Während wir uns unterhalten, fiebert die „Fashion Community“ zu Hause vor ihren Rechnern mit und verfolgt etwa den Livestream der Modeschau von Louis Vuitton in Paris. Sind Sie für dergleichen auch zu haben?
Elke Gaugele: Auf jeden Fall. Das Feld der Gegenwartsmode ist wesentlicher Bestandteil meiner Interessen und Forschungsgegenstand im Fachbereich „Moden und Styles“ an der Bildenden. Die Soziologin Monika Titton wird im Rahmen unseres Symposions „Aesthetic Politics in Fashion“ sogar über Louis Vuitton und die Künstlerkooperationen der Marke sprechen. Einfach nur kostümhistorische Themen abzudreschen interessiert mich und meine Dissertantinnengruppe nicht.
Birgt die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Geschehen in einem obendrein schnelllebigen Gebiet wie der Mode nicht die Gefahr, keine „abschließenden“ wissenschaftlichen Aussagen treffen zu können?
Diese Annahme möchte ich entkräften. Denn zum einen hat Mode eine Geschichte, eine Ökonomie und eine konkrete ästhetische Qualität, die kontextualisierbar sind. Und, wie schon Walter Benjamin sagte, ist die Mode auch antizipativ. Wenn ich sie also interpretieren kann, kann ich sowohl über die Zukunft wie die Gegenwart oder die Geschichte Aussagen treffen.
Spielt Modejournalismus eine Rolle in der diskursiven Aufwertung von Mode?
Das denke ich schon, denn jede Kunstkritik trägt ja auch zur Aufwertung des Diskurses über Kunst bei. Trotzdem haben sich unterschiedliche Traditionen herausgebildet, denn das kunstwissenschaftlich basierte Schreiben über Kunst unterscheidet sich fundamental von einem Modejournalismus, der primär ein „Image“ transportiert. Traditionell bleibt das Schreiben über Mode üblicherweise einem affirmativ-beschreibenden Modus verhaftet, anders als das in der Literatur oder der Kunst der Fall ist.
Gibt es im deutschsprachigen Raum eine größere Skepsis gegenüber der Popkultur im Allgemeinen und der Mode im Besonderen als im angelsächsischen?
Auf jeden Fall hat im angelsächsischen Raum die Entwicklung der „Cultural Studies“ früher zu einer Öffnung der Wissenschaften beigetragen. In manchen Richtungen, etwa der Empirischen Kulturwissenschaft oder der Volkskunde, gibt es die Auseinandersetzung mit Alltagsgegenständen schon länger. Durch Georg Simmel war Mode zwar auch in der Soziologie schon seit Langem ein Forschungsgegenstand, sonst gab es aber wenige Wissenschaften, in denen sie eine Rolle spielen durfte.
Außer natürlich der Kostümkunde?
Das schon, doch die Kostümkunde war ursprünglich eine Hilfswissenschaft im Kontext der angewandten Kunstproduktion. Man brauchte die Expertise beim Entwerfen historischer Bühnenkostüme, beziehungsweise habe ich herausgefunden, dass die erste Professur für Kostümgeschichte in Wien gar nicht an der Angewandten eingerichtet wurde, sondern an der Akademie: So brauchten Historienmaler kostümkundliches Wissen, um zu wissen, wie sie die Figuren in historistischen Gemälden ausstatten sollten.
Sie haben eben Georg Simmel erwähnt: Seine Vorreiterrolle für die Modekritik im 20.Jahrhundert ist bekannt; allerdings gibt er sich auch skeptisch gegenüber seinem Gegenstand, den er als destruktiv und aggressiv skizziert. Ist diese nicht ganz affirmative Haltung am Ende charakteristisch für die Einstellung des akademischen Establishments zur Mode?
Simmel sagt ja sehr wohl auch, dass Mode individuelle Freiheit und gesellschaftliche Erweiterungsspielräume bietet. So negativ war er also gar nicht. Andererseits waren alle Kulturwissenschaften, die sich um die Jahrhundertwende ausgeprägt haben, als Kritik angelegt. Schon um dem Grundgefühl des ausgehenden 19. Jahrhunderts Rechnung zu tragen, dass sich die Kultur in Auflösung befinde. Später wurde die Alltags- und Populärkultur weitestgehend als Kulturindustrie angesehen und darum von der Wissenschaft ignoriert.
Die Rezeption der „Cultural Studies“ tut hier neue Sichtweisen auf?
Weitgehend. Am Institut für Kulturanthropologie des Textilen in Dortmund wird bereits aus kulturwissenschaftlicher Perspektive über Mode geforscht, und es gibt einzelne Lehrstühle, die aufgrund der Interessenlage der Verantwortlichen einen Modeschwerpunkt aufweisen: Das ist der Fall bei Barbara Vinken an der Münchner Romanistik oder der in Potsdam lehrenden Komparatistin Gertrud Lehnert. Mit meiner Dissertantinnengruppe möchte ich auch in Wien diese Art der Forschung verankern.
Und diese neue Generation von Modeexperten soll später wieder Eingang in das System der Modeproduktion finden?
Wir hoffen es. Man kennt die Arbeiten von Jakob Lena Knebl und Markus Hausleitner, die sich als Kunstpraxis aus der „Conceptual Fashion“ entwickeln. Auf Universitätsebene ist vorstellbar, durch Projektanträge für Dissertantenstellen einen Sonderforschungsbereich einzurichten und so Stellen zu schaffen. Andererseits könnte auch die Industrie an der Förderung von kulturwissenschaftlicher Forschung über Mode interessiert sein: Neulich habe ich Adidas in Herzogenaurach besucht, wo gerade ein Firmenmuseum mit eigenem Archiv aufgebaut wird. Dort werden also zum Beispiel dringend kompetente Fachleute gesucht, das ist ein mögliches Einsatzgebiet für Absolventen.
Können solche Fachleute auch dazu beitragen, dass sich in Wien ein insgesamt größeres Bewusstsein für die Bedeutung von Mode als kulturellem Phänomen ausbildet?
Ich würde es mir auf jeden Fall wünschen, und eine gewisse Breitenwirksamkeit ist auch das Anliegen, das wir mit unserer Podiumsdiskussion im Depot und dem Symposion des Fachbereichs erreichen wollen. Schon allein, um herauszufinden, welche Themen für eine anspruchsvolle, aber potenziell breitenwirksame Auseinandersetzung mit Mode interessant sein können.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)
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