Künstler und Aktivisten: Graffiti mit der Häkelnadel

11.12.2010 | 18:09 |  von christa langheiter (Die Presse)

Die Garn-Guerilla ist unterwegs: Künstler und Aktivisten, die Dinge im öffentlichen Raum bestricken und umhäkeln. Als künstlerisches und gesellschaftliches Statement.

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Der öffentliche Raum besteht nicht nur aus Asphalt, Wiesen, Beton und ein paar Metallstangen, die Verkehrsschilder tragen. Auch ein ganz anderes Material bekommt allmählich seinen Platz: Wolle legt sich über Laternenmasten, Denkmäler, Brücken und vieles mehr, weil Künstler und Aktivisten sie mit Gehäkeltem und Gestricktem überziehen. Ein Trend, der aus den USA kommt, dort nennt er sich „yarn bombing“, „yarn graffiti“ oder „guerilla knitting“. Hierzulande spricht man meist von „Garn Graffiti“.

Claudia Neugebauer aus Wels malt mit Acryl, zeichnet mit Kreide und häkelt mit Wolle und aus Leidenschaft. Sie ist „Extremhäklerin“ und liebt es, wenn Farben und Muster ganz spontan entstehen. Ohne Vorschriften und Vorgaben. „Häkeln wird oft belächelt“, meint Neugebauer. Ein Grund mehr für sie, „Häkeln durch Objekte im öffentlichen Raum in einen neuen, künstlerischen Zusammenhang zu bringen“. Seit nunmehr drei Jahren umhäkelt sie etwa Dachrinnen und Masten, sie legt aber auch Steine ans Flussufer, die sie zuvor sorgsam mit einem Wollkleid versehen hat. Einmal hat sie auch ein Spinnennetz gehäkelt, mit acht Meter Spannweite, eine Auftragsarbeit für einen Wanderweg.

Inzwischen kommen bereits Menschen auf Neugebauer zu und fragen sie, ob sie nicht hier und dort für sie häkeln könne, etwa um kahle Stellen an Häusern zu verdecken. Dass viele in ihrer Umgebung offenbar Gefallen an diesen Wollobjekten im öffentlichen Raum gefunden haben, erklärt sich Neugebauer so: „Sie sind weich, bunt, witzig, und sie überraschen.“ Bisher habe es ausschließlich positive Reaktionen auf ihre „Garn Graffitis“ gegeben. „Das hätte ich mir anfangs gar nicht gedacht.“


Leicht zu entfernen. Gesprayte Graffitis sehen viele Städte und ihre Bewohner nicht so gern im öffentlichen Raum. Wolle hingegen löst mehr Sympathien aus als Farbe aus der Spraydose. Neugebauer zerstreut Bedenken, dass auch gehäkelte Graffitis als unerlaubter Eingriff in den öffentlichen Raum empfunden werden könnten: „Sie sind ja ganz harmlos, machen nichts kaputt und man kann sie jederzeit wieder entfernen.“

Eine ähnliche Haltung vertritt die „Yarn Graffiti Community“. Anfangs hat sie noch vorwiegend anonym in „Guerilla“-Manier agiert, doch langsam werden ihre Aktionen und Strickwerke populärer, und die Aktivisten treten aus der Anonymität in die Öffentlichkeit wie die Werke, die sie produzieren. Auch eine Gruppe junger Frauen in Wien hat sich zu diesem Schritt entschlossen. Die „Strickistinnen“ sind Aktivistinnen mit Begeisterung für Wolle und für gesellschaftliche Statements im öffentlichen Raum. Sie wollen auf politische Zusammenhänge aufmerksam machen und zu einem neuen Blickwinkel auf Bekanntes und Vertrautes animieren. Vor Kurzem haben sie etwa mit einer Aktion auf die Plakatierverbote in der Stadt reagiert. Dabei haben sie die Botschaft „Einstricken verboten“ gestrickt und an verschiedenen Masten in Wien angebracht. Verblüfft waren die „Strickistinnen“, wie schnell das Gestrickte wieder verschwand, innerhalb von 24 Stunden. „Wie ist es möglich ist, dass jemand so schnell reagiert? Wer fühlt sich zuständig, gestrickte Objekte aus dem öffentlichen Raum zu entfernen?“, fragt sich Antonia Wenzl. Vor allem kritische Botschaften hätten oft eine kurze Lebensdauer im öffentlichen Raum. „Es schmerzt schon ein wenig, wenn ein Objekt so schnell wieder weg ist. Wir haben ja lange daran gestrickt, und die Wolle kostet auch“, sagt Betina Aumair.

Für die Strickistinnen ist nicht nur die Wirkung, sondern auch der Entstehungsprozess ihrer Werke Teil ihrer Aktionen. Größere Objekte werden gemeinschaftlich hergestellt, dabei finden auch die Treffen zur Vorbereitung im öffentlichen Raum statt. Auf diese Weise wird die traditionelle Handarbeitstechnik des Strickens in zweifacher Hinsicht vom Privaten in das Öffentliche transferiert. Bis ein Objekt fertiggestellt ist, können Wochen, manchmal Monate vergehen, berichtet Aumair: „Allein eine gerade Fläche zu stricken dauert schon sehr lange.“ Doch das langsame Tempo habe auch einen Vorteil: „Man wird mit dem Thema, mit dem man sich beschäftigt, vertrauter.“ Die Meinungen und Haltungen reifen, „aber nicht immer das sichtbare Ergebnis. Schließlich gibt es beim Stricken keine Löschtaste.“ Auch Wenzl empfindet die Langsamkeit grundsätzlich als positiv. „Der Nachteil aber ist, dass man nicht tagesaktuell reagieren kann.“


Dialog mit Botschaft. Die „Rückeroberung des öffentlichen Raumes“ ist ein Motiv für das öffentliche Stricken, ebenso die Bewusstmachung von gesellschaftlichen Themen. Aber auch der Dialog mit den Passanten ist eine Aufgabe der „Garn Graffiti“. Wenzl erzählt, wie überrascht manche reagieren, wenn sie so klassisch privaten Dingen wie Wolle und Stricknadeln auf der Straße begegnen. „Da kommt es oft zu witzigen Begegnungen.“

Auch „Extremhäklerin“ Claudia Neugebauer erlebt häufig, dass sich interessante Gespräche ergeben: „Einmal hat mir ein Mann gestanden, dass er stricken kann, obwohl er meinte, dass man das ja als Mann gar nicht sagen dürfe.“


Wollinterventionen. „Kunst passiert in Interaktion. Mit öffentlichen Strickaktionen wird das Kunstverständnis in gewissen Räumen erweitert“, erklärt Lisbeth Freiß, Universitätsassistentin an der Akademie der bildenden Künste, Abteilung Moden und Styles. Mit ihren Studierenden führte sie vor Kurzem eine Strickaktion im öffentlichen Raum durch, genauer gesagt in der U-Bahn.

Dabei ging es laut Freiß darum, „den Studierenden den sozialen Aspekt von Kunstproduktion bewusst zu machen“. Die Studierenden haben sich etwa mit Netzen und anderen „raumbildenden Elementen“ Abteile angeeignet und konnten die Reaktionen der Fahrgäste beobachten. Diese waren überwiegend positiv, wie Freiß berichtet: „Gestricktes wird als häuslich und ungefährlich empfunden, es ist eine Art weiche Revolution.“ Verstörte Blicke habe es trotzdem gegeben. „Wir haben schließlich in den Raum eingegriffen“, so Freiß.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2010)

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