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Sylvia Feichtinger: "Krisen bringen einen weiter"

28.07.2012 | 17:16 |  von Karin Schuh (Die Presse)

Sylvia Feichtinger ist Principal Designer bei Nokia in London und spricht über die relative Bedeutungslosigkeit österreichischen Designs und Krisenmanagement in ihrem Job.

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Sie sind anlässlich eines „Design Austria“-Symposiums zum Thema Design-DNA in Wien. Gibt es überhaupt landesspezifische Besonderheiten beim Design?

Sylvia Feichtinger: Die Grenzen verschwimmen immer mehr, das hat natürlich mit der Globalisierung und dem Internet zu tun. Es ist nicht mehr so spezifisch wie früher, als es ein typisch deutsches, italienisches oder skandinavisches Design gab. Dadurch, dass jeder schnell Zugriff zu Informationen hat, ist vieles verschmolzen.

Seit wann?

Sicher seit den letzten fünf, zehn Jahren, allein durch die Technologie.

 

Spielt Österreich überhaupt eine Rolle auf dem internationalen Designmarkt?

Bis auf ein paar ganz wenige Ausnahmen ist es eher unbekannt. Da ist noch einiges nachzuholen.

 

Gibt es dann überhaupt so etwas wie österreichisches Design?

Wie gesagt, bis auf ein paar Ausnahmen, fällt mir da nichts ein. Außer vielleicht Anfang 1900: die Secession oder bekannte kunsthistorische Richtungen. Ich glaube nicht, dass so etwas wie typisch österreichisches Design in der heutigen Zeit relevant ist.

 

Das heißt, es sind eher Unternehmen oder Einzelpersonen relevant.

Genau. Und Unternehmen haben es in Österreich auch schwieriger, weil sie zu klein sind, um bekannt zu sein oder gar einen internationalen Ruf herzustellen.

 

Man muss also ins Ausland gehen?

Also ich würde mir hier schwertun. Ich mag Österreich, und ich unterstütze Design Austria total, aber für mich wäre es unvorstellbar, hier zu arbeiten, weil die Arbeitsweisen zum Teil so von Hierarchien bestimmt sind und das kreative Arbeiten noch nicht so bekannt ist wie in internationalen Unternehmen. Verantwortung wird erst sehr spät übergeben.

 

Wie unterscheidet sich die Arbeitsweise?

Ich arbeite in einem großen, internationalen Konzern. Allein dadurch, dass wir zum Beispiel 35 Nationalitäten in vier Locations weltweit haben, gibt es einen kulturellen Austausch. Wir reisen permanent, müssen auf kulturelle Unterschiede eingehen und sie in unserer Arbeit aufgreifen.

 

Haben Sie da Beispiele?

Wir gehen ganz spezifisch auf Research-Trips nach Indien, Afrika oder China. Das ist jetzt ein großes Thema, 2020 wird es eine Weltmacht sein. Das passiert in so einer Geschwindigkeit, es wird größer als Amerika und Europa zusammen werden. Auf so etwas muss man natürlich eingehen. Dann verbringt man als Designer Zeit dort, beschäftigt sich damit, wie die Menschen leben. Wir arbeiten mit Agenturen zusammen, haben Kontakt mit Menschen vor Ort. Das passiert überhaupt nicht nur am Schreibtisch.

 

Ein Beispiel, wie anders ein Produkt in verschiedenen Kulturkreisen sein kann?

Das fängt bei Materialtechnologien oder Farbgebungen an, bis hin zur Software. Es gibt so viele Bedeutungsunterschiede. Zum Beispiel stehen die Menschen in Dubai oder Russland noch immer auf Gold, Glitzer und Glamour. Aber es gibt auch Länder, in denen Farben oder Materialien, die in Europa funktionieren, gar nicht angenommen werden. Deswegen muss man sich permanent damit beschäftigen. In China zum Beispiel müssen die Software-Designer berücksichtigen, dass die Regierung das Internet kontrolliert.

 

Wie ist die Arbeit bei Nokia? Inwiefern unterscheidet sie sich von kleinen Büros?

Der Unterschied ist, dass du spezifischer an Sachen arbeitest, aber auch in ganz neue Projekte einbezogen wirst, mit Netzwerken, die kleine nie haben. In kleinen Firmen hat man die Verantwortung für ein Projekt von Anfang an bis zum Ende. Es gibt immer zwei Seiten, man hängt hier aber auch in vielen Meetings und Diskussionen. Aber die Möglichkeiten, die Unterstützung und die Netzwerke sind größer.

Wie groß ist die Designabteilung bei Nokia?

Wir sind weltweit 300 Designer, aufgeteilt auf vier Locations: London, Helsinki, Peking und Los Angeles.

Handys können immer mehr. Wird jetzt wieder Design wichtiger als Technik?

Es ist beides relevant, aber natürlich ist der Fokus immer mehr auf Software und Content gerichtet. Design oder das Teil, das ich in der Hand habe, ist immer relevant. Aber der Konsument hat das Hauptaugenmerk auf der Software.

Wie sieht es mit dem Drumherum aus?

Das wird auf alle Fälle wichtiger.

 

Werden Handys noch komplexer?

Nein, einfacher. Es gibt zum Beispiel neue Technologien, wie NFC (Near Field Communication), bei denen man nur mehr Sachen zu berühren braucht. Es wird absolut Augenmerk darauf gelegt, die Komplexität rauszunehmen. Denn es ist fast schon ein Schritt zu weit, das interessiert niemanden mehr.

Nokia steckt in der Krise. Inwieweit beeinflusst das die Arbeit als Designerin?

Natürlich spürt man Krisen, aber das kann auch eine positive Herausforderung sein. Man hat Einschränkungen, aber man wird dadurch vielleicht auch kreativer. Man muss eh damit umgehen. Aber ich glaube, dass Challenges und Krisen auch immer ganz gut sein können, um weiterzukommen. Raus aus der Komfortzone und überlegen, was der nächste Schritt ist. Ups und Downs gibt es überall. Das gehört dazu, das ist eine gute Sache, damit man auf dem Laufenden bleibt.

Sie haben auch schon Sneaker oder den Innenraum eines Flugzeugs entworfen. Inwieweit unterscheiden sich diese Bereiche?

Eigentlich nicht sehr. Als Designer muss man immer mit einem Fuß in der Zukunft sein, muss absolut vorausdenken, mit dem anderen muss man Traditionen, Handwerk verstehen. Und im Prinzip geht es immer darum, das mit einer Innovation, einer Idee zu verbinden und Neues zu gestalten. Da macht es nicht so einen Unterschied ob Sneaker, Flugzeuge oder Mobile Devices. Es geht darum zu beobachten, wie Menschen Dinge benutzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)

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