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Oscar Niemeyer: "Kampf für eine bessere Welt"

13.03.2010 | 18:41 |  von Constantin von Barloewen (Die Presse)

Der 102-jährige brasilianische Architekt Oscar Niemeyer steht für monumentale Bauweise. Zu Weltruhm gelangte er mit seinen Gebäuden für die Stadt Brasília.

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Wie definieren Sie Architektur? In welchem Maß gründet sie auf bestehenden Formen, wodurch wird sie zur Neuschöpfung?

Oscar Niemeyer: Zunächst einmal spiegelt die Architektur die aktuelle Technik wider, und infolgedessen muss man sich diese zunutze machen. So ermöglicht insbesondere der Stahlbeton weitaus differenziertere Lösungen als die zuvor gebräuchlichen Baumaterialien. Im Wesentlichen ist Architektur – zumindest für mich – gleichbedeutend mit Erfindung, weshalb das bloße Nachdenken über frühere Errungenschaften auf diesem Gebiet keineswegs ausreicht. Wenn Sie nach Brasília fahren, werden Sie Gebäude sehen, deren Anblick Ihnen Freude bereitet oder nicht, aber Sie werden nicht sagen können, etwas Ähnliches habe es bereits in der Vergangenheit gegeben. Eben das ist Architektur. Ich gehe meinen Weg, ich entwerfe, was mir gefällt.


Als Sie Anfang der Vierzigerjahre – also lange vor Brasília – einige Gebäude in Pampulha bauten, brachen Sie einerseits eine Lanze für die moderne Technik, andererseits beriefen Sie sich auf Baudelaire: Das Unerwartete, Bizarre, sei das eigentliche Charakteristikum der Schönheit.

Als Architekt muss man lesen. Ein guter Roman bedeutet mir mehr als eine Abhandlung zur Architektur. Über diese diskutiere ich mit mir selbst, indem ich Entwürfe anfertige. Gerade die Bücher, die nichts mit Architektur zu tun haben, enthalten bisweilen wertvolle Einsichten. Dass ein Kunstwerk sich durch Schönheit auszeichnet, wer wollte dem widersprechen? Oder jene Formulierung von Heidegger: „Die Vernunft ist die Feindin der Einbildungskraft“ – birgt sie nicht genau den Impuls, der mich bei meiner Arbeit leitet?


Insofern die Architektur der künstlerischen Weltsicht Ausdruck verleiht, begibt sie sich auf die Suche nach der Schönheit – ohne auf vorherrschende Dogmen oder Tabus Rücksicht zu nehmen, die der Erfindungsgabe Schranken setzen.

Ja, Architektur kann Kunst sein, aber dazu muss sie sich in völliger Freiheit entfalten. Die Freiheit ist überhaupt der Ausgangspunkt all dessen, was man im Leben unternimmt. Von daher gesehen wird eine künstlerisch veranlagte Persönlichkeit durch den Unterricht möglicherweise stark beeinträchtigt. Ein zehnjähriges Kind malt vielleicht fantastische Bilder, doch sobald man es mit Lehrstoff überhäuft und auf die Klassiker einschwört, fällt es leicht der Routine anheim. Le Corbusier etwa hat nie eine Akademie besucht. Er ging in die Welt hinaus, um Bauwerke abzuzeichnen, und erfand so seine Architektur. Lernen ist durchaus sinnvoll – vorausgesetzt, dass es gut „verwaltet“ wird.

 

Für Sie gibt es zwei Formen von Architektur: Die eine ist schlicht, nützlich, alltäglich, die andere ausgefeilt, imaginativ, ja sogar monumental.

In einigen Fällen stehen Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit im Vordergrund; diese Architektur lässt sich leichter entwerfen und ausführen. Bei einem öffentlichen Gebäude hingegen hat der Architekt die zusätzliche Aufgabe, die Entwicklung der Technik zu unterstützen. Als ich außerhalb Brasiliens baute, wollte ich nicht nur meine Architektur vorzeigen, sondern auch das fortschrittliche Ingenieurswesen in meinem Land.

 

In diesem Zusammenhang erwähnen Sie auch den Stahlbeton. Ihrer Meinung nach erschließt er der Kreativität eine neue Dimension, weshalb Sie ihn als einen künstlichen Stein auffassen und behandeln.

Wenn genügend Platz vorhanden ist, besteht die natürliche Lösung des Stahlbetons in der Kurve. Sie hat die Kraft, den Raum zu bezwingen. Dann muss man sich nicht mehr um eine geradlinige Architektur bemühen, die wohl eher dem Metall angemessen ist. Ich strebe einfach nach der jeweils besten Form. Sobald mir die Struktur eines Bauwerks klar wird, existiert auch schon dessen Architektur.

 

Beton und Poesie bilden demnach keinen unversöhnlichen Gegensatz?

Nein, ganz und gar nicht. Der Beton kann tiefe Gemütsbewegungen hervorrufen; er ist plastisch und fügt sich unseren Wünschen – das ideale Material für eine originelle, vielgestaltige Architektur.

 

Diese freien, schwebenden Kurven, die Sie komponieren, wirken, als hätten Sie sie abgelesen aus den Bergen um Rio de Janeiro.

Der Brasilianer ist umschlossen von Gebirgen, sie bedrängen ihn. Das größere Wunder aber ist die Frau.

 

Ihre Leidenschaft für das Schauspiel der Natur – ist sie es, die Ihre Architektur so lebendig, so unerschöpflich erscheinen lässt?

Die Architektur ist keine abgesonderte Sache; sie verbindet sich mit allem. Wer sie betreibt, muss offen sein, lernen, Anteil nehmen. Jede Zeichnung legt davon Zeugnis ab, was man erfahren, genossen, verstanden hat.


Sie konnten eine ganze Reihe von Visionen verwirklichen. In Anbetracht dessen klingt es seltsam, dass Sie Ihrer Arbeit keine besondere Bedeutung beimessen.

Ich habe über sechzig Jahre vor dem Zeichenbrett verbracht, um mich meinem liebsten Zeitvertreib mit größter Begeisterung zu widmen. Doch wichtiger als die Architektur ist das Leben, die Beziehung zu den Menschen, unser Kampf für eine bessere Welt. Es gilt zu erkennen, dass die menschliche Existenz unbeschützt ist. Zwar wird immer wieder gesagt, dass wir über eine große Intelligenz verfügen und uns enorm entwickelt haben, dass die Wissenschaft alles erklären kann – aber die fundamentale Frage lautet nach wie vor: Warum sind wir hier? Und dann stellt sich heraus, dass das Leben ziemlich mittelmäßig ist, dass der Mensch geboren wird und stirbt, dass die Natur ungerecht ist. Unter solchen Bedingungen kommt es darauf an, sich anzupassen, einander die Hand zu reichen und gemeinsam voranzuschreiten.

 

Sie stellen Ihr soziales und politisches Engagement über Ihr Metier und den Ruhm, den es Ihnen einbrachte?

Ich glaube schon. Es ist eine moralische Verpflichtung, an diejenigen zu denken, die im Dunkeln hausen, die weder Geld noch ein Dach über dem Kopf haben. Gegen die Verletzungen durch den Egoismus gibt es ein Mittel: mit Freude nützlich sein, mit Vergnügen geben, begreifen, unterstützen.

 

Sie haben zwar Villen gebaut, aber keine einfachen Wohnhäuser, keine Viertel für die Armen. Weshalb?

Weil sich unsere Brüder in den Slums wohler fühlen als in geplanten Siedlungen, die keinerlei Komfort bieten und oft noch öder sind. Das alles ist schrecklich. Doch zumindest ist diesen Randzonen eine gewisse Poesie zu eigen, insofern die dort Ansässigen in einer ihnen vertrauten, überschaubaren Umgebung leben. Wir wissen, dass die Armut überhand nimmt und sich nicht mehr verdrängen lässt. Irgendwann werden die Armen in der Mehrheit sein, sodass zwangsläufig eine Wende zum Besseren eintritt.

 

Momentan ist davon kaum etwas zu spüren. Welchen Beitrag kann die Architektur leisten?

Manche hiesigen Bauten sind durch jene Kühnheit, jene plastische Freiheit, gekennzeichnet, die ich schätze, aber das Gesamtbild ist eher deprimierend. Unsere Architektur dient nur den herrschenden Klassen, für die Armen hat sie nichts übrig. Dagegen ist der einzelne Architekt machtlos. Fest steht immerhin, dass man reagieren muss, wenn sich die Verhältnisse immer weiter verschlechtern, wenn das Leben entwürdigt wird und die Hoffnung erlischt; dann bleibt nur die Revolution. Wir befinden uns an einem äußerst heiklen Punkt der brasilianischen Geschichte, keine Zeit war schlimmer als diese. Der Kapitalismus steckt wie anderswo in der Krise. Er wird zunehmend gewalttätiger, nicht wahr? Das Amazonas-Tiefland ist in großer Gefahr; in den Vereinigten Staaten erheben sich Stimmen, die behaupten, es sei internationales Gebiet, und darum sind wir aufgerufen zum Widerstand. Der Patriotismus erhält eine neue Qualität, nachdem er eine Zeit lang fast verpönt war. Der imperialistische Druck ist zurückgekehrt: Brasilien, ja ganz Lateinamerika, soll gedemütigt, ausgebeutet, rekolonialisiert werden. Der Kampf um die Erde ist folgenreicher als irgendein architektonisches Problem.

 

Sie waren zeitlebens überzeugt von einem humanistischen, nicht ideologischen Kommunismus. Sie haben in Paris den Sitz der französischen KP erbaut und empfinden für Fidel Castro Sympathie. Verkörpert er für Sie die kulturelle Identität Lateinamerikas?

In der Kommunistischen Partei habe ich die besten, großzügigsten Menschen getroffen. Das Elend in der Welt ist zu groß, als dass man die Ideale der Humanität, der Solidarität einfach opfern könnte. Oder hat es etwa Sinn, die Globalisierung zu bejahen, wenn in Afrika unzählige Kinder hungers sterben? Was Kuba angeht, so ist es für Lateinamerika ein leuchtendes Beispiel. Fidel Castro scharte ein paar Anhänger um sich, verjagte den Diktator Battista und begann, sein sozialrevolutionäres Programm zu verwirklichen. Dieses Heldentum erfüllte das kubanische Volk mit Stolz, und so ließ es sich auch durch die aggressive Blockadepolitik der Amerikaner nicht beirren. Selbst das Elend ertrug es mit einer Art Gleichmut, um den Kampf fortzusetzen. Heute traut sich kein Staat mehr, gegen Kuba vorzugehen. Das nenne ich den Sieg der Tapferkeit!

 

Sie betonten einmal, dass Brasília keine Stadt der Zukunft sein könne, weil die Gesellschaft noch der Vergangenheit angehöre. Aber entstand nicht bereits Ihre fast prunkhaft wirkende Architektur im Zeichen allzu idealistischer Vorstellungen, angesichts der sozialen Abgründe ringsum?

Wie gut, etwas zu sagen, und zehn Jahre später dasselbe zu denken, nicht wahr? Leider kamen korrupte Leute an die Macht, die an einschneidenden Veränderungen zugunsten eines gerechteren Brasilien keinerlei Interesse hatten. Mit Brasília wollte ich meinem Land eine auch nach außen hin sichtbare Identität geben. Dieses Projekt beschäftigt mich bis zum heutigen Tag. Brasília ist eine Stadt, die in vier Jahren aus dem Nichts gestampft wurde und die erst nach vierzig Jahren vollendet wird. Das zeigt, was Begeisterung, Willenskraft, Entschlossenheit auszurichten vermögen und welchen Optimismus das brasilianische Volk besitzt. Nirgendwo sonst hat man eine Stadt in vier Jahren errichtet. Unser Ziel war und ist, einen Ort zu schaffen, in dem die Menschen gerne leben.

 

Als in Brasilien das Militärregime herrschte, übersiedelten Sie nach Paris, wo Sie von 1967 bis 1972 auf dem Montparnasse wohnten und arbeiteten. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit jener Zeit?

Ich begegnete ganz unterschiedlichen Personen – André Malraux zum Beispiel, der mir sehr geholfen hat. Ein äußerst intelligenter, beeindruckender Mann, aufgeschlossen für alles, progressiv, engagiert, eine charismatische Figur, die die geistigen Strömungen der Epoche in sich vereinigte und auf unnachahmliche Weise deutete. Mit Sartre kam ich ebenfalls in Berührung. Er war ungeheuer klug, zugleich pessimistisch, fest davon überzeugt, dass die menschliche Existenz zum Scheitern verurteilt sei. Aber sein Pessimismus hatte etwas Konstruktives – nicht nur, weil er das Leben genoss und sich amüsierte, er tat auch einiges, um Menschen zu helfen. Trotz seiner ernüchternden Weltanschauung bewahrte er sich seine Leidenschaft, und gerade dafür bewunderte ich ihn.

In Sartres Existenzphilosophie ist die Religion die große Abwesende. Auch bei Ihnen hinterließ sie offenbar keinerlei Spuren.

Nein, ich glaube an nichts.


Sie äußerten einmal, dass Sie gern Katholik wären, um an das Jenseits glauben zu können.

Die Natur ist genau das: geboren werden, wachsen, sterben. Dieses Gesetz durchzieht die gesamte Materie bis zum kleinsten Kieselstein. Wenn alles sich unaufhörlich entwickelt – wie die Wissenschaft uns lehrt –, gibt es keinen Grund, religiösen Wunschträumen nachzuhängen. Als Architekt jedoch versetze ich mich an die Stelle der Gläubigen. Die Kathedrale, die ich kürzlich baute, ist teilweise durchsichtig, sodass die Menschen darin zum Himmel aufschauen können. Das gefiel dem Vertreter des Papstes, der in Brasilien weilte, ganz besonders, denn der Ort vermittelt eine Vorstellung von jenem unendlichen Raum, in dem Gott auf die Gläubigen wartet. Trotzdem weiß ich, dass die Kathedrale ein Produkt der Fantasie darstellt.

 

Auch wenn Sie die Religion ablehnen, ist Ihnen die ursprüngliche Empfindung oder wesentliche Erkenntnis derer, die sie praktizieren, vertraut: dass unserem Dasein und unserem Tun – zumal in den Wissenschaften, in der Technologie – Grenzen gesetzt sind.

Der Mensch darf glauben, dass alles geschehen kann, dass seine Intelligenz unbegrenzt ist, dass er nach Antworten auf seine Fragen suchen kann. Natürlich gibt es Dinge, die schwierig sind – das Problem des Lebens, des Todes, das man nie wird lösen können. Dann die Tatsache, dass das Weltall sich ausdehnt, dass neue Sterne auftauchen und wieder verschwinden in einem schwarzen Loch, ein dauerndes Entstehen und Vergehen, und wir mitten drin ... Es tut gut, zum Himmel aufzuschauen und zu begreifen, wie winzig, wie unbedeutend man ist. Auf diese Weise sieht man die eigene Existenz auf der Erde in klarerem Licht.

 

Wie würden Sie den geistigen Zustand des Menschen – im Zusammenhang mit dem angesprochenen Kairos – nach Anbruch des dritten Jahrtausends umschreiben? Wohin geht er?

Ich finde, in der ganzen Welt ist eine Pause eingetreten. Die Unzufriedenheit, der Zweifel an der Zukunft überwiegen. Allein das Geld regiert. Der Übergang ins nächste Zeitalter vollzog sich nicht gerade mit Stolz. Im Augenblick kann ich mir kaum eine Vorstellung davon machen, was kommt.

 

Und wenn Sie heute auf Ihr Schaffen zurückblicken – stellt sich dann nicht das Gefühl ein, dass Sie immerhin sich selbst verwirklicht haben?

Mir ist schleierhaft, was das heißen soll. Jeder verrichtet seine Arbeit – gut oder schlecht. Dieses Getue um Huldigungen und Preise erscheint mir so sinnlos wie lächerlich. Ich hatte Glück, habe einige Dinge bewältigt, habe vielleicht mehr Möglichkeiten nutzen können als andere. Alles in allem nichts Außergewöhnliches.

Oscar Niemeyer wurde 1907 in Rio de Janeiro geboren. Er studierte an der Escola Nacional de Belas Artes und arbeitet ab 1934 im Architekturbüro von Lúcio Costa.
Mit Le Corbusier nahm Niemeyer an der Ausschreibung für den Sitz der Nationen in New York teil, bevor er 1955 im Rahmen der Interbau in Berlin an einer Wohnsiedlung baute. Internationalen Ruhm erhielt Niemeyer spätestens 1956 mit dem Auftrag, alle öffentlichen Gebäude der Planstadt Brasília zu bauen. In nur vier Jahren wurde das Projekt Brasília realisiert, die Stadt feiert heuer ihr 50-jähriges Jubiläum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2010)

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