Haben wollen: Während der Mensch Pubertät und junges Erwachsenenalter durchschreitet, sammelt sich die Beute in den Regalen. Schallplatten aus Vinyl, CDs mitsamt Cover und Booklets, in allen „Limited Editions“ und sonstigen Neuauflagen dieser Welt. Dazwischen die unbeschrifteten, selbst gebrannten CDs. Und jetzt kommen noch die ausrangierten iPods dazu, auf denen die illegal oder legal downgeloadeten MP3s auf Zeiten warten, die nicht mehr wiederkommen. Denn neuerdings streamt man die Musik aus dem Internet. Und besitzt sie auf diese Art nur mehr so lange, bis der Song vorbei ist. Das hat Konsequenzen für die Hörer und die Musiker. Obwohl sich viele noch nicht im Klaren darüber sind, ob es nun positive oder negative sind.
Die neue Epoche brach etwa vor zehn Monaten an. Als beinahe zeitgleich im Herbst 2011 die Musik-Streaming-Dienste Spotify, Simfy, Juke und Deezer ihre Musikwolken über Österreich schweben ließen. Anstatt einzelne Tracks oder Alben in Form von Dateien auf die Festplatte herunterzuladen, wird die Musik ohne Verzögerung direkt aus dem Internet auf einem beliebigen Endgerät abgespielt. Die Dateien selbst bleiben auf den Servern der jeweiligen Anbieter, die mit bis zu 18 Millionen Musiktiteln befüllt sind.
Musik-Streaming-Dienste sollen nicht nur für die Nutzer einen Mehrwert generieren, sondern auch für die Künstler. Spotify und Deezer zum Beispiel schlossen Vereinbarungen mit „Merlin“, einem Zusammenschluss von Indie-Plattenfirmen. Damit wollten sie signalisieren, auch kleine und lokale Musikbetreiber ins Boot holen zu wollen. Der große Vorteil an legalen digitalen Vertriebssystemen ist, dass jeder einzelne Download oder Stream im System aufscheint und theoretisch an den Urheber ausbezahlt werden kann. Was ein Musiker allerdings für einen Stream bekommt, beläuft sich lediglich auf Bruchteile eines Cents. Der Chef eines österreichischen Labels erzählt, dass 145 Streams gerade einmal so viel wert seien wie ein Download.
Geldfluss. Doch „auf Dauer werden Streams den Musikern Geld bringen“, verspricht Verus von Plotho, Deezer-Manager für Zentraleuropa. Momentan sehen Künstler, die bei einem Indie-Label unter Vertrag stehen, meist gar kein Geld, weil die geringen Erträge von Marketingkosten aufgefressen werden. Hannes Tschürtz, CEO des österreichischen Musik- und Kulturnetzwerkes „ink music“, kritisiert außerdem, dass die Verwertungsgesellschaften keine klaren Deals kommunizieren und dadurch Kleinlabels und Künstler stark verunsichern würden. Tschürtz fordert deswegen Mitstreiter aus dem Musikgeschäft auf: „Äußert jetzt schon Bedenken und verhandelt hart über die Bezahlung, damit die Zukunft nicht auf tönernen Beinen steht!“
Für Künstler ohne Labelvertrag ist es ungleich schwieriger, bei allen Online-Musikdiensten überhaupt präsent zu sein. Dieses Problem war der Grundstein für die Geschäftsidee von „Rebeat“, einem sogenannten „Digital Content Aggregator“. Das ist ein digitaler Vertrieb, der im Namen seiner Kunden Musikstücke in die verschiedenen Online-Musikdienste einspeist und sich um die Abrechnung mit diesen kümmert. Im Grunde kann jeder seine Musikfiles für eine verhältnismäßig geringe Gebühr von zu Hause aus bei „Rebeat“ einspeisen, die Präsenz auf allen Online-Portalen gestaltet sich somit gleichsam unkompliziert als auch relativ kostengünstig.
Der Verband der österreichischen Musikwirtschaft (IFPI) hat die Streaming-Portale bei ihrem Start jedenfalls mit offenen Armen empfangen. Kein Wunder, denn die hauseigene Studie „Österreichischer Musikmarkt 2011“ weist Streaming-Dienste mit 32 Prozent Wachstum als „Einzelsegment mit den größten Zuwächsen“ aus. Generell werde durch die Abo-Form der Umsatz durch Musik angekurbelt, sagt Verus von Plotho (Deezer): „Der durchschnittliche Kunde kauft im Jahr zwei bis drei CDs und ein paar Tracks. Wenn er im Monat zehn Euro für Streaming zahlt, gibt er im Jahresdurchschnitt mehr für Musik aus.“
Skepsis und Euphorie. Diese Begeisterung teilt Peter Tschmuck, Professor am Institut für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien, nicht: „Man hat eher den Eindruck, dass dieses Geschäftsmodell ein Verlustgeschäft ist. Die Anbieter zahlen relativ hohe Preise für Lizenzen, und es ist sowohl sehr schwierig, mit Werbung hohes Umsatzvolumen zu erzielen, als auch die Konsumenten zu einem Abo zu überreden.“ Tschmuck verweist weiters auf eine von der University of Hertfordshire bereits zum dritten Mal durchgeführte Studie zur Musiknutzung Jugendlicher in Großbritannien. Daraus geht hervor, dass Jugendliche das Bedürfnis haben, Musik zu besitzen. Diese Erkenntnis widerspricht der These, dass dem Horten und Sammeln von Klängen durch Streaming nun ein jähes Ende bereitet werden wird.
„In Schweden, dem Geburtsland von Spotify, sollen sich die Leute auf Partys darum streiten, welche Spotify-Playlist gespielt wird“, erzählt Bernhard Kern, Mitbegründer des österreichischen Labels „siluh records“. Über die Datenbank eines Streaming-Dienstes rund um den Globus gefunden zu werden, sei für eine Indie-Band somit ein relativ kostengünstiges Marketing-Tool. „Es gibt kein größeres Eigentor, als da nicht dabei zu sein. Wenn jemand bei Spotify ,Luise Pop' eingibt, dann muss Luise Pop auch drinnen sein.“ Grundsätzlich befürwortet Kern das Konzept des kommerziellen Streamings: „Musikhörer, darunter viele junge Leute, die auf Gratismusikkonsum konditioniert sind, leisten nun einen kleinen Beitrag. Auch wenn es nur ein winziger Betrag ist, kommt bei uns etwas herein.“
Registrierung und Abonnements
Um als Konsument in das Streaming-Klangbad eintauchen zu können, ist eine kostenlose Anmeldung beim jeweiligen Portal Voraussetzung, bei „Spotify“ und „Deezer“ ist die Nutzung zusätzlich an ein Facebook-Konto gekoppelt. „Deezer“ kann seit Kurzem auch zu einem Handyvertrag von T-Mobile dazugebucht werden. Es gibt Angebote, die gratis (allerdings mit Werbeunterbrechungen) genutzt werden können, die durchschnittlichen Kosten für ein „Premium-Abo“ belaufen sich auf etwa zehn Euro pro Monat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2012)
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