Ein Netz aus Identität

Orientierungssysteme in Städten und Regionen können viel mehr, als Menschen den Weg zu weisen. Als "stille Begleiter" laden sie zum Verweilen ein oder erzählen Geschichten.

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(c) Wodicka (Wodicka)

Verirrt, verwirrt, im Dunkel tappend. Fast jeder ist wohl schon einmal in die falsche Richtung oder gar im Kreis gegangen. Hat man in einer Stadt dadurch einen wichtigen Termin versäumt, ist das ärgerlich. Im offenen Gelände kann es nach Einbrechen der Dunkelheit oder bei Kälte sogar lebensbedrohlich sein, die Orientierung zu verlieren. Was Menschen verwirrt oder auf den richtigen Weg bringt, damit beschäftigt sich die recht junge Disziplin des „Orientierungsdesigns“. Nachdem einheitliche Leitsysteme für Flughäfen, Spitäler oder Schulen sich etabliert haben, entstehen seit einigen Jahren immer mehr Orientierungssysteme für den öffentlichen Raum.

Nach Meinung von Gestaltern kann man Leitsysteme nicht nach den Kriterien innen/außen kategorisieren, vielmehr nach Geschwindigkeit und Nutzerbedürfnis. In Situationen wie im Verkehr oder auf dem Flughafen ist wenig Zeit, es geht daher um eine pragmatische Wegweisung. Beim Wandern oder in einem Museum ist mehr Zeit, hier geht es um die Vermittlung von Stimmung und Informationen und Interaktion mit dem Nutzer. Beim Orientierungsdesign geht es aber um mehr als die bloße Orientierung. „Ein Leitsystem überzieht die Stadt wie ein Netz mit identitätsstiftenden Stätten der visuellen Kommunikation, mit Landmarks, die immer wieder auftauchen und die Stadt optisch zusammenziehen“, sagt die Architektin Anja Mönkemöller, die gemeinsam mit Grafikerin Gabriele Lenz ein Tourismusleitsystem für St. Pölten entworfen hat. „Die Stadt wird fotografiert, sie ist in Reiseführern vermerkt. Für Städte wird es immer wichtiger, wie sie nach außen hin auftreten“, sagt Gabriele Lenz über das steigende Interesse an Orientierungssystemen.

Auch Andrea Redolfi vom Designbüro Gassner-Redolfi ist davon überzeugt, dass ein gut gemachtes Orientierungssystem die Identität einer Region stärken kann. Als Expertin für das „Aufräumen“ von Wanderregionen betont auch sie, dass die Gestaltung eines Orientierungssystems immer vom jeweiligen Kommunikationsanliegen abhänge. Dies lässt sich recht gut an zwei ihrer Projekte darstellen: Bereits vor zwanzig Jahren entwickelte das Designbüro ein Wanderleitsystem für das Land Vorarlberg. „Hier ging es um klare Information, die für manche Wanderer in ausgesetzten Situationen lebensrettend sein können. Wir entwickelten ein schlichtes Schildersystem in naturfarbenem Aluminium.“


Nichtgesehenes sichtbar machen. Ein recht junges Projekt von Andrea Redolfi ist ein Kulturwanderleitsystem für die Region Tannberg (Vorarlberg), für das sie im November 2012 den Joseph-Binder-Award in Gold erhielt. In der Wanderregion Tannberg befinden sich die meisten Wanderwege über der Waldgrenze, sind also gut sichtbar. Hier wollte man besonders die gemeinsame 500-jährige Geschichte der Gemeinden Lech, Warth und Schröcken, die in der Vergangenheit durch das auf dem Tannberg tagende Walsergericht verbunden waren, betonen. „Bei der Region Tannberg war es die Aufgabe, dem Betrachter das Nichtgesehene und Interessante sichtbar und erlebbar zu machen.“ Eine weitere Aufgabenstellung war, die drei Gemeinden, die im Winter durch Schnee und Lawinengefahr getrennt sind, im Sommer durch Wanderrouten zu verbinden. Die Beschriftungsbasis dieses Leitsystems sind aus unbehandeltem Lärchenholz gefertigte Bänke, Stelen mit Gucklöchern und Holzlatten an Zäunen oder Häusern, in die Informationen oder Zitate gefräst wurden. „Wir haben uns der Tradition von in Latten und Balken eingeschnitzten Schriften bedient, allerdings mit moderner Typografie und Frästechnik.“

Während Andrea Redolfi beim Design des Tannberg-Leitsystems darauf bedacht war, so wenig Künstliches und Fremdes wie möglich in die Natur zu bringen, suchten Gabriele Lenz und Anja Mönkemöller nach einem Design, das gegen die „visuelle Konkurrenz“ im Stadtraum bestehen konnte. „Es gibt Werbung, es gibt Logos auf Geschäften, es gibt aber Schaufenster, die einfach alle auf uns wirken. Wir sind in St. Pölten durch die Stadt gegangen und haben konstatiert, dass es hier visuell so laut ist, dass es zu unserem Ansatz wurde, leise zu sein. Wir haben gesagt, grau fällt hier wahrscheinlich mehr auf als jede Farbe.“ sagt Gabriele Lenz.

Als „stille Begleiter“ präsentieren sich demnach auch die Basiselemente des Leitsystems: Die für St. Pölten entworfenen Stelen und Gebäudetafeln sind grau, weiß beschriftet, rechteckige Aussparungen laden zum Durchblicken auf die Stadt oder auf Details von Häuserfassaden. Bewegt man sich im Raum, ändert sich der Ausschnitt. „Auf analoge Weise interaktiv“ bezeichnet Lenz diese Rahmen liebevoll.


Leitsystem zeigt Neues. „Bei der Konzeption eines Tourismusleitsystems ist es der erste Schritt, die Stadt nach wichtigen und weniger wichtigen Plätzen zu strukturieren“, sagt Lenz. In der Umsetzung wolle man die Touristen auf einen bestimmten Weg führen. Eine besondere Zielsetzung des Leitsystems für St. Pölten war es, durch die Wegführung das neue moderne Landhausviertel an die barocke Altstadt besser anzuschließen. Darin sieht Anja Mönkemöller auch die Berechtigung von analogen Leitsystemen in einer Zeit, in der viele sich hauptsächlich über die Navi-Funktion ihres Smartphones orientieren: „Der Tourist, der sich selber mit dem Handy seinen Weg sucht, schaut sich vielleicht drei Kirchen an, die ihn interessieren. Wenn man sich aber dem Leitsystem anvertraut, kommt man plötzlich in Gegenden, die man sich selber nicht ausgesucht hätte.“

Auf dem richtigen Weg

Die recht junge Disziplin des Orientierungsdesigns befasst sich, nachdem Leitsysteme durch Flughäfen oder Spitäler etabliert sind, immer öfter mit einheitlichen Leitsystemen durch den öffentlichen Raum.

Die Grafikerin Gabriele Lenz und die Architektin Anja Mönkemöller haben ein Tourismusleitsystem für St. Pölten entworfen.

Designerin Andrea Redolfi hat ein Wanderleitsystem für das Land Vorarlberg erarbeitet, eines ihrer jüngeren Projekte war ein Kulturwanderleitsystem für die Region Tannberg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2012)

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