Bei Kreativität denkt man schnell an gewisse Berufsfelder: Design, Architektur, Musik, Mode, neue Medien. Technische Berufe oder das Finanzwesen bleiben da meist außen vor. An diesem Punkt will nun „Junge Wirtschaft“ (kurz JW, Jungunternehmervertretung der Wirtschaftskammer Österreich) ansetzen. „Kreativität muss raus aus der Schublade des Künstlerischen und endlich als Wertschöpfungsfaktor verstanden werden. Sie ist für alle Branchen wichtig“, sagt Harry Gatterer, Bundesvorsitzender der JW und Trendforscher. Die Auswirkungen der Kreativität hat die JW gemeinsam mit dem METIS Institut für ökonomische und politische Forschung in der Studie „Kreativität und Innovation“ (2008) untersucht. Und ist dabei auf beachtliche Ergebnisse gekommen.
Eine eigene Definition von Kreativität und messbare Indikatoren (Qualifikation, Weiterbildung, Humankapital, Innovationskraft oder Investitionsgrad) helfen, um den schwer greifbaren Begriff untersuchbar zu machen. Kreativität wird als „Prozess, der zu Innovation führen kann, aber nicht zwingend muss“, verstanden, wie Gatterer erklärt. Experimentieren und scheitern ist also ausdrücklich erlaubt. Auch wenn es auf den ersten Blick zum zynischen Grinsen verleiten mag: Der Studie nach ist das Kreditwesen die kreativste Branche. „Das mag heute verwundern, aber im Kreditwesen wird viel in Ausbildung und Produktinnovationen investiert und schnell auf Veränderungen reagiert. Teilweise waren sie wohl zu kreativ und erfinderisch“, spricht Gatterer die Finanzkrise an. Viele der weiteren kreativsten Branchen fallen aber in den Bereich Technik, beispielsweise Rundfunk-, Fernseh- und Nachrichtentechnik oder Maschinenbau. Zu den Schlusslichtern zählen Recycling, Holzverarbeitung (ohne Möbelherstellung) oder Verkehr und Nachrichtenübermittlung.
Die Milliardenformel. Um aufzuzeigen, wie viel die Kreativität der Wirtschaft bringt, wurde die Zehn-Prozent-Formel entwickelt. Demnach soll eine Anhebung der Kreativität um zehn Prozent bis 2030 zu einer Erhöhung des Bruttoinlandsprodukts von rund 81Mrd. Euro für das Jahr 2030 führen und insgesamt 691 Mrd. Euro für den Zeitraum 2008 bis 2030 bringen. „Anders ausgedrückt: eine Erhöhung der Wirtschaftsleistung um 13,6 Prozent, ein Exportplus von 18,1 Prozent und um 4,6 Prozent niedrigere Preise“, erklärt Studienleiter Gottfried Haber von der Universität Klagenfurt. Um die Kreativität zu steigern, müsse man am Potenzial der Menschen und an jenem der Prozesse ansetzen – sprich Bildung, Wissen und Möglichkeiten zur Horizonterweiterung: Jobrotation, Auslandspraktika bis hin zum Risikokapital bei den Prozessen. „Es geht auch um ein kreativitätsförderndes Umfeld“, so Haber. Er sieht vor allem in Klein- und Mittelbetrieben große Möglichkeiten, denn bei großen Konzernen werde ohnehin viel gemacht.
Um den Wirtschaftsfaktor Kreativität anzukurbeln, fordert Gatterer eine Kreativitätsmilliarde, die aus Privatisierungserlösen stammen und in einen Kreativfonds eingelagert werden soll. Die Chancen auf das Geld stehen freilich momentan schlecht. „Das ist das Problem, momentan sind alle Töpfe zu. Aber das wäre ein positiver Beitrag zur Bewältigung der Krise“, denn so Gatterer optimistisch: „Das Klima für Innovationen ist momentan enorm gut.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2009)

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