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Schau im MAK: Utopien für Wien

26.06.2010 | 18:24 |  Marlene Mayer und Ulrike Weiser (Die Presse)

Strom aus Taubenmist, Höhenluft für die Oper und ein Rückspiegel für Pallas Athene: was Designer für die Zukunft Wiens vorschlagen – zu sehen bei einer Schau im MAK.

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Könnte man die Staatsoper eigentlich auf die Höhe des Kahlenbergs bringen? Der Pallas Athene vor dem Parlament bei Bedarf einen Rückspiegel liefern? Wohl eher nicht. Trotzdem ist die Auseinandersetzung mit derlei Utopien nicht sinnlos: „Gerade in Wien, wo man immer alles hinnimmt, lohnt es sich, eine Diskussion loszutreten“ sagt Gregor Hoffelner von Very Architects. Genau zu diesem Zweck initiierten das Museum für angewandte Kunst (MAK) und die Förderstelle departure im Vorjahr den Ideenwettbewerb „Project Vienna – A Design Strategy“. Gesucht wurden Ideen, die Wien verbessern könnten. 101 Projekte aus 20 Ländern wurden eingereicht, aus denen nun drei Siegerprojekte bestimmt wurden. Die werden ab 30.Juni im MAK ausgestellt

Oper geht in die Luft. Eines davon nimmt sich des ewigen Streitthemas Denkmalschutz an – und zwar eben anhand der Staatsoper. Gregor Hoffelner und Sebastian Schmid (ex.it-architektur) geben sich mit ihrem Entwurf „Upgrading Vienna“ der Illusion hin, den historischen Sichtachsen entkommen zu können. „Wenn sich die historischen Gebäude plötzlich in 200 Meter Höhe befänden, würden sich wunderbare Möglichkeiten auftun“, sagt Hoffelner. Dabei würden die Sichtachsen nicht unterbrochen und „es gäbe Platz“. Etwa für eine moderne Stadtentwicklung. Mit „Upgrading Vienna“ versuchen Hoffelner und Schmid vor allem eine humorvolle Diskussionsgrundlage für die – gerade in Wien strengen – Richtlinien zum Hochhausbau. Hoffelner: „Abgesehen davon, dass man vielleicht die Mozartstatue in die Luft schießen könnte, ist unser Beitrag nicht umsetzbar, aber Architekten sollen ja immer beides sein: pragmatisch und provokant.“

Das Parlament hat einen Rückspiegel. Apropos Statue. So eine spielt auch eine tragende Rolle in der Gedankenübung von Klaus Stattmann (Büro für Architektur und Forschung). Der hatte nämlich gerade den Song „Überdosis Fremdscham“ von Jan Delay im Ohr, als der Aufruf zum Bewerb kam und ließ sich von dessen „feinnerviger Gegenwartsanalyse“ inspirieren. Denn: „Architektur hat auch die Aufgabe Stimmungen, die auf politischer Ebene geschaffen werden, zu korrigieren.“ So thematisiert Stattmann in „A.R.S.A#01“ (Architecture Saves Austria) die „Fehlstellung“ der Pallas Athene, der Göttin der Weisheit, vor dem Parlament, denn das politische Geschehen findet ja hinter ihrem Rücken statt. Seine Idee: Bei parlamentarischen Verhandlungen macht sich ein Spaceshuttle auf den Weg zur Pallas Athene und liefert eine „architektonische Blickprothese“ – eine Art Rückspiegel. „Nach den Thesen von Niels Bohr und aus der Quantenphysik weiß man, dass die Anwesenheit eines Beobachters ausreicht, um ein Ereignis zu beeinflussen. Das könnte der Politik nur gut tun.“

Der Friedhof, ein Kraftwerk. Provozieren – das können auch Marei Wollersberger und Jessica Charlesworth recht gut. Für ihr Projekt „Citizen Evolution“(www.citizenevolution.wordpress.com)nahmen die Designerinnen an, dass in einer krisengeschüttelten Zukunft zentrale Versorgungssysteme versagen. Dann müsste, so die Überlegung, der Staat den Bürgern helfen, sich selbstständig zu versorgen. Etwa indem er den Zentralfriedhof in ein Kraftwerk verwandelt. Statt Kerzen anzuzünden, könnten die Wiener „in einem Ritual der Erneuerung“ an den Gräbern „mikrobische Brennstoffzellen“ aufladen. Diese wandeln dann organische Zersetzungsprozesse in Elektrizität um, sprich: die lieben Verstorbenen in Strom. Dasselbe Prinzip könnte man übrigens auf Taubenmist anwenden: dieser, bis dato als städtische Plage bekannt, würde, in einem speziellen Taubenschlag gesammelt, zur wertvollen Energieressource. Klingt alles utopisch? Funktioniert aber, sagt Wollersberger, die diesen Anspruch für alle ihre Zukunftsszenarien erhebt. Zumindest auf Laborebene sei die mikrobische Brennstoffzelle erprobt. Die Tirolerin, die derzeit für ein Beratungsunternehmen in Barcelona arbeitet, hat sich auf die Schnittstelle zwischen Design und Wissenschaft spezialisiert. So basiert „Citizen Evolution“ auf synthetischer Biologie. Dieser moderne (und umstrittene) Zweig der Biologie beschäftigt sich mit dem Designen von Molekülen, Zellen und Organismen mit neuen Eigenschaften – „das kann man sich wie Lego vorstellen“, sagt Wollersberger. Für ihr Projekt geht sie davon aus, dass man diese Technik in der Zukunft für Laien vereinfachten könnte. Sollte unser Versorgungssystem zusammenbrechen, bliebe den Bürgern dann immer noch „Open Source“-Biologie.

Mein Arzt, das Schwein. Die auch so aussehen könnte: Schweine und Gelsen ersetzen Ärzte und Apotheken. Kein Scherz. Und zwar indem (noch vor der potenziellen Katastrophe) im Gänsehäufel gentechnisch manipulierte Schweine als Antikörper-Reservoir gezüchtet werden. Für die Impfung der Bevölkerung würden die Gelsen sorgen (Züchtung bekannterweise nicht nötig). Ein Besuch im Donau-Grün, etwas Jucken und schon etwas für die Gesundheit getan. Es könnte schlimmer kommen, oder?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2010)

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