Der Architekt, der Einzelgänger

Während Open Source, Open Design und Open Government boomen, planen Architekten lieber im Geheimen. Open Architecture steckt noch in den Kinderschuhen. Warum?

Plan für ein neuen Wohnhauses
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Plan für ein neuen Wohnhauses
Plan für ein neuen Wohnhauses – (c) Erwin Wodicka - BilderBox.com

Knapp 1000 Quadratmeter Grundfläche, maximal 10,5 Meter Gebäudehöhe und höchstens zehn Grad Dachgefälle – so lauteten die Basisvorgaben für den Bau einer Eurospar-Filiale in der Südtiroler Gemeinde Sterzing, die in den nächsten Wochen eröffnet werden soll. Das Ungewöhnliche an dem Projekt: Wer immer sich am Entwicklungsprozess für Design und Architektur beteiligen wollte, der durfte. Unter dem Motto „Supermarkt ohne Grenzen“ startete 2011 ein Designwettbewerb, bei dem sich Architekten, Designer, Hobbyingenieure und Studenten einbringen sollten. Gefragt waren Designs von der Skizze bis zum fotogetreuen 3-D-Rendering, frei eingebracht oder mittels einer zur Hilfe stehenden Eingabemaske konfiguriert. Für die Bewertung zeichneten die User der Onlineplattform selbst sowie ein Architektenteam verantwortlich. Was als Möglichkeit gedacht war, um ein paar innovative Designs von morgen zu generieren, und den Machern einen Einblick geben sollte, welche Materialien, Formen und architektonischen Trends die Konsumenten bevorzugen, entpuppte sich als Hit. Innerhalb kürzester Zeit wurden auf der Plattform mehr als 11.000 Besucher gezählt, 1800 Mitglieder gewonnen und 342 konkrete Designentwürfe gesammelt.

Onlinecommunitys, die bei Produktentwicklungen federführend mitbestimmen und Crowdsourcing als Miteinander des kreativen Schaffens verstehen, sind also auch in der Architektur angekommen. Endlich, könnte man sagen. Open-Innovation-Experten wie Johann Füller sehen das weniger euphorisch und die Sterzinger Initiative als Ausnahme von der Regel: „Die Architektur ist weitgehend ein abgeschlossener Zirkel, sowohl bei der Gestaltung von privaten als auch bei jener von öffentlichen Räumen. Architekten planen, entwerfen und zeichnen nach wie vor im Geheimen. Open Architecture findet mit wenigen Ausnahmen nicht statt“, sagt der Vorstand der Innovationsagentur Hyve und Research Affiliate am Massachusetts Institute of Technology, MIT. „Die Architektur als Disziplin vermittelt den Eindruck, sich regelrecht gegen eine Form der Offenheit zu sperren, wie sie Software- und Produktentwicklung, Organisation und Politik seit den 1990er-Jahren mit den Bewegungen von Open Source, Open Innovation, Open Design und Open Government vorgemacht haben“, meint auch Dominik Walcher, Designprofessor an der Fachhochschule Salzburg und Mitherausgeber des Bandes „open architecture. Wie Partizipationsgesellschaft und technologischer Wandel die Architektur der Zukunft verändern wollen“.

Kein Platz für Laien

„Es gibt momentan nur sehr wenige Angebote, bei denen sich der Kunde professionell in die Baugestaltung einmischen kann“, stellt auch Frank Piller, deutscher Professor für Betriebswirtschaftslehre und Innovationsmanagement, fest: „In einer Studie aus dem Vorjahr zum Thema Mass Customizer haben wir einen einzigen Unternehmer gefunden, der Gartenhäuser und kleinere Fertighäuser im Internet zum Selbstgestalten und Kaufen anbietet.“ Von echter Innovation und Open Architecture sei man aber weit entfernt, solange der Architekt im Prozessverlauf bestimmt, was der Kunde an Lösungen wählen kann und was nicht. Immer noch scheint der Standpunkt vorherrschend zu sein, dass gerade in so einer komplexen technischen Aufgabe wie Hausbau und -design der laienhafte Kunde nicht zu tief in die Materie eindringen darf. Dabei wäre es laut Innovationsexperten höchst empfehlenswert, den Konsumenten auch in der Architektur in den Planungsprozess miteinzubeziehen.

Der Architekt als Coach

„Ist der Architekt alleiniger Herr, sind Verärgerung und Frustration beim Kunden oft programmiert. Es ist eben problematisch, wenn die Wünsche des Nutzers nicht aktiv einfließen können“, so Füller. Dabei würden – im Besonderen bei Großbauprojekten – die Vorteile einer Bürgerbeteiligung auf der Hand liegen. Kreativer Input ist ratsam, um mögliche Konfliktpunkte sichtbar zu machen und eine gemeinschaftlich akzeptierte Basis zu schaffen.

„Open Architecture stellt sicher, dass die wichtigsten Anliegen der Nutzer von Architektur berücksichtigt werden und gibt den Menschen das Gefühl, gehört und nicht ausgeschlossen zu sein“, argumentiert Füller. Die Beteiligung – die von Mitbestimmung bis zu echter Ko-Kreation reicht – sei wertvoll, vor allem, wenn sie kanalisiert und gesteuert ist. Dabei gehe es nicht darum, dem Fachmann sozusagen die Zügel gewaltsam aus der Hand zu reißen. Vielmehr sollte der Architekt den Kunden in sein Dienstleistungsangebot aufnehmen, um ihn dabei zu leiten und zu coachen. Zum Vorteil aller Beteiligten. Und als Sprung auf den Zug der Web-2.0- und Prosumenten-Zeit, in der Architekten, die weiterhin ohne Einflussnahme durch den Bauherren agieren, ein anachronistisches Bild abgeben. Prosument ist übrigens der englische Begriff für Verbraucher, die auch als Produzenten agieren.

25.000 Mechaniker an einem Strang

Doch es gibt Ausblicke. Wie Architekturprozesse in Zukunft partizipativ gestaltet werden können, zeigt gerade das dänische Investmentunternehmen Realdania als Begründer und Financier des Ideenpools Innosite vor. Auf der vom Danish Architecture Centre geführten Plattform beschreiben Unternehmen, Organisationen und Institutionen ihre Probleme, die dann von Architekten, Ingenieuren, Designern, Hausbesitzern und Bürgern gemeinschaftlich gelöst werden. Erste Bauprojekte sind bereits erfolgreich realisiert worden.

Dass technische Problemstellungen in einem Bereich, der zumindest genauso komplex ist wie die Architektur, für eine Web-2.0-Community kein Hindernis sind, stellt übrigens Local Motors unter Beweis. Beim US-amerikanischen Automobilhersteller arbeiten Autoliebhaber, Industriedesigner, Mechaniker, Modellbauer und Verarbeiter zusammen. In der Rekordzeit von nur 18 Monaten fertigten 25.000 Mechaniker aus 122 Ländern das erste Gefährt an.

Links

Ein Supermarkt, der von vielen gestaltet wurde. Das Projekt in Sterzing in Südtirol: www.designcontest. despar.it

Open Architecture in der Zukunft. Der dänische Ideenpool Innosite: www.innosite.dk.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2013)

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