21.05.2013 11:33 Merkliste 0

Schmuckkollegs: Scherz, Ironie und Knalleffekt

25.08.2012 | 17:52 |  von Anna Burghardt (Die Presse)

Sie haben mit Konventionen gespielt und mit Altbekanntem gebrochen: Die ersten Absolventinnen des Schmuckkollegs Herbststraße über ihre Ausbildung.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Konstanze Prechtl platzt der Kragen. Die junge Frau sticht nahe ihrem Hals einen Luftballon nach dem anderen an, die „Presse am Sonntag“-Fotografin bittet sie zwar, die Augen offen zu lassen, aber das scheint nicht so leicht zu sein bei dem lauten Knallen. Dem ehemals so voluminösen Collier geht allmählich die Luft aus, bis nur mehr eine Silberkette mit bunten Anhängern übrig bleibt. Konstanze Prechtls Entwurf trägt den Namen „Was passiert, wenn der Kragen platzt...?“ und erfüllt das, was sich die Initiatorinnen des Schmuckkollegs Herbststraße, wo Prechtl kürzlich ihre Ausbildung abgeschlossen hat, gewünscht haben: Schmuckgestaltung mit Witz, mit Tiefgang. Ideen, die sowohl mit Sprache spielen als auch mit Tragekonventionen. Prechtl zeigt mit ihrer Abschlussarbeit auch, dass Schmuckstücke nicht starr sein müssen, sondern von der Trägerin verändert werden können.

Über den Tellerrand. Das Schmuckkolleg Herbststraße begann mit dem Schuljahr 2009/2010, eine völlig neue Ausbildung sollte etabliert werden. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es in Österreich – ganz anders als in Deutschland mit den Hochschulen Pforzheim oder Düsseldorf – lange kein Angebot, das über den Handwerk-Tellerrand hinausblickte. Dabei sei das so wichtig, sagt Susanne Hammer, Schmuckgestalterin und eine der Lehrenden: Lustig mit Metall und anderen Materialien vor sich hin zu basteln macht noch lange keinen guten Schmuck, da braucht es mehr: etwa das Wissen um Schmuckgeschichte. Den Studentinnen ist bewusst, dass solche Inhalte in einem Kolleg relevant sind, sie hätten aber manchmal gern mehr handwerklich gearbeitet: Alexandra Gasteiger, eine der sieben frischgebackenen Absolventinnen, fand die Ausbildung fast zu theorielastig, obwohl Schmucktheorie eigentlich doch hilfreich gewesen sei. „Schätzen werden sie das alles eh erst in zehn Jahren“, kommentiert Susanne Hammer mit einem Lachen die vorsichtig vorgebrachte Beschwerde.

Auf die Form der Ausbildung – jeden Abend unter der Woche, sechs Semester lang – lässt sich wohl zurückführen, dass nicht alle, die 2009 begonnen hatten, auch bis zum Ende durchgehalten haben. Alexandra Gasteiger hat sich „irgendwann daran gewöhnt“, Konstanze Prechtl hat den Abendmodus sogar „ganz angenehm“ gefunden, sie wohnt ums Eck. Einige andere, die mit den beiden in den Lehrgang gestartet sind, haben berufsbedingt irgendwann aufgehört. Hammer macht den Bewerberinnen und Bewerbern deshalb auch schon beim Beratungsgespräch klar, dass die Ausbildung „kein Volkshochschulkurs ist, wo man einmal hingeht und einmal nicht“. Es herrscht Anwesenheitspflicht, „es ist halt schon eine intensive Ausbildung“.

Dafür sind deutliche Entwicklungen zu sehen, „der Schmuck ist immer intellektueller geworden“, loben Susanne Hammer und Hemma Pumhösl, ebenfalls Schmuckgestalterin, ihre Studentinnen. Alexandra Gasteiger etwa hat in den ersten zwei Jahren so einiges probiert und arbeitet jetzt mit der Querschnittstruktur von Skateboards.

Block-Flow. Was den neuen Studierenden zugutekommen wird (zwanzig sind aufgenommen): „Die Entwurfsphase wird kompakter, es wird eine Woche nur Entwurf geben, dann gehen wir schon zur Montagetechnik über“, sagt Pumhösl. Bei der Abendschulform bestehe die Gefahr, dass kein Flow entsteht, „es braucht Blockcharakter, nicht nach dem Motto jeden Montag 20 bis 22 Uhr“, die Arbeit soll vielmehr geballt und somit intensiver erlebt werden.

An den Schmuckstücken wird hart gefeilt, zwei bis drei Projekte im Jahr – teilweise mit mehreren Stücken innerhalb eines Projekts – seien entstanden, erzählen die Absolventinnen Konstanze Prechtl und Alexandra Gasteiger. Letztere berichtet von ihrer vorhergegangenen Ausbildung an einer HTL, da hätte man zwar alle paar Wochen ein neues fertiges Werkstück in der Hand gehabt, „dafür war aber alles vorgegeben“. Beide finden es schön, „wenn sich Schmuck langsam entwickelt“.

Entwickeln wird sich auch die weitere Arbeit der beiden: Ballonzerplatzerin Konstanze Prechtl will zwar mit Kunststoff weiterarbeiten, irgendwann aber auf jeden Fall etwas mit Gold machen. „Es ist aber nicht dringend.“ Alexandra Gasteiger, die Skateboard-Frau, ist sich bewusst, dass es viel Konkurrenz gibt. „Man muss etwas ganz Neues machen oder etwas, das vor hundert Jahren jemand gemacht hat und das man jetzt aufleben lassen kann.“

Tag der offenen Tür im Abendkolleg für Schmuckdesign: 30. November und 1. Dezember, 9 - 16, Herbststraße 104, 1160 Wien.

Ausstellen werden die Studierenden ab 2013 monatlich wechselnd in der Galerie V & V, Bauernmarkt 1, 1010 Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com