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"Tour du Monde" im MAK: Radtour durch das Design

Tour Monde Radtour durch
Tour Monde Radtour durch / Bild: (c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER) 

Die 220 Fahrräder des Wiener Architekten Michael Embacher stehen die meiste Zeit auf dem Dachboden. Wenn sie nicht gerade zu Besuch im Museum sind.

 (Die Presse)

Angefangen hat alles mit einer kleinen Schau in Tirol im Absamer Gemeindemuseum. Jetzt stellt die Fahrradsammlung des Wiener Architekten Michael Embacher gerade die internationale Museumswelt auf den Kopf. Bei ihrer ersten Station im Kunstmuseum Portland sorgte die „Tour du Monde“-Ausstellung, die parallel auch im Wiener MAK zu sehen ist, schon in den ersten Wochen für fünfstellige Besucherzahlen.

 

Wie kommt es dazu, dass sich ausgerechnet Kunstmuseen für Ihre Sammlung interessieren?

Michael Embacher: Sie sehen das Fahrrad als Teil der Entwicklung unserer Gesellschaft. Dass Kunstmuseen da mitmüssen, wird als Selbstverständlichkeit gesehen. Mir taugt es, dass es tatsächlich so weit gekommen ist. Denn nach dem Skandal der Motorradausstellung 1998 im New Yorker Museum of Modern Art war ich im Vorhinein gar nicht sicher. Die Leute vom Portland Museum, der ersten Station der „Tour du Monde“, finden das ebenfalls fantastisch, weil sie auf einen Schlag ein ganz anderes Publikum bekommen.

 

Warum ausgerechnet Portland?

Portland hat 30 Prozent Radanteil am Gesamtverkehrsaufkommen, was gewaltig viel ist. Außerdem gibt es dort eine riesige Community von Fahrradrahmenbauern und „Selbstbruzzlern“. Der Direktor wollte daher schon lange eine Fahrradausstellung machen, aber die Szene war einfach nicht kompatibel: Der Aufwand, eine Ausstellung mit lauter Einzelgängern zu organisieren, wäre zu groß gewesen. So ist er an mich herangetreten. Da allerdings für 2013 bereits zwei Ausstellungen mit Fahrrädern aus meiner Sammlung geplant waren – nach dem MAK auch eine im Holon Design Museum im Herbst –, musste ich ihm absagen. Aber er hat nicht lockergelassen und war bereit, sämtliche Mehrkosten zu tragen, etwa den Expresstransport der Räder per Flugzeug, damit sie rechtzeitig in Israel ankommen.

 

Sie betonen immer wieder, dass Sie das Fahrrad als Gebrauchsobjekt sehen. Wie geht es Ihnen mit dieser Tendenz zur Musealisierung des Fahrrades?

Eigentlich komme ich ja von der Seite, da mein Büro seit 20 Jahren auch im Bereich Museums- und Ausstellungsgestaltung tätig ist. Das Fahrrad ist dabei natürlich ein eigenes Kapitel, weil es eigentlich kein Kunstobjekt ist. Aber es ist ein Teil unserer Zeit und deshalb im Museum gut aufgehoben. Das zu zeigen ist wichtig, weil es eine neue Kultur ist – eine Kultur des Miteinanders und des Spaßhabens, bei der man trotzdem füreinander Verantwortung übernimmt, Nachhaltigkeit demonstriert und nach außen zeigt.

 

Was fasziniert Sie am Fahrrad als Objekt?

Ich finde spannend, dass ein Fahrrad aus fast nichts besteht. In dem Sinn ist es perfekt geeignet, um Designgeschichte zu präsentieren. Designer neigen ja in der Regel dazu, üppig zu sein. Beim Rad ist aber genau das Gegenteil angebracht.

 

Wie kam es dazu, eine Fahrradsammlung aufzubauen?

Prägend war für mich in der Hinsicht die Präsentation der Vegesack'schen Stühlesammlung im MAK 1986. Erstens waren die Stühle ziemlich benützt und nicht zu Tode restauriert, wie das heute in Österreich bei Gebäuden oder auch Menschen oft der Fall ist. Zweitens gab es eine Unzahl von Fertigungstechniken und Materialien, die die Benützbarkeit und Bequemlichkeit beeinflussen. Beim Fahrrad kommt darüber hinaus noch die Mechanik hinzu. Obwohl es aus wenigen Teilen besteht, wirken extreme Kräfte darauf ein. Dennoch muss es leicht sein, weil sonst die Fortbewegungsmöglichkeit eingeschränkt ist. Auch wenn beim Fahrrad noch andere Komponenten dazukommen, besteht es aus ähnlich wenigem wie ein Sessel. Dieser Vergleich ist mir erst vor wenigen Jahren wieder eingefallen, aber das war wahrscheinlich der Auslöser und die Inspirationsquelle für meine eigene Sammlung.

 

Wann haben Sie bemerkt, dass Sie sammeln?

Nun, am Anfang habe ich mir immer ein besseres Rad gekauft als das vorige, weil es Spaß macht, mit einem guten Rad zu fahren. Als mir dann wieder einmal ein Rad, das ich mir erst kurz zuvor gekauft hatte, gestohlen wurde, beschloss ich, keine Neuräder mehr zu kaufen, sondern auf eBay zu schauen. Es gibt gebrauchte Räder, die fantastisch sind, auch wenn sie nicht am letzten Stand der Technik sind. Dass ich wirklich zu sammeln begonnen habe, habe ich gemerkt, als mich die Leute fragten, wozu ich so viele Räder brauche.

 

2006 haben Sie Ihre Fahrräder im Museumsquartier erstmals öffentlich gezeigt. Hat dieser Schritt an die Öffentlichkeit Ihr Sammelverhalten verändert?

Damals stand ich bei ungefähr 50 Rädern und sah die Sammlung eigentlich als abgeschlossen an. Nachdem die Ausstellung dann in drei Wochen von 12.000 Leuten gesehen wurde – natürlich bei freiem Eintritt –, war mir klar, dass es weitergehen würde. Dazu kamen enorm viele Reaktionen auf das Buch zur Ausstellung, das ich im Eigenverlag mühselig über das Internet vertrieb. Zugleich aber sind auf diese Weise auch viele Kontakte entstanden, und die wirklich guten Räder eigentlich durch das Buch dahergekommen – etwa das „Moulton One Off“, das es nur ein einziges Mal auf der Welt gibt. Es war zwar viermal erzeugt worden, aber man hatte angenommen, es würde gar nicht mehr existieren. Überraschenderweise fand ich eines Tages ein Mail aus Denver mit einem Angebot in meiner Mailbox. So ist das später noch öfters passiert.

 

Wie ist Ihre Sammelstrategie generell?

Ich habe von Anfang an nur Räder gekauft, die für mich leistbar waren. Das war am Anfang so, als ich noch übers Internet suchte, und das hat sich auch nach dem Buch nicht geändert, nur dass mir ab da Angebote aus der ganzen Welt zuflogen. Auf Flohmärkte oder zu Sammlertreffen bin ich aus Zeitgründen kaum gegangen. Das hat mir mein Job, der mir sehr viel Spaß macht, einfach nicht erlaubt. Das Einzige, was viel Zeit erforderte, war die Aufarbeitung der Sammlung und mein oft allzu brutaler Perfektionismus.

 

Gibt es Fahrräder, für die Sie preislich über Ihr Limit hinausgegangen sind?

Teilweise. Aber nicht, weil ich etwa davon gelesen hatte und dachte „das muss ich haben“, sondern weil mich gewisse Räder einfach faszinierten: Das „Schulz Funicolo“ etwa aus 1937, von dem es weltweit nur noch drei Stück gibt. Dieses Rad war als Aluschalen-Nachbau des berühmten französischen Architekten Jean Prouvet 2009 bei einer Christies-Auktion mit über 100.000 Dollar weggegangen. Natürlich ist es pervers, für ein Fahrrad so viel Geld wie für einen Mittelklassewagen auszugeben. Aber dieses Rad war für mich ein Meilenstein. Wenn man es herunterrechnet und die Inflation mitberücksichtigt, war dieses handwerkliche Prachtstück wahrscheinlich auch zu seiner Entstehungszeit schon so viel wert, die Franzosen haben immer schon viel Geld für Räder ausgegeben. Andere wiederum habe ich zu einem Bruchteil des heutigen Wertes gekauft – ein „Lotus“ etwa, auf dem viele historische Rekorde gebrochen wurden.

 

In der heutigen Gesellschaft hat das Fahrrad zunehmend einen Stellenwert als Fetisch. Wie sehen Sie die damit einhergehende Preisentwicklung?

Ich finde, handwerkliche Qualität muss ihren Preis haben. Ich bin aber nicht damit einverstanden, dass man für das Prestige einer Marke Preise zahlt, die in keiner Relation zur Fertigungstechnik und zur Qualität stehen. Das ist leider der Nachteil des Booms, dass Dinge zu Preisen auf den Markt kommen, die nicht dem Produkt Fahrrad entsprechen: Nur weil zum Beispiel „Aston Martin“ draufsteht, sind 30.000 Euro für ein Rennrad einfach absurd. Aber auch ein neues „Moulton“ kostet heute bis zu 18.000 Euro. Ich war in der Werkstatt und es ist so präzise gefertigt, dass es jeden Cent wert ist.

 

Wohin entwickelt sich das Mobilitätsverhalten der heutigen Gesellschaft?

Immer weniger junge Leute machen den Führerschein. In den Städten brauchen sie kein Auto, Flug- und Bahnreisen werden immer billiger, der Führerschein immer teurer. Das ist ein Problem der Autoindustrie. Was ich nicht verstehe: Dass sich die Autofahrer über die Radfahrer aufregen. Denn jeder Radfahrer bedeutet ein Auto weniger und damit mehr Platz auf der Straße. Ebenso wenig verstehe ich die Aggression der Radfahrer gegenüber den Autofahrern. An der roten Ampel sind wir ohnehin wieder vorne. Dieses Kastendenken, das sicher auch mit der Wiener Mentalität zu tun hat, ist mir zuwider.

Ikonen auf zwei Rädern

Michael Embacher sammelte über 200 alte Räder auf seinem Wiener Dachboden. 2003 gründete er die Embacher Collection, 2006 folgte die erste Ausstellung, 2007 der erste Bildband, der die Kollektion dokumentierte.

Tour du Monde. Fahrradgeschichten. Die Ausstellung zeigt ausgewählte Fahrradikonen des 20. und 21. Jahrhunderts, Exponate der Embacher Collection, noch bis 6.10. 2013 im MAK. Embacher Collection / Andreas Müller

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2013)

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