In diesen Tagen hat eine Prothese Geschichte geschrieben. Denn sie ging gestern erstmals bei den Olympischen Spielen in London an den Start. Beim 400-Meter-Lauf. Der Südafrikaner Oscar Pistorius läuft mit den künstlichen Karbonbeinen. In Konkurrenz mit ganz normalen, unversehrten Beinen aus menschlichen Zellen. Zum ersten Mal in der olympischen Geschichte steht bei den regulären Spielen ein Mensch mit Prothesen im Wettbewerb. Und im Fokus der medialen Aufmerksamkeit. Zwei schlichte, schwarze Federn, die gar nicht erst versuchen, etwas zu kaschieren oder zu verbergen oder gar ästhetisch Beine zu imitieren. Prothesen sind längst nicht mehr nur Aufgabe der Medizintechnik, sondern der Designer, die die Funktionalität und Ästhetik mitgestalten.
Die „Flex-Foot“-Prothese mit dem Namen „Cheetah“ (Gepard), die Pistorius im Olympic Stadium von London tragen wird, wurde vom Prothetiker Van Philips entworfen. Heute ist er 58 Jahre alt, mit 21 verlor er selbst ein Bein. Und litt unter den eingeschränkten Möglichkeiten, mit denen sich Prothesenträger damals noch abfinden mussten. Nach einem Prothetikstudium holte er sich Hilfe aus der Flugzeugbautechnik und konstruierte schließlich einen Fuß aus Karbonfaser, der das Körpergewicht beim Auftreten in Energie umwandelt. Das heißt, mit einer Prothese konnte man plötzlich laufen und springen - eine Revolution im Prothesenbereich. Heute verwenden rund 90 Prozent der amputierten Paralympics-Sportler dieses Prothesenmodell.
Neues Image. Nicht nur für die isländische Herstellerfirma Össur, sondern für die gesamte Prothesenindustrie war der Fall Pistorius ein enormer Imagegewinn. Die Ästhetik der Sportlerprothese, die nichts kaschiert, verbirgt oder beschönigt, ist eine gänzlich andere als jene, die viele Menschen im Kopf haben, wenn sie an Prothesen denken. Vor allem an jene des täglichen Gebrauchs. Heidi Gullner-Steiner von der Wiener Firma Frühwald, die für rund 20.000 Kunden unter anderem Rollstühle und Prothesen individuell anpasst, meint: „Jeder Mensch mit besonderen Bedürfnissen setzt andere Prioritäten. Den einen ist Funktionalität wichtiger, den anderen Design“.
Hans Dietl, Geschäftsführer von Otto Bock Österreich, hält dem entgegen, dass heute bereits die Hälfte der Prothesenträger ihre Prothesen „sichtbar und als Teil ihrer Identität“ tragen würden. Eines steht jedenfalls fest: Die großen Hersteller von Rehabilitationsmitteln wie etwa Bauerfeind oder auch Otto Bock beschäftigen sich intensiv mit Design. Zum Teil arbeiten sie mit externen Designern zusammen, zum Teil beschäftigen sie auch welche im Haus.
Zahlreiche Prothesensysteme gewinnen regelmäßig Designpreise. Jene Designer allerdings, die gerne ihre stilistische Handschrift auf den Produkten hinterlassen, setzen sich mit der Gestaltung von Prothesen nicht allzu gern auseinander. Woran das liegt, glaubt Dietl zu wissen: „In diesem Bereich muss man sich als Designer stark der Funktion des Produktes unterordnen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich die sogenannten ,Ikonen des Designs' damit recht schwer tun“.
Das Design einer Prothese bietet aber noch weitere Herausforderungen, wie der Designer Nik Pelzl erzählt, der mit seinem „studio novo“ seit einigen Jahren mit Otto Bock zusammenarbeitet: „In der Prothetik geht es vor allem darum, die Anwenderseite zu verstehen: Wie funktioniert der Bewegungsablauf, wie lebt ein Mensch mit Prothese?“ Ein Geriatriepatient beispielsweise habe ein viel höheres Sicherheitsbedürfnis als ein sehr mobiler Anwender. Zum zweiten müsse man ein hohes technisches Verständnis mitbringen und die zahlreichen technischen Restriktionen und produktionstechnischen Einwände beachten. „Man muss herausfiltern, wie weit man in der formalen Konzeption gehen kann, damit es sowohl den Ansprüchen eines sehr technischen Geräts genügt als auch von der Anwenderseite akzeptiert wird.“ Für die Freiheit in der formalen Konzeption gäbe es eine Faustregel: Je näher am Gesicht ein Hilfsmittel verwendet werde, desto naturgetreuer müsse die Gestaltung sein. Vor allem bei den Beinen würden von den Anwendern auch futuristisch anmutende Lösungen akzeptiert.
Für das Design des Prothesensystems „Genium“ von Otto Bock hat „studio novo“ den „Red Dot Award“ bekommen. Neu an diesem System ist, dass es oberschenkelamputierten Anwendern intuitives Gehen und Stehen ermöglicht, ohne das Gelenk dabei bewusst zu steuern. Die Jury des Designpreises hob neben der gesteigerten Lebensqualität für die Anwender auch die „elegante Silhouette“ des Produktes hervor.
Frauenspezifisch. Mit Konturen und Kurven beschäftigt sich auch die israelische Designerin Aviya Serfaty, die mit „Outfeet“ eine Weltneuheit auf den Markt bringen möchte: Eine speziell für Frauen entwickelte Prothese aus Karbonfaser. Nicht nur formal soll sie eine Reverenz an den weiblichen Körper sein, sondern sich auch an feminine Bewegungsmuster anpassen. Auch an die Fußstellung etwa, wenn die Trägerin einmal in High Heels unterwegs ist.
„Amputierte Frauen tun sich noch schwerer als andere, den gängigen Schönheits- und Weiblichkeitsidealen zu entsprechen. So wie alle haben auch Frauen, die ein Bein verloren haben, das Bedürfnis, sich gut in ihrem Körper zu fühlen,“ sagt Serfaty. Dabei sei es nicht ihr Ziel gewesen, das Aussehen eines Frauenbeines zu imitieren. Sie wollte vielmehr der Idee von Weiblichkeit in Form der Prothese neuen Ausdruck verleihen. „All diese Bestrebungen, Prothesen wie ein echtes Bein aussehen und sich auch so anfühlen zu lassen, sind ein Fehler. Eine Prothese wird nie wie das echte Bein aussehen, und indem man versucht, etwas nachzuahmen, was nicht mehr da ist, fühlen sich amputierte Frauen versehrt und unsicher.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2012)
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