Tonnen an Schnee füllen die Leinwand, Gipfelreihen bis ins Unendliche. Zwischen treibenden Beats hört man Funksprüche. Dann Zoom auf den Grat – die bunten Punkte über dem senkrechten Abhang beginnen zu wachsen: Skifahrer. Vor ihnen tut sich steilstes Gelände auf, von Felsen durchsetzt, von Rinnen durchzogen. Überall könnten Lawinen abgehen. Und dann sitzt der erste Turn, spritzen Schneefontänen. Gleich ist der erste Fels erreicht, er wird nicht umfahren, sondern übersprungen. Noch ein paar Turns, Jumps, akrobatische Einlagen. An keiner Stelle scheint Ungewissheit aufzukommen, wie die Route durch dieses „Face“ weitergeht. Ausgiebig hat die Truppe die Varianten im Gelände studiert. Ohnedies existieren kaum Hindernisse für jene, die so viel Mut besitzen, diese mit einem Sprung zu überwinden und so fließend in den „Ride“ einzubauen, als wäre es Teil einer Choreografie.
Der Stoff Schnee. Skifilme bestehen oft aus solchen Bildern – große Naturkulisse, waghalsige Fahrten. Dazwischen kommen Extremsportler vor die Kamera, die ihren Ride beschreiben, über den Powder schwärmen, vor Lawinen warnen. „Das bringen wir auch. Aber es geht nicht darum, einen Sprung nach dem anderen zu zeigen, sondern Einblick zu geben, wie alles entsteht und wer die Leute sind. Wir zeigen vor allem österreichische Produktionen, eher Low Budget, aber hochprofessionell“, erklärt Volker Hölzl, der im Wiener WUK sein drittes „Freeride Filmfestival“ veranstaltet und hochtechnisierte Inszenierungen von und im Schnee kritisch sieht. Vieles, was man am 14. und 15. November vor Augen bekommt, ist dokumentarisch, selten werden Szenen in eine fiktive Handlung verpackt. Im Schneegestöber der dramaturgischen Parallelfahrten gilt es, sich immer deutlicher zu unterscheiden: „Man soll den philosophischen Aspekt des Handelns des Athleten verstehen. Nur gute Actionfilme zu machen, ist zu wenig“, meint auch Harry Putz, Filmer und Snowboarder, der gemeinsam mit dem Freeride-Worldtour-Fahrer Flo Orley in Innsbruck ein Festival etabliert hat.
Seit heuer veranstalten sie mit Hölzl gemeinsam eine Freeride-Filmtournee mit Stopps in Innsbruck, Hamburg, Wien und Warschau. „Ich führe mit den Ridern im Hintergrund sehr lange Interviews, das fließt dann in den Film ein, es kann sich daraus auch die Story ergeben“, sagt Putz, der lange selbst als Darsteller agierte. Sein Weg ist nicht untypisch. Als Rider ist man gewohnt, „das Leben crosszufinanzieren, Sponsorverträge zu haben und für Hersteller zu fahren“. Die moderne Technik motiviere zum Selbstexperimentieren. Heute haben Darsteller und Filmer in Personalunion neue Möglichkeiten: „Man kann mit der Helmkamera oder kleinen Cams schon so viel erreichen, wie früher eine große Kinoproduktion“, sagt Hölzl.
Big Mountains. Oft verschlingen Skifilme schon wegen der schweren Zugänglichkeit des Terrains große Budgets – aufsehenerregende internationale Produktionen wie „The Art of Flight“, „All I Can“ oder der jährliche Warren-Miller-Film entstehen nicht nur in den Rocky Mountains, den Alpen und Alaska, sondern auch in Patagonien, Marokko oder Japan. Zudem werden diese mit extrem hohem technischem und ästhetischem Aufwand gedreht. Stehzeiten können schlankere Produktionstruppen Geld und Nerven kosten. Für „Hike to Ride“ hatte Putz den Idealfall – vier Drehtage auf einer Hütte am Arlberg, jeden Tag konnten sie die Touren filmen. Was aber, wenn sich das lang erwartete Wetterfenster genau dann auftut, wann nicht alle Zeit haben? „Schon die Organisation ist sehr aufwendig“, sagt Putz. Selbst wenn die Szene in die Filmerei involviert ist (mit Größen wie Matthias „Hauni“ Haunholder, Matthias Mayr, Flo Orley oder Mitch Tölderer) – und ein Winter so schneereich ist wie der vergangene.
Mut und Risiko. Die Gefahr, so sehr man sie auch einzugrenzen versucht, ist latent. Der Tiroler etwa geriet auf einer eisigen Steilwand am Mönch in eine höchst kritische Situation, er war auch einmal dabei, Verschüttete auszugraben – das bewog Putz, mit dem Fahren am Limit aufzuhören. „Je näher man an die Grenze geht, desto mehr spürt man sich“, spricht er die fatale Eigendynamik an, die Kritiker den Extremsportfilmen gern entgegenhalten. „Es gibt schon Filme, die vieles verharmlosen. Sie zeigen unreflektiert sehr gefährliche Szenen.“ Mitunter käme es nur auf den Schnitt an, losgetretene Lawinen zwischen den Rides könnte man missinterpretieren.
Wie notwendig die Diskussion über die Bedingungen ist, zeigt sich in der Festivalpraxis. Auch heuer kommen etliche bekannte Fahrer auf die Bühne. „Es gibt Gespräche über die Filme, die moderiert werden. Wir versuchen, das Publikum stark miteinzubinden“, sagt Hölzl, der über das Interesse in Wien immer wieder erstaunt ist. Am Start seiner Initiative vor zwei Jahren kamen 500 Leute ins WUK, vergangenes Jahr 600 gegen Eintritt. Gut angenommen werden auch Fortbildungen, daher gibt es einen Lawinenpieps-Workshop. Nur eines entschied Hölzl nicht mehr zu zeigen: klassischen Freeski-Stoff, weil das innerhalb des Genres zu weit führen würde. „Die Funparks, die Snowparks, die Halfpipes lassen wir aus, das sind wir nicht. Freeriden – das ist einfach Skifahren im Gelände.“
www.freeridefilmfestival.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2012)
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