Jan Chipchase: Evolutionsforscher des Handys

Der Usability-Forscher Jan Chipchase über die Kommunikationswelt von morgen, allgegenwärtige Displays, und wie unsichtbare Handys als Statussymbol dienen können.

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Smartphones – (c) REUTERS (TONY GENTILE)

Welche „Job Description“ würde Ihrer Tätigkeit am ehesten entsprechen?

Jan Chipchase: Ich bin weder Designer noch Anthropologe. Am ehesten ein Forscher, wenn auch kein guter – nach akademischen Maßstäben. Meine Tätigkeit – ich mache qualitative Studien, beobachte Leute, befrage sie, gehe in deren Häuser – ist zwischen den etablierten Fachgebieten angesiedelt. Ich denke, wenn wir versuchen zu verstehen, was Leute tun wollen und welche Produkte und Services wir für sie kreieren sollen, erfinden wir damit auch unsere Jobs neu.

 

Während Ihrer Zeit bei Nokia, gab es da ein besonders erfolgreiches Projekt?

Vor einigen Jahren wurde uns die Frage gestellt: Soll Nokia ein Handy für Analphabeten bauen? Die Antwort war: Nein. Unter anderem, weil Sondermodelle teuer sind und Analphabeten nicht zu den kaufkräftigen Schichten zählen. Auch gibt es „proximate literacy“ – Analphabeten haben typischerweise in ihrem Umfeld jemanden, der Lesen und Schreiben kann und ihnen hilft. Aber wir haben das User-Interface angepasst. Das war ein großer Erfolg, es wurden hunderte Millionen Stück verkauft. Das illustriert einen wichtigen Punkt: Was nicht gemacht wurde, kann genauso interessant sein wie etwas, das gemacht wurde. Besonders in der Technikwelt findet alles, was hergestellt wurde, Beachtung, selbst schlechte, erfolglose Produkte. Aber wir schätzen nicht, was nicht realisiert wurde – und damit Ressourcen für anderes freigesetzt hat. Das heißt übrigens nicht, dass die Antwort von damals – vor etwa fünf Jahren – heute noch gültig ist. Smartphones, die auch in Schwellenländern populär werden, bieten mit ihren direkteren Interaktionsmöglichkeiten große Chancen.

 

Unabhängig von den Kosten – wäre ein Smartphone heute für alle das ideale Gerät?

Die Kosten außer Acht lassen – das kann man selten – das ist schon Teil der Antwort. Ein Aspekt ist die Größe. Wenn es groß genug ist, kann man es auf den Tisch legen. Man sieht Nachrichten und man erkennt die Marke. Wenn es jede Form oder Größe haben kann, gibt es weniger für das Auge, weniger zu bewundern. Aber als Menschen wollen wir unsere Persönlichkeit und was uns wichtig ist präsentieren – wenn wir zeigen wollen, dass Geld uns wichtig ist, geht das nicht mit einem winzigen Knopf im Ohr. Es gibt also nicht ein Handy für jeden. Aber wenn man alle Funktionen auseinandernimmt und neu arrangiert, könnte man einzelne, etwa Sprachkommunikation, herausnehmen, weil es dafür bessere Möglichkeiten gibt.

 

Werde ich mein Smartphone in fünf bis zehn Jahren noch sehen? Wird es in der Kleidung oder unter der Haut verborgen sein?

Das weiß natürlich keiner. Was unter die Haut eingepflanzte Geräte angeht, wird möglicherweise die Akzeptanz durch medizinische Anwendungen wachsen. Dagegen spricht die Kurzlebigkeit von Handys. Für weniger extreme Möglichkeiten ist meine Messlatte, dass es bequem genug sein muss, um es als erstes in der Früh anzulegen und am Abend abzulegen. Die Analogie wäre eine Armbanduhr – nicht die Form, aber die Art, wie sie getragen wurde, als Armbanduhren noch als Zeitmesser dienten. Ich denke, es wird eine Reihe von Miniaturgeräten, etwa im Ohr, geben.

 

Ein Smartphone ist auch Statussymbol . . .

Selbstverständlich. Aber Status kann mit dem Objekt verknüpft sein oder mit den Services, die das Objekt ermöglicht. Stellen Sie sich vor, Sie hören in der Straßenbahn mit, dass jemand ein Service nutzt, und dazu den Namen „Bernie“ verwendet. Sie hören dann in der Straßenbahn.: „Bernie, bestell mir die Tickets“. Menschen sind sehr einfallsreich, wenn es darum geht, Status zu kommunizieren. Das bringt mich zu der spannenden Frage nach Tabus. Warum ist das nicht akzeptabel (legt Geld auf den Tisch), das aber schon (legt ein teures Handy auf den Tisch)? Wenn man Services entwickelt, muss man darauf achten, dass sie ihren Zweck erfüllen und sich der Nutzer damit darstellen kann, in einer sozial verträglichen Form. Bei jeder neuen Technologie lernen wir auch, was angemessenes Verhalten ist. Zum Beispiel wenn ich in stiller Umgebung mit einem Headset spreche, halte ich die Hand vor den Mund. Das macht es leiser, vor allem signalisiere ich aber auch, dass ich nicht stören will. Fragt sich, welche Verhaltensweisen sich bei Datenbrillen oder ähnlichen Geräten einbürgern.

Zu Beginn der Handy-Ära war öffentliches Telefonieren als Angeberei gebrandmarkt...

Denken Sie an den Walkman. Erstmals haben sich Leute in der Öffentlichkeit abgeschottet. Was tat Sony? Sie engagierten Models, die mit Walkmans durch die Straßen liefen. Ähnlich ist es mit immer neuen Technologien: Man muss die Leute vorbereiten, sie dafür interessieren – das gilt für Facebook, für Werbung, einfach für alles.

 

Was ist das „Next Big Thing“?

Wenn etwa das Smartphone in der Lage ist, automatisch Gespräche aufzuzeichnen und Informationen wie etwa Adressen zu extrahieren oder selbst zu ergänzen. Wir verstehen heute gerade genug von sogenannten „kontextbasierten“ Systemen, um zu erkennen, dass so etwas nützlich sein könnte. Ein anderer Punkt ist: Stellen Sie sich vor, jede Fläche wird ein Display mit dynamischen Informationen. Wenn man die Zukunft sehen will, muss man nur nach Südkorea. Dort sieht man in jedem Shop zehn Displays. Mehr noch, in alle Flächen, die als „Fenster zur Welt“ dienen – seien es tatsächlich Fenster, Brillen, was auch immer – können Informationen eingeblendet werden. Ich sage nicht, dass jedes Fenster in Zukunft superdynamisch sein wird. Aber die Form passt, und technologisch wie auch preislich passt es auch. In Südkorea sieht man hierfür etliche Beispiele. Erste Ansätze sind etwa auch „Google Glasses“. Wir haben in Tokio Schauspieler mit Videobrillen ausgeschickt – die haben natürlich noch nicht funktioniert – um verschiedene Nutzungsszenarien zu simulieren. Die Schauspieler fühlten sich ziemlich unwohl, aber die Leute rundherum nahmen überraschenderweise kaum Notiz. Diese Technologie stört die Umgebung viel weniger als erwartet.

Eine Frage, die Sie hassen werden: Wie wird – sagen wir mal – das iPhone 11 aussehen?

Sie haben recht (lacht). Das beantworte ich nicht, sondern stelle die Gegenfrage: Warum ist das wichtig? Unsere Vorstellungen der Zukunft sind sehr unterschiedlich, und diese Frage bezieht sich auf einen bestimmten Blickwinkel. Die spannendere Frage wäre: Welche Services nutzen Sie heute, die Sie vor fünf Jahren noch nicht genutzt haben?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)

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