Handwerk: Sesseltick und Sammelstück

Vintage kaufen, reparieren und redesignen: Leidenschaftliche Sesselsammlerin verbindet in kleiner Wiener Werkstatt traditionelles Handwerk mit neuem Gestaltungswillen.

Sesseltick Sammelstueck
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Sesseltick Sammelstueck
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Als sie das letzte Mal das Messer ansetzte, machte Maria Preschern-Hauptmann eine ungewöhnliche Entdeckung: Ein uralter Blutfleck befand sich auf der Originalpolsterung der Rückenlehne eines historischen Möbelstücks. „Fast so, als wäre der Sitzende von einem Dolch...“ lässt sie die Fantasie spielen.

Meist bringen die archäologischen beziehungsweise chirurgischen Arbeiten beim Reparieren und Renovieren von Sesseln nur Zeugnisse früherer Handwerkskunst zutage. „Die Polsterung lässt Rückschlüsse auf das wahre Alter zu“, sagt sie und zeigt auf ein voluminöseres Stück aus dem Spätbiedermeier, das sich geschickt als Barocknachbau tarnt. „Der ist schon öfter neu gepolstert worden. Für jede Schicht kann man in etwa 20 bis 30Jahre rechnen. Dazu kommen die Wurmlöcher im Rahmen, wenn man den späteren Anstrich abträgt. Und die Art der Federn ist natürlich auch aufschlussreich. Diese Springfedern zum Beispiel gibt es erst seit dem Spätbiedermeier“, sagt sie.

Schon immer verwendete man sogenanntes Afrique, um den Polster aufzubauen. „Afrique ist ein Palmgras. Das Material gibt es schon seit hunderten Jahren, es springt immer wieder auf, ist unzerstörbar und schädlingsresistent. Es gibt über 150 Jahre alte Sessel, in denen alles noch komplett in Ordnung ist.“ Im Gegensatz zu Schaumstoff, mit dem moderne, billigere Möbel oft aufgebaut sind. „Er kann brechen, das sieht dann nicht gut aus.“

Hochwertige Polstermöbel bergen in ihrem Inneren heute nach wie vor Federn, die mehrfach miteinander verknüpft sind, und Gurte, an die sie angenäht sind. Man verwendet auch „rubberized hair“, Kokosmatten mit Latex, wenn Stücke mit möglichst natürlichen Materialien ausgestattet werden sollen. Zudem stecken in einem Qualitätssessel auch mehrere Lagen Baumwollvlies und Jute, bevor sich ein Stoffbezug mit extrem hohen Scheuertouren – das Kriterium für die Haltbarkeit – darüberspannt.

Ob genagelt oder getackert wird, ist Ansichtssache, aber „Tackern bei Stücken, die vor dem 20. Jahrhundert hergestellt sind, das geht gar nicht“, meint Preschern-Hauptmann.

In ihrer Ladenwerkstatt in einer Seitengasse an der Grenze von Ottakring und Hernals türmen sich Sessel und Stühle aus ganz unterschiedlichen Epochen und in unterschiedlichen „Repair“-Stadien. Es sind Stücke, die in den Sechzigern vielleicht in großen Besprechungsräumen standen, oder Stuhlrahmen mit halb intakter Flechtung, Ohrensessel mit noch zu überdenkendem Bezug, Art-déco-Teile und Oma-Möbel bereits in neuer Optik. Dazwischen strecken Fifties-Stühle mit futuristischen Kunststoffbezügen ihre Beine im Regal von sich. Überziehen will die Betreiberin von „chair repair“ die Retrostücke nicht, denn solchen Designs begegnet man nur mehr selten. Auch wenn sich in den kiloschweren Stoffmusterbüchern einiges finden würde, was gegenwärtig zum Geist der Fünfzigerjahre passt. Doch genauso könnte man sich einen Kontrast vorstellen – etwa einen Bezug mit Rapports, die Szenen aus dem Landleben der Romantik zeigen. Und die Säume versteckt hinter Posamenten – Borten, Bommeln, Quasten.


Very british. Regelmäßig fährt Preschern-Hauptmann nach Wales, um an Werkstücken mit neuen Techniken zu experimentieren. Grundsätzlich hat die Tradition der Möbelrenovierung sowie „Upholstery“ in Großbritannien eine größere Verbreitung als hierzulande. Abgesehen von den bekannten Polstermöbelherstellern, die mit der Produktion von Designklassikern und neuen Entwürfen international bekannt sind, konzentrieren sich in Österreich nur mehr ein paar handverlesene Betriebe auf das Möbeltapezieren – mehr oder weniger im Zusammenhang mit der Raumausstattung, mit Maler-, Tapezierer- und Bodenverlegearbeiten. Die Tendenz in unseren Breiten, ältere Möbel eher gegen neue auszutauschen, anstatt reparieren oder neu gestalten zu lassen, habe eine einst florierende Branche geschrumpft: „In England scheint man eine andere Haltung gegenüber alten Möbeln zu haben. In vielen Haushalten gibt es den typischen Ohrensessel. Man trennt sich nicht so schnell von alten Stücken, sondern lässt sie eher herrichten.“

Vintage zu kaufen, zu reparieren und neu zu designen verfolgt „chair repair“ in gleichem Maße, dort arbeitet Preschern-Hauptmann Stuhl um Sessel auf, die sie in vielen Jahren zusammengetragen hat. Anders als Sammler, die den Markt nach Stücken mehr oder weniger namhafter Designer durchforsten, setzt die gebürtige Kärntnerin auf „den gut gemachten Stuhl aus den 1950er-Jahren, das gute Tischlerstück“. Also das anonyme Objekt aus hochwertigem Holz und vielversprechendem Innenleben, das beim Altwarenhändler oder später in einer Online-Auktion auftaucht. So kann es vorkommen, dass schon einmal ein Josef-Frank-Stuhl in ihren Händen landet. Mitunter profitiere man von dem Desinteresse der Vorbesitzer: „Da bekommt man Stühle, auf deren Unterseite der Thonet-Schriftzug oder die Plakette des Herstellers übermalt wurden, weil es den Besitzer offenbar gestört hat – oder ihm egal war.“ Es dauert einige Zeit, dann vom Rahmen den Lack wegzunehmen, zu schleifen und zu lasieren, verletztes Furnier durch passendes zu ersetzen.

Das Alte sucht das Neue: Eine aktuelle Kollektion befindet sich in Arbeit – es sollen Redesigns von Modellsesseln folgen: Entwurfsideen von anonymen Fünfziger- und Sechzigerjahre-Sesseln werden aufgegriffen und überarbeitet. Limitiert auf ein paar Stück, aber mit der Gelegenheit zur Variation in puncto Bezüge, Blenden, Borten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2012)

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