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Design meint es doch nur gut mit uns

22.09.2012 | 18:08 |  von Norbert Philipp (Die Presse)

Wenn die Vienna Design Week kommenden Freitag startet, poppen in der ganzen Stadt die guten Ideen auf. Auch »Social Design« bringt das Festival mit verschiedensten Projekten unter die Leute.

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Die Designer haben doch die Fernsteuerung in der Hand. In ihren Ateliers entwerfen sie Dinge und Konzepte, die später irgendwo weit draußen irgendwelche Effekte haben. Wie gut man sitzt zum Beispiel. Oder wo man es auf keinen Fall länger aushält. Aber im besten Fall, dass die Welt ein bisschen besser wird. Manchmal sind die Steuerhebel, an denen die Designer sitzen, doch mächtiger, als sie selber denken. Denn Designer formen auch viel wichtigere Dinge als das nächste Sofa, sie entscheiden mit, was zwischen den Menschen passiert.

Unter die Klammer „Social Design“ schlüpfen inzwischen süß recycelte Stofftiere genauso wie Konzepte für Energiegewinnung aus Meeresalgen. Berühmte Designer befriedigen mittlerweile oft genauso gern riesige Weltanliegen wie die Bedürfnisse exklusiver Konsumentengruppen. Andere Gestalter hat erst die soziale Konnotation ihrer Arbeit bekannt gemacht. Wie Le van Bo-Mentzel, der Bauanleitungen für 24-Euro-Möbel über das Internet verteilt. Bei der Vienna Design Week, die kommenden Freitag startet, ist der Architekt zu Gast im Wien-Museum. Denn auch das Designfestival versucht die Designaufgaben aus dem klischeebehafteten Hochglanzlack-Image herauszuschälen. Le van Bo-Mentzel wird im Wien-Museum Bauleiter seiner eigenen Entwürfe sein: Etwa für den „Berliner Hocker“ aus der Serie der „Hartz IV“-Möbel. Wenig Geld und wenig Geduld braucht man für ihn. Nach knapp zehn Minuten wird aus einem Holzbrett aus dem Baumarkt ein Objekt, das Stuhl, Kindersessel, Regal oder Beistelltisch sein kann. In einem anderen Workshop leitet der Berliner zu seinem „One-Sqm-House“ an. Ein Do-it-yourself-Projekt mit sozialkritischem Überbau. Schließlich soll es sich als Pop-up-Kiosk genauso eignen wie als Alternative zum Occupy-Zelt. Oder auch als Ausweichquartier für jene, die die Gentrifizierung in den Städten aus ihrer Wohnung treibt. Also das sozial-urbane Phänomen, das der trendige Ruf eines Viertels mitsamt Nebenwirkungen nach sich zieht: steigende Mieten und Menschen, die sich das nicht mehr leisten können. Entlang der Ottakringer Straße, dem diesjährigen Fokus-Grätzel der Vienna Design Week, soll es so etwas Stadt-Wien-offiziell gar nicht geben. Im Gegensatz zu Berlin-Kreuzberg.

Trotzdem stapeln sich in Ottakring auch die Parallelwelten übereinander. Unten Migranten und Studenten. Oben im ausgebauten Dachgeschoß jene, die reich genug sind, um Trends hinterherzueilen. Die Communitys wohnen nebeneinander und sind eifrig damit beschäftigt, einander aus dem Weg zu gehen. So etwas gefällt dem polnischstämmigen Design-Duo „chmara.rosinke“ gar nicht so gut. Deshalb wollen sie die Leute auch gern an einen Tisch zusammensetzen. An einen Esstisch. Mit ihrem Projekt „Mobile Gastfreundschaft“ waren sie bereits in acht Städten unterwegs. Um die Menschen einander im öffentlichen Raum begegnen zu lassen – und am einfachsten geht das beim Essen. Kürzlich haben sie den DMY-Award in Berlin bekommen. Und jetzt macht das Konzept auch bei der Vienna Design Week Station. Wichtiger als die Objekte selbst sind dabei die Reaktionen und Emotionen, die sie auslösen können. „Für die meisten ist der öffentliche Raum ein abstrakter Begriff. Denn einerseits ist jeder dafür verantwortlich, andererseits wiederum niemand“, sagt Designer Maciej Chmara. Und dadurch seien Menschen nur sehr selten im öffentlichen Raum aktiv. Allzu gerne ziehen sie sich in ihre Komfortzonen zurück, die möglichst weit weg von jenen der anderen liegen sollten. Beim Essen auf der Straße jedoch kommen sich Leute näher. „Wir wollten die Leute von einer Idee begeistern, sie zusammenbringen und ihnen den Spaß am öffentlichen Raum kommunizieren.“ Mit Tisch, Hockern, mobiler Küche, Kräutern und mit der Fahrrad- als Wasserpumpe sind Ania Rosinke und Maciej Chmara durch die Städte getingelt. Geerntet haben sie staunende Blicke, wohlwollendes Lächeln und hie und da ein Marmeladeglas. Als Dankeschön für die „öffentliche“ Einladung zum Essen.

Vienna Design Week: Die Highlights des Festivals

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Stadtarbeit. Die Vienna Design Week schickt Designer zu Schauplätzen, auf die sonst kaum jemand schaut. „Stadtarbeit“ heißt das Format, bei dem Echo und gesellschaftlicher Nachhall die geplanten Effekte sind, nicht die „Wow, wie schön“-Seufzer des Publikums. „Die Vienna Design Week hat generell den Anspruch, Design in seiner Vielfalt zu präsentieren“, sagt Tulga Beyerle; gemeinsam mit Lilli Hollein leitet sie das Festival. Also auch die „Emanzipation des Designs“, die sie wahrnimmt: „Vom kommerziell agierenden Dienstleister hin zum Gestalter, der Verantwortung und Aufgaben übernimmt, die über die gegenständliche Produktion hinausgehen.“

Und wenn doch „gegenständliche Produktion“, dann sollen die Dinge möglichst lange nicht zu Müll werden. Das meint auch das österreichische Designer-Duo „mathak + mahlknecht“. Magdalena Akantisz studierte Grafikdesign, jetzt Industriedesign. Für ihre Diplomarbeit hat sie einen Blog installiert: www.weupcycle.com. Das Konzept sah vor: 30 Tage lang 30 Dinge, gebastelt aus Wegwerfmaterialien, vorzustellen – Ideen von Designern und Nicht-Designern. „Und dann sagten wir: Für jeden weiteren Beitrag von Leuten verlängern wir um einen Tag das Projekt“, erzählt Akantisz. Inzwischen hält man bei Tag 525. Eine Ringmappe als Putzlappentrockner, Taschen aus Luftmatratzen – das waren die letzten Ideen.

Und nun ist die „geplante Obsoleszenz“ bei der Vienna Design Week das Thema von Akantisz und Peter Mahlknecht. Ein Film, ein Vortrag, eine Diskussion und ihre Installation sollen zeigen, wie vorhersehbar schnell die Dinge altern. Weil die Industrie sie manipuliert. Bei ihrer „Installation mit Ablaufdatum“ gehe jeden Tag etwas zu Bruch, garantiert Akantisz. „Wir wollen mit dem Projekt nicht die Industrie anprangern, sondern zum Nachdenken anregen.“

Vienna Design Week

Designfestival
Die Vienna Design Week findet von 28.9. bis 7.10. statt. Der Fokusbezirk liegt in diesem Jahr rund um die Ottakringer Straße. Mehr Infos unter www.viennadesignweek.at

Mobile Gastfreundschaft
„Räumliche Geschichtenerzähler – eine Intervention“. Vom Designerduo Chmara.Rosinke. Von 28.9. bis 7.10. im Depot KlausEngelhorn in der Abelegasse 10, 1160 Wien.

Mathak + Mahlknecht präsentieren in der Maschinenhalle Bock, Ottakringerstraße 68, ihre „Installation mit Ablaufdatum“. Sowie Film und Vortrag zum Thema „geplanteObsoleszenz“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2012)

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