon Curtis' „My Week with Marilyn“ den richtigen Sound. Andächtig setzt er sich an den Lehrertisch. Ein Student der Musikuniversität Wien tritt mit einem Taktstock an den Notenständer, mittlerweile hat auch das Streicheroktett „Atout“ Platz genommen, Ryan Reynolds wird in einem Filmclip aus „Safe House“ an die verhängte Tafel geworfen. „Jetzt kommt das schwerste Stück des Workshops“, flüstert Mitorganisatorin Lilo Bellotto.


Der Komponist als Mönch.
Eine Woche lang arbeiteten 27 junge Komponisten aus zwölf Nationen am Klosterneuburger Gymnasium im „Hollywood Music Workshop“, Conrad Pope unterrichtete. Nächstes Jahr möchte er wiederkommen, weil „Klosterneuburg eine Stadt voll Mönchen ist und ein Komponist die meiste Zeit seiner Existenz ein mönchsähnliches Leben führt. Er sitzt in einer Kammer und denkt nach.“ Abgesehen davon findet er die Schüler „außergewöhnlich“ – tatsächlich hat sich der eine oder andere Jungstar ins Klassenzimmer verirrt. Der Franzose Frédéric Dunis konnte sich etwa mit der Orchestrierung für den mehrfach prämierten Stummfilm „The Artist“ einen Namen machen.

In Hollywood müsse man hart arbeiten, bis man an die Spitze kommt, so Pope. Seine klassische Ausbildung führte ihn vom New England Conservatory zur Hochschule für Musik in München und an die Princeton University in New Jersey. „Der erste Film, für den ich komponiert habe, ,Ghostship‘ hat der geheißen, hat es nie ins Kino geschafft, so schlecht war der.“ Stolz ist er hingegen auf sein jüngstes Werk, „One Week With Marilyn“. „Es hat mich einige ,Ghostships‘ gekostet, um zu Marilyn zu kommen.“

„Ich hatte Glück.“ Und wie kommt man in die Traumfabrik? „Ich bin zum Film gegangen, weil ich keine Anstellung an der Uni bekam und einen Job brauchte. Ich wollte mich nicht auf der Leinwand sehen, ich wollte mich mit einem Gehaltsscheck und einer Wohnung sehen. Ich hatte Glück.“

Welche Fähigkeiten ein Filmkomponist neben seiner Musikalität – und dem bisschen Glück – mitbringen sollte, ließ er sich dann doch entlocken: „Hollywood ist wie jeder andere Job. In erster Linie sollte man versuchen, Probleme immer zu lösen und nie zu produzieren. Halte dir vor Augen, dass du nicht nur ein Musiker bist, sondern ein Dramaturg.“ Außerdem gelte es, die Visionen des Regisseurs zu verstehen und zu interpretieren – und zu verstehen, dass man am Set Teil eines großen Teams sei. „Alle miteinander machen einen Film erst zu dem, was er ist: Teil unserer Kultur.“ Wenn man es aushalte, der Sache und nicht sich selbst zu dienen, könnten einem selbst in Hollywood großartige Dinge widerfahren. In Popes Fall war das wohl auch die Zusammenarbeit mit Filmkomponisten-Stars wie John Williams („Star Wars“), Danny Elfman („Milk“) oder Alexandre Desplat („The King's Speech“). Deren Ruhm interessiert Conrad Pope wenig, er ist „lieber Teil von etwas, das berühmt ist“, der Arbeit.

Mit dem Wiener Unternehmer und Workshop-Kooperationspartner Herbert Tucmandl hat Conrad Pope die exklusiven Auftraggeber gemein. Die Firma „Vienna Symphonic Library“ (VSL) des Cellisten und Komponisten Tucmandl hat ihren Sitz in Liesing und bespielt, im wahrsten Sinne des Wortes, von dort aus die internationale Filmwelt. Denn die VSL sei mit ihrem Sortiment an Tonsamples Weltmarktführerin im Bereich der „virtuellen Orchestermusik“.

Tonsammlung. Bei der Firmengründung vor zwölf Jahren erarbeitete sich Herbert Tucmandl durch Ausbau technischer Möglichkeiten eine Sonderstellung in der Filmmusikbranche. Die computergenerierte Musik, mit der er aufgrund knapper Produktionsbudgets arbeiten musste, war nämlich „unzureichend“. So begann er selbst mit dem Cello erste Töne in eine Datenbank einzuspielen; heute umfasst sie 1,5 Millionen Tonsamples von 70 Instrumenten, die in verschiedenen Besetzungen, Tonhöhen und Spielweisen aufgenommen wurden. Obendrein gehören die Solisten klingenden Kollegien wie den Philharmonikern, den Symphonikern, dem Chamber Orchestra of Europe an.

In welchen Filmproduktionen Töne aus der VSL zu hören sind, weiß auch Tucmandl nur in Ausnahmefällen. Produktionsfirmen würden sie im Pulk kaufen, aus Prestigegründen werde der Ursprung im Abspann nicht ausgewiesen. Unterdessen ist Herbert Tucmandl auch selbst wieder unter die Filmkomponisten gegangen. Der Anstoß kam von Karl Markovics – für die Filmmusik zu „Atmen“ wurde Tucmandl heuer mit dem Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet.

Auf einen Blick
Der Hollywood Music Workshop in Klosterneuburg bietet Komponisten die Möglichkeit mit den Größen der Branche zu arbeiten. Die Organisation haben Lilo Bellotto und Dimitrie J. Leivici inne.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2012)

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