Lomo, Polaroid und Mittelformat: Der analoge Blick

25.09.2010 | 18:10 |  von Eva Winroither (Die Presse)

Immer mehr Menschen entdecken die traditionelle Fotografie neu oder kehren zu ihr zurück – und das nicht nur aus sentimentalen Gründen. Rund um das Retrobild lebt auch ein Wirtschaftszweig wieder auf.

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Christian Flatschers Hände zittern. Nur nichts falsch machen. Langsam die Verpackung öffnen. Raus mit dem Ding. Vorsichtig den Film einlegen. Zwei, drei Wochen hat er intensiv recherchiert. Mit Kamerahändlern aus halb Europa verhandelt. Sich die Nächte auf eBay um die Ohren geschlagen. Er nimmt sie aus der Verpackung, Alter unbekannt, gebraucht gekauft. Der Film ist eingelegt, jetzt nur mehr auf den Abzug drücken. Stopp, nein. Er wartet. Christian Flatscher hat neu angefangen, oder besser: Er ist umgestiegen, auf analoge Fotografie nämlich. Man könnte meinen, ein (Freizeit-)Fotograf im 21.Jahrhundert müsste zur digitalen Kamera greifen. Die Gründe: Zehnfachzoom, 12-Megapixel-Auflösung, elektronischer Bildstabilisator und dank leistungsstarker Speicherkarten eine unbegrenzte Anzahl an Möglichkeiten. Klick, klick, klick. Aber Christian investierte sein Geld in eine Mamiya7, eine analoge Mittelformatkamera. Was hat er sich bloß dabei gedacht?

„Wir erleben die erste Generation junger Menschen, die nicht mehr mit analoger Fotografie aufgewachsen ist“, sagt Wolfgang Stranzinger, Gründungs- und Vorstandsmitglied der Lomographischen Gesellschaft in Wien. Stranzinger schreibt mit seiner Firma seit 2006 analoge Fotogeschichte. Die Firma expandiert jährlich um 20Prozent, weltweit, mit Tochtergesellschaften in Rio de Janeiro, Tokio und bald auch in Neu-Delhi. Was wie ein überschaubarer Laden für fotografiebegeisterte Individualstädter im Wiener Museumsquartier aussieht, ist in Wirklichkeit ein global agierender Konzern mit hundert Mitarbeitern in Österreich und noch mal hundert im Ausland. Hinter der Hand munkeln Branchenkollegen schon längst, dass die Lomographen die analoge Fotografie gerettet haben. „Viele unserer Kunden haben in ihrem ganzen Leben noch keinen Film in der „Hand gehalten“, erklärt Stranzinger seinen Geschäftserfolg. „Für sie ist es daher aufregend, eine neue Art der Fotografie kennenzulernen. Und sie sind bereit, Zeit zu investieren.“ Es seien vor allem junge Städter, die sich der analogen Fotografie wieder erfreuen. „Leute, die individueller sein wollen und nicht mit der Masse gehen“. Rund zehn Prozent, schätzt er, seien das in jeder größeren Stadt der Welt. Und ihr Durchschnittsalter sinkt. War der durchschnittliche Lomographie-Kunde im Jahr 2002 noch zwischen 28 bis 30Jahre alt, ist er jetzt um vier Jahre jünger.


Neue Spannung. „Ich bin ziemlich schnell abhängig geworden“, erklärt Clemens Fantur, und wenn er das sagt, dann ist die Begeisterung in seiner Stimme nicht zu überhören. Fantur, der sich schon lange mit Fotografie beschäftigt, hat sich Anfang des Jahres seine erste hochwertige Kleinbildkamera, eine ContaxT3, gekauft. Für ihn ist das analoge Fotografieren „ein unbeschreibliches Gefühl, vor allem, wenn du den Film ins Entwicklungslabor bringst“ Neugier, Spannung, freudiges Fiebern. Während der Wartezeit auf den entwickelten Film „gibt es nichts Wichtigeres“. Allerdings: „Ich fotografiere nicht aus nostalgischen Gründen mit Filmen, sondern aus ästhetischen.“ Seine Kamera ist so groß wie zwei Zigarettenschachteln. Die trägt er ständig bei sich, um die Motive zu finden, die andere Leute auf der Straße übersehen. Die Geldbörse bleibt seither zu Hause. Kein Platz in der Hose.

„Die große Masse ist verloren“, sagt Hartmuth Schröder von der Firma Maco Photo Products. „Die Leute, die früher ihre Filme im Supermarkt gekauft haben, die sind für immer weg. Aber die Anzahl der analogen Fotografen, die steigt wieder.“ Schröder muss es wissen, denn er ist Direktor der Fotoabteilung bei Maco, einer der führenden Film- und Fotozubehörlieferanten in Deutschland. „Wir haben im Jahr 2009/2010 erstmals annähernd wieder die Zahlen vom Jahr 1995 erreicht“, sagt Schröder. „Es ist vor allem der anspruchsvolle Sektor, der wieder extrem gut läuft.“


Kundenzuwachs. Kein Wunder, die Mittelformat- und Großbildkameras sind zurzeit billiger denn je erhältlich – auf eBay oder in Kamerashops. „Auch wenn die Kameras gebraucht sind, können sie aufgrund der Technik nach Jahren noch tadellos eingesetzt werden. Da ergeben sich oft echte Schnäppchen“, sagt Peter Coeln, Leiter der Wiener Fotogalerie Westlicht und Inhaber des Leica-Shops in der Wiener Westbahnstraße. Analoge Fotografie, die sei noch lange nicht tot. Besonders im Ausland seien die Kameras noch immer sehr gefragt, in China oder den ehemaligen Ostblockstaaten. „Polaroid-Kameras reißen uns die Japaner regelrecht aus der Hand“, sagt Coeln. Von einem wieder auflebenden Trend mag er nicht sprechen. „Wir sind so gut vernetzt, unsere Verkaufszahlen sind wirklich kein Vergleich.“

In Wien dürfen sich die übrig gebliebenen Fotolabors jedenfalls wieder über mehr Kunden freuen. Die Umsätze des Urgesteins Krzysztof Wolczak steigen seit Mai wieder, was er auch auf die neuen Filme zurückführt, die Kodak und andere noch immer entwickeln und die in ihrer Auflösung keiner digitalen Kamera mehr nachstehen. Und auch das Wiener Cyberlab verzeichnete in den vergangenen zwei Jahren steigende Umsätze bei der Filmentwicklung, die aber mittlerweile wieder stagnieren. „Man muss solche Zahlen immer mit Vorsicht genießen“, sagt Gerhard Hinterleitner, Geschäftsführer des Cyberlab, „Wer weiß schon, ob dem Anstieg nicht der Tod eines anderen Fotolabors vorausgegangen ist.“ „Für mich ist es einfach eine andere Art zu fotografieren“, erklärt Christian Flatscher, warum er sich vor einem halben Jahr seine Mamiya7 zugelegt hat. Der 27-Jährige studiert Architektur in Innsbruck und fotografiert immer wieder für Architekten. Nach mehreren Jahren mit der digitalen Kamera, hat er jetzt den technischen Schritt zurück gewagt. „Es ist ein ganz anderes Gefühl, wenn du nur eine geringe Anzahl an Fotos verschießen kannst. Du musst vorher überlegen, was du fotografieren möchtest“, sagt er. Seither denke er anders, besser in Farben, besser in Motiven.

Flatscher ist neben Clemens Fantur nur einer von vielen, der wieder zurück zu Papas alter Kamera finden. Ob Polaroid, Lomo, Schwarz-Weiß und dann selbst entwickelt, die analoge Nische bringt durchaus wieder neue Trends hervor. Die gute alte Kleinbildkamera, die vor drei, vier Jahren noch als „uncool“ degradiert wurde, ist unter fotografiebegeisterten Menschen längst wieder in. „Eine 35-mm-Kleinbildkamera ohne Zoom reicht vollkommen aus“, berichtet auch Daniel Gebhart de Koekkoek. Der Fotograf, der meistens Reportage- und Porträtfotos für Magazine wie „Vice“, „The Gap“ oder „Monocle“ macht, verwendet selbst ausschließlich analoge Kleinbild-, Mittelformat- oder Großformatkameras.

„Die meisten Leute haben ihre Kameras trotz der Größe ständig dabei“, um – so wie er – „Alltagssituationen in einem neuen Blickwinkeln zu interpretieren.“ Ein unaufgeregter Blick auf einen Sprungturm, auf dem viele Menschen stehen, nur links fällt einer runter. Oder die idyllische Sicht auf einen irischen Bauernhof mit grünen Wiesen, nur im Eck des Fotos sieht man den Besitzer nackt den Rasen mähen. „Da tun sich ganz freundlich gemeinte Wettbewerbe auf“, sagt er. „Es geht darum, eine Situation so gewöhnlich und gleichzeitig ungewöhnlich wie möglich zu zeigen.“

Wettbewerbsvorteil? Unter seinen sechs Kollegen im Studio in der Schottenfeldgasse ist er der Einzige, der die Dunkelkammer in Beschlag nimmt. Nicht aus ökonomischen Gründen, sondern aus Liebe zum Film. Die Kammer ist nur zwei Quadratmeter groß, darin findet sich die Entwicklerfarbe und die alte Leine zum Aufspannen der Bilder. Finanziell, so glaubt er, habe er mit der analogen Kamera keine Nachteile. Im Gegenteil. „Viele Auftraggeber sind begeistert, wenn ich Ihnen erzähle, dass ich nur analog fotografiere, da ist dann auch die Abgeltung des Materials kein Problem.“ Und die Fotos würden eine andere Qualität erreichen. Schönere Farben, mehr Tiefe – „sie sind emotionaler mehr aufgeladen“.
Keine Lust auf Software und Scanner.Die analoge Fotografie scheint auch in der Berufswelt durchaus noch beliebt zu sein. Stefan Oláh arbeitet seit 15 Jahren als Berufsfotograf und stieg zunächst auf digitale Kameras um. Er hat sich das gesamte Equipment gekauft, neue Computerprogramme gelernt, Softwares installiert, Scanner gewartet, Drucker kalibriert und dann doch wieder alles bleiben lassen. „Ich habe mehr Zeit vor dem Computer verbracht als hinter der Kamera“, sagt er. Sein nächstes Projekt führt ihn nun nach Indien, dort fotografiert er buddhistische Tempeln im Himalaja. „Wenn ich im Staub herumklettere und mehrere Tage in Hütten ohne Strom lebe, wo soll ich dann die Akkus für das digitale Equipment aufladen?“

Dafür ist er von etwas anderem abhängig, einem guten Fotolabor – und das ist außerhalb Wiens oft gar nicht leicht zu finden. Erst vergangene Woche hat das Fotolabor, in dem Christian Flatscher in Innsbruck seine Fotos hat entwickeln lassen, seine Türen für immer verriegelt. Ersatz hat er bislang noch keinen gefunden. Jetzt überlegt er, die Fotos zum Entwickeln nach Wien zu schicken – oder nach München. „Rein technisch gesehen ist das Entwickeln der Bilder auch nicht mehr das, was es früher war, weil die Negative gescannt werden“, gibt Gerhard Hinterleitner vom Cyberlab zu bedenken. Die Geburtsstunde des eigentlichen Fotos ist also eine digitale Datei auf einem Computer. „Selbst wenn das Foto nachher ausgedruckt wird, wird es zuerst digitalisiert“, sagt Hinterleitner nicht ohne zu schmunzeln. Die meisten seiner Kunden würden daher lieber gleich eine Daten-CD kaufen und auf das Entwickeln auf Fotopapier verzichten. Aus diesem Grund hat auch die Lomographische Gesellschaft ein Mini-Lab im Wiener Store errichtet. Das Entwickeln der Fotos auf Papier ist erwünscht, das Hochladen der Fotos im eigenen Lomo-User-Account noch mehr. Rund 10.000Fotos werden täglich weltweit hochgeladen, sagt Stranzinger. Bald soll es in jedem der 20 Lomo-Shops auf der Welt ein Mini-Lab geben.

„The Impossible Project“ hat es einfacher. Das Wiener Unternehmen hat der Welt die alten Polaroid-Filme und Kameras zurückgegeben. Die Firma kümmert sich dabei nicht um ein Entwicklungslabor, wohl aber um neue Filme und Kameras. Das Unternehmen hat erst vor dem Sommer mit dem Polaroid 100 Blue Giambarba einen Film in monochromatischen Blautönen auf den Markt gebracht, der lange angekündigte Farbfilm soll im Herbst folgen. Alles schwierig, weil die Originalfilmkartuschen nicht mehr erhältlich sind und die Filme komplett neu entwickelt werden müssen. Auch eine eigene, vollkommen neu entwickelte Kamera soll Anfang nächsten Jahres herauskommen. Was alt ist, muss eben manchmal auch neu erfunden werden.

Lebensgefühl. Für Christian, Clemens und Daniel sind analoge Kameras Werkzeuge, vielleicht auch ein Lebensgefühl. Aus diesem Grund organisieren sie im Herbst eine gemeinsame Ausstellung: „Mountains Beyond Mountains“ in einer zum Art Space umfunktionierten Garage im 9. Wiener Bezirk. Auch Christian Flatschers erstes Foto, das er mit seiner neuen Mamiya7 gemacht hat, wird zu sehen sein. Erst am zweiten Tag mit seiner neuen Kamera hatte das Warten ein Ende. Beim Wandern in den Tiroler Bergen. Ein Überdruckstollen, nebst Staudamm. Klick!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2010)

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1 Kommentare
Gast: Deadwood
26.09.2010 09:34
0

Netter Versuch...

Die Statistiken zeigen eine andere Richtung an. Klar wird es immer Fotografen geben, die so lange wie möglich analog fotografieren. Man muss übrigens nicht lange recherchieren um eine Mittelformat von Mamiya günstig zu bekommen.

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