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Die ganze Stadt als kreatives Forschungsfeld

13.10.2012 | 18:18 |  von Norbert Philipp (Die Presse)

St. Pölten soll Modellstadt werden. Und das Biotop einer »neuen ästhetischen Intelligenz«, das wünscht sich der Rektor der New Design University, Stephan Schmidt-Wulffen, im Interview mit der »Presse am Sonntag«.

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St. Pölten und eine Kreativuniversität. Wie passt denn das zusammen? Fehlen da nicht Infrastruktur und Milieu, die Innovationen überhaupt erst ermöglichen?

Stephan Schmidt-Wulffen: Wir nennen uns „New Design University St. Pölten“. Wir spielen den Standort offen aus. Wir sind nicht fatalerweise in St. Pölten gelandet. Sondern zum Glück. Denn diese Stadt steht exemplarisch für eine Vielzahl von Städten in einer vergleichbaren urbanistischen Situationen.

Das heißt, St. Pölten fungiert als Modellstadt, für die eine „New Design University“ (NDU) etwas tun kann?

St. Pölten ist ja eine amputierte Stadt. Die Industrie, wie etwa die Glanzstoff-Fabrik, hat St. Pölten früher zu einem florierenden Standort gemacht. Heute reden alle von den globalisierten Städten wie New York, London und Shanghai. Doch wir wollen uns bewusst mit der europäischen Klein- und Mittelstadt auseinandersetzen, die geprägt ist von zerstörter Infrastruktur, leeren Geschäftsflächen, zersiedelter Peripherie. St. Pölten muss man als kulturelles Phänomen am Ende des klassischen Industriekapitalismus wahr- und ernst nehmen. Und dabei ist doch die Frage hochinteressant, wie sich eine ästhetische Intelligenz in einer „Krisengesellschaft“ zu Wort meldet. Und das ist für unsere Universität eine entscheidende Herausforderung. Da bin ich lieber in einer Stadt, in der die Krise manifest ist, als neben der Angewandten in irgendeinem Stadtpalais zu residieren. Hier in St. Pölten kann ich viele Asse ausspielen.

 

Womit könnte die NDU einen Stich machen? Mit dem Leerstand?

Eines unserer studentischen Projekte hat sich ja damit beschäftigt. Es wurde eine Uni entworfen, die Zentrum und Verwaltung in einem ehemaligen Autohaus hat. Und die per App die Studierenden über die leeren Liegenschaften verteilt. In Wien macht man sich über solche Dinge keine Gedanken. Wenn wir der Katastrophe sozusagen original gegenüberstehen, haben wir da unglaubliche Ressourcen. Und jetzt sehen Sie sich die Glanzstoff-Fabrik an (siehe Bericht unten). Diese unglaublichen Räumlichkeiten, die der Eigentümer, Cornelius Grupp, für uns renovieren ließ. Und in die wir gerade einziehen.

 

Dort, in der „Glanzstoff“, eröffnen Sie kommenden Mittwoch eine Dependance mit zwei Studiengängen. Warum bleibt die NDU überhaupt am anderen Ende der Stadt an der südlichen Peripherie?

Wir stärken in der „Glanzstoff“, wir nennen sie „NDU-Fabrik“, ein Stück gewachsener Identität. Ein Neubau für 30 Millionen Euro kommt dorthin, wo die Wirtschaftskammer, das Wifi und die NDU schon sind. Sie dürfen nicht vergessen, die NDU ist ein Spin-off des Wifi, somit der Wirtschaftskammer. Aber wir beobachten, wie sich unsere „NDU-Fabrik“ entwickelt und werden nicht unglücklich sein, in einem sich zukünftig entwickelnden Stadtteil den Fuß in der Tür zu haben.

 

Wohin wollen Sie sich, wenn nicht örtlich, mit der NDU bewegen?

Wir wollen, so steht es auch in unserem Entwicklungsplan, zu den großen Playern unter den Designuniversitäten gehören. Jetzt haben wir 311 Studierende. In ein paar Jahren sollen es 800 sein. Eine Entwicklung, für die man normalerweise 15 Jahre braucht, wollen wir in sechs machen. Solange läuft mein Vertrag.

 

Wie kann das gelingen?

Dazu braucht man natürlich Katalysatoren, also Dinge, die den Entwicklungsprozess beschleunigen. Eine davon ist die urbane Situation. Internationale akademische Partner interessieren sich bereits für uns. Denn wir bieten eine praxisorientierte Perspektive. In verschieden thematisierten Forschungsaufgaben wollen wir untersuchen, wie sich die europäische Mittelstadt eine Zukunft schaffen kann. Mit Konzepten, die vor der Haustür verwirklicht werden. Das ist eine Utopie, auf die ich zähle.

 

Und auch das Areal der ehemaligen Glanzstoff-Fabrik könnte so ein Katalysator sein?

Sicherlich. Wenn Sie sie je gesehen haben, wissen Sie genau, was ich meine.

 

Freiräume hätte St. Pölten zuhauf. Was sie nicht hat, ist das Milieu, das Kreative anzieht.

Mein Lieblingsbeispiel war immer: Was meinen Sie, was Dessau war, bevor Gropius mit dem Bauhaus dort hingezogen ist? Dort ist es nicht viel anders gewesen. Irgendwann waren dann jene Leute dort, von denen wir heute noch schwärmen. Das war ein geistiges Biotop, das stark genug war, um Leute und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

 

Welche Rolle übernimmt der Eigentümer Cornelius Grupp bei Ihren Bestrebungen? Die Stadt sperrt seine Fabrik zu. Und er revanchiert sich mit „Social Responsibility“?

Herr Grupp ist kulturell sehr engagiert, ist Kunstsammler, aber auch Kaufmann. Die Geste gegenüber der NDU ist eine mäzenatische, aber natürlich geht es auch um Investment, das gewinnträchtig sein kann. Die NDU zeigt eine Nachnutzungsoption für die „Glanzstoff“. Wenn wir hier einen exemplarischen Stadtteil entwickeln, mit Unterstützung von Stadt, Land und Bund, dann ist das nicht nur für die Stadt interessant, sondern auch für den Eigentümer. Es ist ein komplexes Bündel von Interessen. Aber ich glaube, dass Herr Grupp auch die Chance sieht, etwas sozial und kulturell Relevantes zu schaffen.

 

Diese urbanistische Perspektive, die Sie ansprechen, impliziert ja eine neue Zukunftsanforderung für die Designer – das systemische Denken.

Natürlich, wir wollen uns an ein völlig neues Verständnis davon heranpirschen, wie unsere Imagination und unsere Vernunft funktionieren. Wir verabschieden uns von einem rationalen Verständnis der Wissensproduktion, das hat natürlich viel mit Vernetzung und Computer zu tun. Unsere Aktivitäten folgen dem Modell einer anderen Vernunft. Und in dieser Vorstellung ist auch das Design ein anderes. Etwa ist die Arbeitsteilung zwischen Ingenieur und Designer obsolet. In eine solche Ausbildungslücke wollen wir hinein. Genauso möchten wir den Sprung zum Social Design vollziehen, hin zu einem neuen Verständnis von Management und Unternehmertum. Das ästhetische Gestalten soll ihre Basis werden. Manager werden dabei als „Social Designer“ begriffen. Mit anderen Worten: Wir möchten die Universität einer neuen ästhetischen Intelligenz sein.

 

Sie möchten also zusammenführen, was Förderprogramme wie Departure versuchen: Gestaltung und Unternehmertum?

Nicht ganz, ich versuche aus Unternehmern Gestalter zu machen. Denn die Unternehmen stehen vor der Tatsache, dass das Unwahrscheinliche und das Undenkbare das Feld ist, auf dem sie operieren werden müssen. Dafür brauchen wir eine andere Vernunft eines Menschen, der sich in die Zukunft streckt und auch einen Entwurf dafür abliefert. Anstatt alles aus der Vergangenheit ableiten zu wollen.

Stephan Schmid Wulffen wurde 1951 in Witten an der Ruhr geboren. Von 2002 bis 2011 war er Rektor der Akademie der bildenden Künste in Wien. Seit Herbst 2011 ist er Rektor an der „New Design University St. Pölten“, der Privatuniversität der Kreativwirtschaft, die initiiert und finanziert wird von der Wirtschaftskammer Niederösterreich.

Am 17. Oktober eröffnet die New Design University in St. Pölten ihre neuen Arbeits- und Projekträumlichkeiten in der ehemaligen Glanzstoff-Fabrik. Gleichzeitig werden die Diplome verliehen. Ab 16. 30 Uhr in der Herzogenburger Straße 69, 3100 St. Pölten (Areal Glanzstoffwerke).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)

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